Interview

“Russen tanzen wirklich krasser als jeder Europäer, wirklich”

Wir haben uns mit Philipp Gorbachev über die Entdeckung des russischen Tanzes, die Szene unter der Krise und sein neues Album unterhalten.
1.7.16
Philipp Gorbachev: „Damals gab es in Russland keinen Club, der mich rein- und spielen lassen würde. Ich war zu anders."

In Moskau müsste man jetzt sein. Da findet nämlich dieses Wochenende das Outline Festival in einer abgelegenen Industriebrache der Stadt statt. Tolle Kulisse, bestes Line-up: The Residents, Ricardo Villalobos, Magda spielen etwa—und zahlreiche vielversprechende russische KünstlerInnen. Einer davon ist Philipp Gorbachev, obwohl der seit einiger Zeit bereits in Berlin lebt. Der Cómeme-Act und Labelbetreiber von PG Tune wird in einer besonders ausgetüftelten Liveshow sein neues Album Unlock the Box erstmals einem Publikum präsentieren. Und dafür könnte es—Krise hin, Krise her—keinen besseren Ort als Outline geben. Denn, so Gaspadin Gorbachev: „Wir haben in den letzten Jahren eine Entdeckung gemacht: Die Russen können tanzen—und zwar echt krass." Zeit also für ein Gespräch über den Zustand der russischen Szene in diesen Tagen und über den großartigen Club Arma17, dessen Kollektiv auch hinter dem Outline steckt.

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Als wir uns zu einer kurzen Skype-Konferenz verabreden, steckt er gerade mitten in den Vorbereitungsarbeiten für seinen großen Auftritt …

Ein älterer Auftritt von Gorbachev im Berliner Boiler Room.

thump: Philipp, привет und hallo! Du lebst seit einigen Jahren in Berlin. Meinst du, wir können das Interview auch auf Deutsch führen?
Es geht so. Aber ok, lass es uns probieren. Das wird mein erstes Interview in dieser Sprache.

Du bereitest dich ja gerade noch auf die Album-Live-Show beim Outline am Wochenende vor. Was hat es mit damit auf sich?
Mein Label, PG Tune, ist eher ein Kanal für Unterhaltung. Da wird nicht mehr einfach nur Musik veröffentlicht, sondern es gibt immer ein Konzept drumherum. Bei der „The Weeping Tune"-Single mit dem Barnt-Mix habe ich etwa den gesamten Entstehungsprozess mitbegleitet; das Mastering, die Covererstellung mit einer Wärmebildkamera … Der Song ist zudem thematisch über das Weinen an sich, über die Möglichkeit aufrichtig zu lieben. Das ist ein so starkes Gefühl, dass man eigentlich sofort weinen muss.

Aber wir wollten ja über Unlock The Box, dein neues Album, sprechen …
Genau, das werde ich beim Outline vorstellen. Dabei ist wichtig, dass es ohne die Show kein Album gibt—und ohne das Album keine Show. Ich wollte von Anfang nicht einfach bloß mit zwei USB-Sticks dahinfahren, auflegen und dann wieder abhauen, sondern ich wollte gezielt mit einem Club und Festival zusammenzuarbeiten. Und das geht in diesem Umfang nur mit dem Outline. Natürlich will ich dabei auch den Leuten was Besonders bieten.

Wenn es zum Tanzen kommt, dann ist ein russischer Club kein europäischer Raum mehr.

Findest du Sets von USB-Sticks denn doof?
Nein, aber es ist so: Dance Music funktioniert ohne Kontext, ohne Umgebung einfach nicht als Tanzmusik. Ich bin aber selbst Raver und gehe immer überall hin. Das sollen die Menschen bei mir dann auch spüren, live, mit Band und Gesang.

Meinst du das, wenn du von deinem Konzept des #DAYTIMERAVING sprichst?
Ja. Zu der Zeit, als ich in Berlin an meiner ersten Platte für Cómeme arbeitete, gab es in Russland keinen Club, der mich rein- und spielen lassen würde. Ich war denen zu … anders. Der Unterschied zwischen einem Vinyl-DJ-Set ohne Mikrofon und Exzesse einerseits, und allem, was ich mache, andererseits war ihnen schlicht zu krass. Damals war das Publikum auch viel mehr auf Glamour und Nightclub Entertainment aus. Alles war sehr kommerziell und es gab keine Nischen. Erst als ich Jahre später das erste Mal vom Arma17 nach Moskau gebucht wurde, fiel mir auf, wie viele Leute sich in den letzten Jahren neu auf dem Dancefloor zusammengefunden hatten. Es gibt neue Produzenten, neue Musik, neue Labels. Sie alle haben eins gemerkt: Die Russen können tanzen—und zwar echt krass. Das ist ein wirklich wichtiger Punkt. Wenn es zum Tanzen kommt, dann ist ein russischer Club kein europäischer Raum mehr.

Eine Besucherin beim Outline im letzten Jahr. Foto: Outline Festival/Camille Blake

Oha, und woran liegt das?
An der Chemie und der Magie. Es ist ein ganz anderes Gefühl. Lass es mich so sagen: Stell dir den russischen Wald vor. Und auf einmal gibt es da Wände mit britischen oder amerikanischen Soundsystems zwischen ihnen. Und die Leute kommen aus dem Wald herein und versammeln sich dort. Sie kennen das nicht, denn sie wurden ganz anders als etwa Berliner sozialisiert. Für uns Russen ist alles exotisch, da es nie so viel Austausch mit anderen Kulturen und Ländern gab. Und trotzdem sind wir alle scharf auf Kunst und Kultur.
Gleichzeitig ist Tanzen hier derzeit quasi verboten. Denn die Werte des Dancefloors sind keine autoritären Werte. House steht für alles, wofür dieses System nicht steht. Bei House kennst du deine Schwestern und Brüder, ohne dass du irgendwelche Vorurteile aus den Medien über sie hörst.

Über deine Residency im Arma17 bist du nun selbst ein Teil davon geworden. Was bedeutet dir der Club?
Die Leute hinter Arma17 mögen alle verschiedene Musik. Der Club und sein Kollektiv stellen eine Plattform für eine gewisse Gruppe von Leuten dar. Es geht um gute Musik und gute Laune, nicht um Abgrenzung. Das einzige, wogegen sie explizit sind, ist … Schlaf. Wenn du um 9 Uhr früh auf dem Mainfloor dort spielst, dann ist es voll und die Leute total dabei. Unten, im Keller, legen vielleicht gerade L.I.E.S. auf—und es herrscht das gleiche Bild vor. Daneben im Hof, zwischen Plattenladen und Homus-Bar, auch. Ganz oben gibt es dann noch einen dritten, brechend vollen Floor, wo tINI auflegt. Alle haben Spaß, während draußen noch immer Leute in der Schlange warten. Das ist eine ganz krasse Alternative zum Alltag. Die einzigen, die nicht da sind, sind die „faulen" Leute, wie sie Omar-S mal in einem Interview genannt hat. Früher ging die Standardnacht in Moskau nur von 11 bis 5. Zu den Afterhours wollte niemand, die waren schlichtweg langweilig.

Tanzen ist in Russland derzeit quasi verboten. Denn die Werte des Dancefloors sind keine autoritären Werte. Aber: Jetzt ist genau die richtige Zeit, um gute Musik zu machen.

Heute gibt es ein Sanktionen, eine schwächelnde Wirtschaft, und einen Rubel, der in den letzten zwei Jahren beinahe die Hälfte seines Wertes eingebüßt hat. Das Outline bucht ja auch ausländische Künstler, die jetzt teuerer sind, als noch vor 2014. Wie hat sich das auf das Festival ausgewirkt?
Natürlich wurde alles durch die Situation nicht einfacher. Es ist hart. Und auch wenn nicht mehr viele Leute und Labels und eben auch das Outline als Festival übrig geblieben sind, so sind diese jetzt sogar noch motivierter und unabhängiger geworden. Und: Jetzt ist genau die richtige Zeit, um gute Musik zu machen. Die Not verbindet die Menschen. Größere Clubs, wie etwa der Space-Ableger haben zwar echte Probleme. Aber das ist nichts Neues, denn Russen haben noch nie Rücklagen gebildet.

Versteht ihr euch also als eine Form von Untergrund?
Es geht nicht um Politik. Es geht um gute Musik und gute Vibes. Während du im Arma17 oder auf dem Outline bist, denkst du nicht an all den Kram, der sich wenige Kilometer weiter abspielt. Diese neue nationale Identität, der Krieg in der Ukraine … Es ist ein gefährliches Spiel. Aber dafür haben wir ja jetzt das russische Tanzen entdeckt. Wir stehen gerade erst am Anfang. Alle Möglichkeiten stehen uns offen.

Nachfolgend findest du Unlock the Box, das gerade auf PG Tune erschienen ist, im Stream:

In Moskau müsste man jetzt sein. Da findet nämlich dieses Wochenende das Outline Festival in einer abgelegenen Industriebrache der Stadt statt. Tolle Kulisse, bestes Line-up: The Residents, Ricardo Villalobos, Magda spielen etwa—und zahlreiche vielversprechende russische KünstlerInnen. Einer davon ist Philipp Gorbachev, obwohl der seit einiger Zeit bereits in Berlin lebt. Der Cómeme-Act und Labelbetreiber von PG Tune wird in einer besonders ausgetüftelten Liveshow sein neues Album Unlock the Box erstmals einem Publikum präsentieren. Und dafür könnte es—Krise hin, Krise her—keinen besseren Ort als Outline geben. Denn, so Gaspadin Gorbachev: „Wir haben in den letzten Jahren eine Entdeckung gemacht: Die Russen können tanzen—und zwar echt krass." Zeit also für ein Gespräch über den Zustand der russischen Szene in diesen Tagen und über den großartigen Club Arma17, dessen Kollektiv auch hinter dem Outline steckt.

Als wir uns zu einer kurzen Skype-Konferenz verabreden, steckt er gerade mitten in den Vorbereitungsarbeiten für seinen großen Auftritt ...

Ein älterer Auftritt von Gorbachev im Berliner Boiler Room.

thump: Philipp, привет und hallo! Du lebst seit einigen Jahren in Berlin. Meinst du, wir können das Interview auch auf Deutsch führen?
Es geht so. Aber ok, lass es uns probieren. Das wird mein erstes Interview in dieser Sprache.

Du bereitest dich ja gerade noch auf die Album-Live-Show beim Outline am Wochenende vor. Was hat es mit damit auf sich?
Mein Label, PG Tune, ist eher ein Kanal für Unterhaltung. Da wird nicht mehr einfach nur Musik veröffentlicht, sondern es gibt immer ein Konzept drumherum. Bei der „The Weeping Tune"-Single mit dem Barnt-Mix habe ich etwa den gesamten Entstehungsprozess mitbegleitet; das Mastering, die Covererstellung mit einer Wärmebildkamera ... Der Song ist zudem thematisch über das Weinen an sich, über die Möglichkeit aufrichtig zu lieben. Das ist ein so starkes Gefühl, dass man eigentlich sofort weinen muss.

Aber wir wollten ja über Unlock The Box, dein neues Album, sprechen ...
Genau, das werde ich beim Outline vorstellen. Dabei ist wichtig, dass es ohne die Show kein Album gibt—und ohne das Album keine Show. Ich wollte von Anfang nicht einfach bloß mit zwei USB-Sticks dahinfahren, auflegen und dann wieder abhauen, sondern ich wollte gezielt mit einem Club und Festival zusammenzuarbeiten. Und das geht in diesem Umfang nur mit dem Outline. Natürlich will ich dabei auch den Leuten was Besonders bieten.

Wenn es zum Tanzen kommt, dann ist ein russischer Club kein europäischer Raum mehr.

Findest du Sets von USB-Sticks denn doof?
Nein, aber es ist so: Dance Music funktioniert ohne Kontext, ohne Umgebung einfach nicht als Tanzmusik. Ich bin aber selbst Raver und gehe immer überall hin. Das sollen die Menschen bei mir dann auch spüren, live, mit Band und Gesang.

Meinst du das, wenn du von deinem Konzept des #DAYTIMERAVING sprichst?
Ja. Zu der Zeit, als ich in Berlin an meiner ersten Platte für Cómeme arbeitete, gab es in Russland keinen Club, der mich rein- und spielen lassen würde. Ich war denen zu ... anders. Der Unterschied zwischen einem Vinyl-DJ-Set ohne Mikrofon und Exzesse einerseits, und allem, was ich mache, andererseits war ihnen schlicht zu krass. Damals war das Publikum auch viel mehr auf Glamour und Nightclub Entertainment aus. Alles war sehr kommerziell und es gab keine Nischen. Erst als ich Jahre später das erste Mal vom Arma17 nach Moskau gebucht wurde, fiel mir auf, wie viele Leute sich in den letzten Jahren neu auf dem Dancefloor zusammengefunden hatten. Es gibt neue Produzenten, neue Musik, neue Labels. Sie alle haben eins gemerkt: Die Russen können tanzen—und zwar echt krass. Das ist ein wirklich wichtiger Punkt. Wenn es zum Tanzen kommt, dann ist ein russischer Club kein europäischer Raum mehr.

Eine Besucherin beim Outline im letzten Jahr. Foto: Outline Festival/Camille Blake

Oha, und woran liegt das?
An der Chemie und der Magie. Es ist ein ganz anderes Gefühl. Lass es mich so sagen: Stell dir den russischen Wald vor. Und auf einmal gibt es da Wände mit britischen oder amerikanischen Soundsystems zwischen ihnen. Und die Leute kommen aus dem Wald herein und versammeln sich dort. Sie kennen das nicht, denn sie wurden ganz anders als etwa Berliner sozialisiert. Für uns Russen ist alles exotisch, da es nie so viel Austausch mit anderen Kulturen und Ländern gab. Und trotzdem sind wir alle scharf auf Kunst und Kultur.
Gleichzeitig ist Tanzen hier derzeit quasi verboten. Denn die Werte des Dancefloors sind keine autoritären Werte. House steht für alles, wofür dieses System nicht steht. Bei House kennst du deine Schwestern und Brüder, ohne dass du irgendwelche Vorurteile aus den Medien über sie hörst.

Über deine Residency im Arma17 bist du nun selbst ein Teil davon geworden. Was bedeutet dir der Club?
Die Leute hinter Arma17 mögen alle verschiedene Musik. Der Club und sein Kollektiv stellen eine Plattform für eine gewisse Gruppe von Leuten dar. Es geht um gute Musik und gute Laune, nicht um Abgrenzung. Das einzige, wogegen sie explizit sind, ist ... Schlaf. Wenn du um 9 Uhr früh auf dem Mainfloor dort spielst, dann ist es voll und die Leute total dabei. Unten, im Keller, legen vielleicht gerade L.I.E.S. auf—und es herrscht das gleiche Bild vor. Daneben im Hof, zwischen Plattenladen und Homus-Bar, auch. Ganz oben gibt es dann noch einen dritten, brechend vollen Floor, wo tINI auflegt. Alle haben Spaß, während draußen noch immer Leute in der Schlange warten. Das ist eine ganz krasse Alternative zum Alltag. Die einzigen, die nicht da sind, sind die „faulen" Leute, wie sie Omar-S mal in einem Interview genannt hat. Früher ging die Standardnacht in Moskau nur von 11 bis 5. Zu den Afterhours wollte niemand, die waren schlichtweg langweilig.

Tanzen ist in Russland derzeit quasi verboten. Denn die Werte des Dancefloors sind keine autoritären Werte. Aber: Jetzt ist genau die richtige Zeit, um gute Musik zu machen.

Heute gibt es ein Sanktionen, eine schwächelnde Wirtschaft, und einen Rubel, der in den letzten zwei Jahren beinahe die Hälfte seines Wertes eingebüßt hat. Das Outline bucht ja auch ausländische Künstler, die jetzt teuerer sind, als noch vor 2014. Wie hat sich das auf das Festival ausgewirkt?
Natürlich wurde alles durch die Situation nicht einfacher. Es ist hart. Und auch wenn nicht mehr viele Leute und Labels und eben auch das Outline als Festival übrig geblieben sind, so sind diese jetzt sogar noch motivierter und unabhängiger geworden. Und: Jetzt ist genau die richtige Zeit, um gute Musik zu machen. Die Not verbindet die Menschen. Größere Clubs, wie etwa der Space-Ableger haben zwar echte Probleme. Aber das ist nichts Neues, denn Russen haben noch nie Rücklagen gebildet.

Versteht ihr euch also als eine Form von Untergrund?
Es geht nicht um Politik. Es geht um gute Musik und gute Vibes. Während du im Arma17 oder auf dem Outline bist, denkst du nicht an all den Kram, der sich wenige Kilometer weiter abspielt. Diese neue nationale Identität, der Krieg in der Ukraine ... Es ist ein gefährliches Spiel. Aber dafür haben wir ja jetzt das russische Tanzen entdeckt. Wir stehen gerade erst am Anfang. Alle Möglichkeiten stehen uns offen.

Nachfolgend findest du Unlock the Box, das gerade auf PG Tune erschienen ist, im Stream:

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