Ausgehen

Soziale Kompetenzen, die du beim Ausgehen lernst

Ob du es glaubst oder nicht: Clubs und Partys können dich zu einem besseren, erwachsenen Menschen machen.

von Fredi Ferkova
19 Oktober 2016, 3:45pm

Knopf Kino

Meine Mutter trinkt keinen Alkohol und ist gläubig—was gewisse Unterhaltungen schwer macht. Vor allem die über das Feiern. Oder wie meine Mutter es gerne nennen würde: Mit Satan in der Hölle auf Heroin tanzen. Nicht, dass ich meine Mutter mit den Details eines Party-Abends belasten würde. Aber ich bekomme auch mit 24 oft passiv-aggressive und vorwurfsvolle Fragen gestellt, wenn ich sage, dass ich heute ausgehe. Übrigens: "Muss an meiner Kindheit liegen" ist keine optimale Antwort auf die Frage, warum ich schon wieder ausgehen muss.

Irgendwann mit 19 habe ich meine "Tür-Zuknallen-Anschreien"-Taktik geändert. Ich wollte, dass meine Mutter genau so viel Sinn im Feiern sieht, wie ich es tue. Gut, ich sehe eigentlich auch keinen Sinn darin, aber wenn man gewisse Dinge wiederholt, werden sie ja vielleicht eines Tages wahr. Deshalb hier meine Top-Argumente-Liste für das Ausgehen. Benutzt sie gerne bei langweiligen Homepartys, euren Eltern und anderen Menschen, die gerne Spaß ohne Alkohol haben. Achtung: Zukünftige Arbeitgeber finden die Sätze nur bedingt lustig. Eigentlich gar nicht. Benutze die Sätze nicht als Argument für deine Soft Skills beim Bewerbungsgespräch.

Geduld

Alle Fotos von Knopf Kino. Dieser Artikel ist zuerst bei Noisey Alps erschienen

Nirgendwo lernst du dir so viel Geduld an wie beim Ausgehen. Du wartest nämlich die ganze Zeit. Zuerst wartest du auf das Taxi. Oder ein Verkehrsmittel. Das ist eigentlich noch OK. Dann wartest du vor dem Club in der Schlange. Das ist je nach Wetterlage entweder auch noch OK oder einfach nur beschissen.

Dann wartest du an der Bar. Nachher bei den Klos. Du wartest eigentlich die ganze Zeit. Aber es ist in Ordnung, weil du es gewohnt bist. Du bist nicht mehr 16 und reißt jemanden bei der Bar an den Haaren, weil er sich vordrängelt.

Du beschimpfst auch nicht mehr andere 16-Jährige, weil sie vor dir in der Klo-Kabine sind. Irgendwann bist du einfach die Ruhe in Person und weißt, dass solche Ausbrüche zum Rauswurf führen. Du bist weise und denkst dir diese Dinge einfach nur. Die Menschen, die sich lauthals beim Billa in der Schlange aufregen? Sie waren niemals fort.

Beispielsätze, um andere Personen zu überzeugen:

"Ich war früher absolut unausstehlich. Nun habe ich mich—nicht zuletzt auch wegen den Erziehungsmaßnahmen der Türsteher—endlich wieder unter Kontrolle. Dank dem Feiern!"

"Damals, als ich noch nicht gerne Partys besuchte, war jeder Billa- und Arzt-Besuch eine Zerreißprobe für mich. Seitdem ich mich regelmäßig in Clubs ansaufe, weiß ich einen ruhigen Warteraum oder eine gesittete Schlange zu schätzen."

Empathie

Beim Feiern sind wir alle gleich. Es ist egal, zu welcher politischen Gesinnung du dich zugehörig fühlst. Wenn jemand im Club stürzt, hast du Mitleid, weil du auch schon Mal gestürzt bist. Wir sind uns nicht nur im Tod gleich. Wir sind uns auch gleich, wenn unsere Köpfe in unserer Kotze hängen. Wer nicht an das Gute im Menschen glaubt, sollte unbedingt eine Clubtoilette aufsuchen.

Da werden—zumindest auf den Mädels-Klos—Haare gehalten, Haargummis und Deos geteilt und fremde Mädchen getröstet. Stürzer in Clubs werden von allen Beistehenden umsorgt und ihnen wird Wasser gebracht. Wir alle werden zu mitfühlenden Rettern des Abends, wenn unsere Hilfe gebraucht wird.

Beispielsätze, um andere Personen zu überzeugen:

"Seitdem ich feiern gehe, habe ich mir eine gewisse Zivilcourage angeeignet. Ich habe schon drei Menschen vor dem Rauswurf aus dem Club gerettet und einem Mädchen erfolgreich Beziehungstipps gegeben. Und das alles gratis."

"Früher waren Menschen nicht so meins. Seitdem ich mich im Club angekotzt und gemerkt habe, wie rührend mir fremde Menschen Wasser gebracht haben, finde ich Menschen doch nicht so doof."

Großzügigkeit

Jedes Mal nach dem Feiern ist man relativ pleite. Man hat mehr ausgegeben, als man wollte, drei Tschickpackerl verraucht oder verschenkt und man vermisst ein paar Dinge. Im besten Fall nur Kaugummis, im schlimmsten Fall ein Handy. Man lernt, mit Verlust zu leben und materiellen Dingen einfach nicht so viel Wert beizumessen.

Nur Menschen, die regelmäßig berauscht sind, wissen, wie einfach man sich ein Smartphone um 150 Euro beim Türken am Mexikoplatz holen kann. Oder wie man diverse Fundbüros kontaktieren kann. Und weil materielle Dinge irgendwann nicht mehr so wichtig sind, wie sie es Mal waren, teilt man auch gerne. Man teilt seine Drinks. Man teilt sein Geld. Man teilt seine Zigaretten. Sein Feuer. Diverse Arten von Gummis. Jeder Abend, der nicht zu Hause verbracht wird, macht uns gegenüber unseren Freunden zu verdammt großzügigen Menschen. Oftmals auch zu fremden Menschen.

Beispielsätze, um andere Personen zu überzeugen:

"Früher war es mir wichtig, dass ich genug Geld und Güter habe. Heute bin ich froh, wenn ich noch alle meine Nieren besitze."

"An einem Abend im Club verschenke ich bestimmt Sachen im Wert von mindestens fünf Euro. Wie viel hast du diese Woche verschenkt oder gespendet?"

Das "Nein"-Sagen

Ganz vielen Menschen fehlt diese soziale Kompetenz. Es ist auch nur menschlich, anderen Menschen genügen zu wollen. Aber nichts härtet dich mehr ab als ein Abend mit dem einen Wodka zu viel. Man lernt "Nein" zu sagen und es auch so zu meinen. Überlege: Nachdem du deine Teenager-Jahre mit Tequila und Wodka-Bull versoffen hast, weißt du wie diese Dinge riechen, wenn man sie auskotzt.

Du kannst jetzt standhaft "Nein" zu Red Bull als Mischgetränk sagen und du kannst auch Tequila-Shots von dir weisen. Du kannst auch "Nein" zu diversen Ideen sagen und auch wenn dich jemand anspricht, mit dem du nicht sprechen willst. Du kannst "Nein" zum Taxi-Fahrer sagen, der einen Umweg fahren will. Du kannst zum Türsteher "Nein" sagen, wenn er dich fragt, ob du eh keinen Flachmann mithast. Das Wort "Nein" ist beim Feiern überlebenswichtig. Und du kannst es voller Selbstvertrauen benutzen.

Beispielsätze, um andere Personen zu überzeugen:

"Früher war ich ein richtiger Ja-Sager. Erst seitdem ich mehrere Wochenenden hintereinander Galle und Tequila gebrochen habe, habe ich gelernt, zu gewissen Dingen 'Nein' zu sagen."

"Das Ausgehen hat Vertrauen in meine Instinkte gestärkt. Wenn ich ein schlechtes Gefühl bei einer Sache habe, kann ich jetzt 'Nein' sagen und darauf hören. Nie wieder fährt mich die Polizei nach Hause."

Gefühle richtig auszudrücken

Auch der ruhigste und introvertierteste Mensch hat diese Art von Nacht hinter sich. Die Nacht, in der er geheult hat. In der er hauptverantwortlich für das Drama war. Oder die Nacht, in der er randaliert hat und alle beschimpft hat. Manche haben diese Abende öfter, andere seltener. Und doch haben wir sie alle: Die Nächte, in denen man seinen eigenen Impulsen und Gefühlen zum Opfer wird.

Und spätestens nach dem zehnten schamerfüllten Morgen stößt man auf die Wurzel der Probleme. Es sind eigene, unterdrücke Gefühle. Bevor man sich das nächste Mal ansauft, versucht man seinen Scheiß auf die Reihe zu bekommen. Und irgendwann hat man es drauf. Man verdrängt nur Dinge, die angesoffen fix nicht rauskommen und bearbeitet Dinge, die einem zum Verhängnis werden könnten. Wenn das nicht für psychische Gesundheit steht, dann weiß ich auch nicht.

Beispielsätze, um andere Personen zu überzeugen:

"Anstatt meinen Ex um vier Uhr in der Früh betrunken als Idioten zu betiteln, mache ich das nun nüchtern untertags auf Whatsapp. Dank dem Feiern!"

"Seitdem ich ausgehe, ahne ich in jeder negativen Situation, wie nahe sie mir wirklich geht. Das eröffnet mir ein völlig neues Feld der Verarbeitung. Ich kann nun Menschen auch nüchtern beschimpfen."

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