Warum müssen sich Ultras so verdammt ernst nehmen?
Foto: Imago/Ulmer

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Warum müssen sich Ultras so verdammt ernst nehmen?

Die Ultra-Bewegung ist die bedeutendste Jugendkultur in Deutschland. Ultras engagieren sich für soziale Projekte, bekennen sich gegen Fremdenhass und machen den Fußball zum Erlebnis. Doch Spaß zu verstehen ist nicht so ihr Ding. Warum bloß?

Ultras sorgen wahrlich für Unterhaltung. Kreativität und Kraftaufwand ihrer Choreos lassen Zuschauer erstaunt die Augen reiben. Und auch die in allen Farben brennenden Fackeln sorgen beinahe immer für den angemessenen Auftakt eines Fußballspiels. Häufig zeigen Ultra-Gruppierungen sogar Flagge gegen Rechts. Und dennoch ist das Verhalten der empfindlichen Extrem-Fans oftmals kleingeistig, gar infantil. Der Szene fehlt es zu oft an Augenzwinkern und Spaß am Spiel.

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Klar, die Mitgliedschaft in einem Ultra-Fanclub setzt eine gewisse Verbissenheit voraus. Nicht umsonst gibt man seine Freizeit für sämtliche Auswärtsfahrten quer durch die Republik auf, bastelt und pinselt wochenlang an Bannern und Fahnen. Dann müssen die wöchentlichen Darbietungen in den Stadien auch noch arrangiert werden, die Tags gesprüht, die Aufkleber aufgeklebt, die Botschaften der Mission für den Verein verbreitet werden—was für ein Aufwand!

Bloß kein Ärger mit den Ultras

Ehrenamtlich versteht sich. Denn die Vereine würden nicht im Traum darauf kommen diese organisierten Chaoten, auf welche Art auch immer, zu unterstützen. Nein, es geht von Vereinsseite allein darum, sich mit den speziellen Fans einigermaßen gut zu stellen, Ärger und Aggressionen zu vermeiden. So gehört die Förmlichkeit die Spieler nach einer verpatzten Vorstellung in Krisenzeiten zu den treuesten der Treuen zu schicken mittlerweile zum allgemeinen Brauchtum der Bundesliga. Eine deeskalierende Maßnahme versteht sich. Denn nur so bekommt der tief getroffene Kern der Anhängerschaft Gelegenheit seiner Kränkung Luft zu machen. Da steht er dann, der Millionär, schuldbewusst mit hängendem Man Bun. Ihm gegenüber der kleine Mann mit flatternden Speichelfäden, da darf er mal, der tapfere Ultra, dem verweichlichten Söldner sagen, dass er die Schnauze voll hat, und was er im Gegensatz zu ihm nicht alles auf sich nimmt, um seinen Verein zu unterstützen, was Herzblut und Einsatz überhaupt bedeuten, und dass er morgen wieder ans Fließband muss und direkt danach wieder Aufkleber aufkleben geht. Alles natürlich nur für die Mannschaft, den Verein, seinen Verein. Der Spieler ist in seiner Sportlerseele tief getroffen…

Was ist schlimmer, Carlos Zambrano? Die eiskalten, durch Pyro-Feuer mit Schlieren übersäten Pranken im Nacken? Oder doch die Schuldgefühle? Foto: Imago/Sven Simon

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Nein, Stop! In Wirklichkeit geht ihm das Geheul um Ehre und so ziemlich am Arsch vorbei. Warum auch nicht?! Schließlich hat er den Ultra-Fan nicht darum gebeten mit dem Bus auf den Balkan zum Euro-League-Qualispiel zu fahren. Und ob er, der Spieler, der im Sommer ohnehin nach England weiterzieht, beim Fußballspielen in Tirana nun von Dauergesängen begleitet wird oder nicht, ist ihm auch ziemlich gleich. Zugeben würde er das natürlich nie, will der Profi doch eigentlich nur seine Ruhe haben. Entsprechend heißt die Devise: Bloß keinen Ärger mit den Ultras! Besser Respekt zeigen gegenüber den gestandenen Mannsbildern! Sonst versammeln sich Montagmorgen wieder sämtliche Unterschenkel-Tattoos am Trainingsplatz und drohen mit der Verbannung aus der Stadt. Und die meinen das ernst. Zugegeben, ein Profi muss solche Unbequemlichkeiten ertragen. Dennoch sei die Frage erlaubt: Sag mal, habt ihr nichts anderes zu tun?

Achtung Fahnenklau!

Doch. Fahnen klauen. Natürlich. In der Pfadfinder-Szene ist dieses Brauchtum unter rivalisierenden Kirchenclans längst abgeschafft. Den Jugendlichen wurde es schlichtweg zu albern. So verlor das Ritual in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung. Nicht so in der Ultra-Szene. Dort erlebt der Fahnenklau ein nicht zu erwartendes Revival. Die schneidigen Jünglinge der Gruppierung Wilde Wildmäuse schleichen dann auf leisen Tatzen in die Clubräume der Harten Hamster und entwenden irgendwelche Fahnen. Tja, da hat der dicke Aufpasser nicht aufgepasst! Wahrscheinlich saß er wieder mal auf dem Klo. Zur Strafe darf er in zwei Wochen nicht zum Derby mitfahren. Dort nämlich wird das brisante Diebesgut stolz den eigentlichen Besitzern zu Beginn der zweiten Halbzeit präsentiert. Ein schwerer Schlag für die Hamster, welch ein Triumph für die Wildmäuse! Die Entwürdigten kochen über vor Wut—„Kuck mal, die Schurken haben unsere Fahne geklaut!"—und kontern entschlossen mit einem Sprung auf den Zaun.

„Hit and run: das Leben, das ich wählte" Foto: Imago/Matthias Koch

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Große Klappe, kleine Faust

Halbnackte Provokationen mit großem physischem Aufwand widmen sich dann voll und ganz dem Familien-Block nebenan. Da wird luftonaniert, mit den Armen gerudert, mit wedelnden Geldscheinen und harmlosen Beleidigungen um eine Keilerei unter richtigen Kerlen geworben. Solange bis der stark angetrunkene Papi es nicht mehr aushält und aus der Sitzschale ans Gitter springt. Natürlich nur wenn der dicke Aufpasser gerade wieder nicht aufpasst oder auf dem Klo sitzt. Zugegeben, so abscheulich blutige Auseinandersetzungen, so kurzweilig sind diese ordinären Gebärdenspiele aus der Perspektive des Beoabachters, wenn auf dem Platz gerade nichts Aufregendes passiert. Vergleichbar etwa mit einer launigen Fehde im Affenhaus. Denn zugeschlagen wird am Ende ja meistens doch nicht. Warum, das mag man sich denken. Egal. Gut so! Deswegen kann man auch durchaus einfach mal verschämt über die sich unbarmherzig Gebenden hinweglächeln und sich trotzdem fragen: Mein Gott, Jungs, warum alles ohne Scherz, warum selbst beim Torerfolg nur aggressiver Krampf? Antwort: Weil es um den Verein geht. Ihren Verein. Ach so, ja. Stimmt. Natürlich. Pardon.

Das Stadion ein Ort der Torheit

Dabei soll das Stadion selbstredend ein Ort der leichten Unvernunft bleiben dürfen. Papi und Mami, Boys and Girls sollen beim Spiel Bier trinken, Schiedsrichter und Auswechselspieler beschimpfen, den bedauerlichen Büroalltag vergessen machen. Fußball ist ja schließlich nicht Tennis. Nur ist Fußball auch nicht Tod oder Hass. Dem Ultra, der sich das einbildet, mag die Line Speed aus der Halbzeitpause wohl zu Kopf gestiegen sein. Da trällert der geifernde Aufgeputschte schon mal im falschen Ton und verschwitzt darüber hinaus, dass die Pulver auf die Club-Toilette gehören und nicht auf den Fußballplatz.

Ultras gegen Rechts

Viele Kurven machten deutlich, was sie von der „Wir helfen"-Aktion von Bild hielten Foto: Imago/Matthias Koch

Um so bemerkenswerter: Ultras hissen Fahnen mit Botschaften zu mehr Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit. Ein Thema, das mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Wer weiß ob ein homosexueller Fußballer vor ein paar Jahren ein Outing gewagt hätte und es heute nach Anstieg der Aggressionen in den Stadien lieber bleiben lässt?! Rassistische Beleidigungen sind auf den Rängen wieder alltäglich und werden von der großen Masse gar ertragen. Oder ignoriert: „Ich gehe ins Stadion um Fußball zu sehen, politische Themen interessieren mich nicht." Das ist fatal. Denn das Stadion ist ein politischer Ort—der Übergang von manch einem Fußball-Vollproleten zum rechtsradikalen Straßenkämpfer fließend! Auf der anderen Seite stellt sich so mancher Ultra Fan-Club, der sich wiederaufkommenden rechten Gesinnung lautstark und mutig in den Weg. Gut so!

Grundsätzlich gilt, den harten Zeiten mit Gelassenheit, den Unzulänglichkeiten des eigenen Clubs und den Spielern mit Toleranz zu begegnen. Und dabei ganz ohne Frust seinem Verein die ewige Treue zu schwören. Vielleicht auch mit ein bisschen mehr Humor. Ernsthaft jetzt!

Wenn es darum geht, andere zu verarschen, macht den Ultras allerdings niemand was vor. Weiter so. Foto: Imago