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Ein Flüchtlingsteam im Land von Pegida

Der VFC Plauen gründet als erster Verein in Sachsen ein Integrationsteam, in dem nur Flüchtlinge Fußball spielen können. Für die Region ist der Schritt ein wichtiges Zeichen, auch wenn das nicht jeder wahrhaben will.

von Benedikt Niessen
10 August 2015, 1:05pm

Foto: twitter.com/jenserw

Im Oktober letzten Jahres warfen Unbekannte mit einer Flasche die Fensterscheibe einer Flüchtlingswohnung im sächsischen Plauen ein. Die vier Bewohner aus Nordafrika wurden bedroht und rassistisch beschimpft. Es ist kein Einzelfall in der fünftgrößten Stadt Sachsens. In dem Bundesland, wo es 2014 laut einer Dokumentation der Amadeu Antonio Stiftung und PRO ASYL mit Abstand zu den meisten rassistisch motivierten Körperverletzungen gegen Flüchtlinge in ganz Deutschland kam. Hier gründete nun der Oberligist VFC Plauen ein Fußballteam für Flüchtlinge.

Die Mannschaft der Flüchtlinge, ein sogenanntes „Integrationsteam", hat ihre Trikots schon bekommen. Auf der Brust prangt das Wappen des VFC, statt eines Sponsors erstrahlt ihr Teamname: 1903% Respect. Im Jahr 1903 wurde der Verein gegründet, die Spieler gehören jetzt zu dieser Geschichte. Die Männer zwischen 18 und 35 Jahren kommen aus Gambia, Marokko oder Libyen—ihr Trainer Ulrich Sörgel aus Deutschland. Im Trainingsspiel ist nur ein Sprachengewirr zu hören. Manche von ihnen sprechen schon Deutsch, andere helfen sich mit ein paar Sätzen auf Englisch, dem Rest wird auf Arabisch übersetzt. Sie unterscheiden sich durch ihre Hautfarben, ihre religiösen Ansichten und die Geschichten von ihrer Flucht, doch sie alle eint die Liebe zum Fußball.

Für die Flüchtlinge ist der Sport eine willkommene Abwechslung zu der Isolation in den Flüchtlingsheimen. Die tagtägliche Wartezeit auf die Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus können sie mit den Trainingseinheiten überbrücken. Sie können Kontakte pflegen, ihre Ernergie herauslassen und sich ablenken. Der VFC Plauen gründete das Team aufgrund der immensen Nachfrage der fußballbegeisterten Flüchtlinge. Das Besondere an dem Projekt ist die vollständige Integration der Spieler in das Vereinsleben, denn die Spieler werden Mitglieder des Vereins und tragen die VFC-Trikots. Damit erhalten sie die gleichen Rechte und Pflichten, wie auch alle anderen Teams des Vereins. Für Menschen, die nicht arbeiten dürfen und am Rand der Gesellschaft leben, ist dies viel mehr als eine Freizeitbeschäftigung—es ist ein Stück Würde.

Aus dem Flüchtlingsheim zu Werder Bremen

Die Idee ist nicht neu. Der SV Babelsberg integrierte als erster Verein Deutschlands im Sommer 2014 eine Mannschaft in seine Vereinsstrukturen, die ausschließlich aus Flüchtlingen besteht. Das Team „Welcome United 03" kämpft in dieser Saison sogar erstmals um Punkte in der Kreisliga. Der Hamburger Verein FC Lampedusa, der seine Flüchtlingsmannschaft ebenfalls für den regulären Punktspielbetrieb melden wollte, scheiterte hingegen an den „starren" Regeln der Hamburger Fußballverbände, die unter anderem eine Freigabeerlaubnis aus dem Heimatland anforderten. In Plauen hat man sich vieles von den Projekten abgeschaut.

In Sachsen ist der VFC Vorreiter und das obwohl der Verein eigentlich ganz andere Probleme hat. Im Dezember vergangenen Jahres meldete der Verein Insolvenz an und musste in die fünfklassige Oberliga zwangsabsteigen. Auch wegen der Pleite gefällt nicht jedem Fan des VFC Plauen, dass beim sächsischen Verein auch Flüchtlinge Fußball spielen dürfen. „Es hat auch ein anonymes Schreiben von jemandem gegeben, der äußerte, er sei VFC-Mitglied und werde nun aus dem Verein austreten", erzählt Projektleiter und Vorstandsmitglied Eric Holtschke der dpa. Doch Holtschke denkt sogar schon einen Schritt weiter und strebt eine Teilnahme des Integrationsteams am geregelten Ligabetrieb an. Das sportliche Potenzial wäre in der Mannschaft vorhanden.

Viele der Flüchtlinge spielten schon in ihren Heimatländern Fußball. Der 29 Jahre alte Barry aus Libyen spielte in seiner Heimat zehn Jahre als Profi, der 38-jährige Jihad aus Palästina hat eine Trainerlizenz und zehn Jahre Berufserfahrung. Sie könnten entweder für den VFC oder auch für andere Vereine in der Region eine Bereicherung sein—nicht nur sportlich. Besonders in Sachsen, wo fremdenfeindliche Bewegungen wie Pegida oder Legida entstanden, die jeden Montag immer noch ein paar tausend Demonstranten mobilisieren, oder Rechtsextreme den Aufbau einer Flüchtlingsunterkunft verhindern wollten, fehlen die alltäglichen Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen, die für einen Abbau von Vorurteilen, Angst und dem daraus resultierenden Fremdenhass so wichtig sind.

Die neuen VFC-Spieler wie Mohammed, der als Elektriker und Taxifahrer in Tunesien arbeitete, oder der Marokkaner Junis, der ausgebildeter Schweißer ist, erhoffen sich durch den Fußball eine einfachere Integration und ein neues Leben in Deutschland. Vereine wie der SV Babelsberg oder der VFC Plauen hoffen, dass sich künftig auch Bundesligaklubs und Sportverbände mit Projekten für Flüchtlinge einsetzen. Einen Testspielgegner hat das Plauener 1903% Respect-Team in ihrer Region auch schon gefunden. Der SSV Fortschritt Lichtenstein hat die Mannschaft zum Freundschaftsspiel eingeladen. Wahrlich ein Fortschritt.

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