Fußball

Vom Fachabiturienten zum Täter auf Bewährung: Der Absturz des Julian Draxler

Julian Draxler hat alles getan, um den VfL Wolfsburg verlassen zu dürfen: Meckern, motzen, quengeln. Jetzt ist er beim Scheich-Klub PSG und musste dort einen Ethik-Vertrag unterschreiben. Wie konnte es soweit kommen?

von Lukas Krombholz
06 Januar 2017, 1:25pm

Foto: Imago

Verträge haben Klauseln, immer. Zum Beispiel solltest du vor deiner nächsten Home-Party lieber einen Blick in den Mietvertrag werfen—das Risiko besteht, dass du am nächsten Tag auf der Straße stehst.

Auch Fußballer haben Klauseln in ihren Verträgen. Manche davon sind völlig abgefahren (Stefan Schwarz wurde 1999 bei Sunderland verboten, ins Weltall zu fliegen), andere sind völlig normal (Stig Inge Bjornebye von Liverpool durfte sich keiner Skisprungschanze nähern). Doch gewöhnlich bestehen Klauseln bei Fußballern aus Torprämien, festgelegten Ablösesummen oder verpflichtenden Werbeterminen.

Das Ex-Wunderkind Julian Draxler hat kürzlich einen Vertrag bei Paris Saint-Germain unterschrieben. Ebenfalls mit Klauseln. 300.000 Euro Extrazahlung bei Gewinn der Champions League steht da beispielsweise geschrieben. Die sogenannte „prime d'ethique"—zu Deutsch: Ethik-Klausel—ist allerdings deutlich spannender. Diese besagt, dass ihm pro Monat 56.000 Euro mehr zustehen, sollte er sich im Sinne des Vereins angemessen verhalten. Da bekommt ein 23-jähriger Profi bereits eine knappe halbe Millionen im Monat und wird dann auch noch belohnt, keine Scheiße zu bauen? Ist das fair? Nein, bei einem Profi sollte professionelles Verhalten vorausgesetzt werden. Das sagt doch schon der Name.

Das Schlimmste an dieser Klausel ist allerdings, dass sie gerechtfertigt ist. Julian Draxler hat mit seiner Arbeitsverweigerung in Wolfsburg bewiesen, dass er anscheinend nicht in der Lage ist, gewissenhaft seiner Arbeit nachzugehen. Und so steht er jetzt auf einer Stufe mit Skandalnudel Mario Balotelli, der einst eine ähnliche Vertragsklausel aufgebrummt bekam. Super Mario beschwerte sich allerdings nicht über seinen aktuellen Arbeitgeber, sondern setzte sein Badezimmer in Brand. Oder bewarf Nachwuchsspieler mit Dartpfeilen.

Moment: Julian Draxler auf einer Stufe mit Bad-Boy-Balotelli? Der Gladbecker Fachabiturient?

Der Moment, der Julian Draxler auf die Landkarte beförderte; Foto: Imago

Nein, Draxler ist natürlich kein kern-asozialer Typ. Er raucht nicht, wie Ex-Kollege Kevin Prince Boateng es tat. Und er legt auch nicht in John-Terry-Manier Frauen von Mitspielern flach. Nein, Julian Draxler hat sich eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen—außer eben ein selbstverliebter Egoist zu sein. Das ist nicht böse gemeint. Wirklich nicht. Bei Titeln wie: jüngster deutscher Spieler mit 100 Pflichteinsätzen, jüngster deutscher Champions-League-Torschütze, zweitjüngster Bundesliga-Torschütze, jüngster Spieler, der je den DFB-Pokal gewonnen hat. Oder auch: erster Tor-des-Jahres-Sieger, ohne das Tor geschossen zu haben.

Ist Egoismus da nicht vorprogrammiert? Selbstbewusstsein braucht jeder Fußballspieler. Aber wie viel Selbstbewusstsein braucht ein Fußballspieler, von dem schon mit 17 Jahren Wundertaten erwartet werden? Eben. Und dann passiert es ganz schnell, dass Überheblichkeit und Egoismus die Oberhand gewinnen...

Als „Jule" im August 2015 zu Wolfsburg wechselte, erklärte er, die Erwartungen auf Schalke seien zu hoch gewesen und in Wolfsburg habe er die nötige Ruhe, sich entwickeln zu können. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn Fakt ist: Schalke spielte damals nur Europa-, Wolfsburg aber Champions League. Außerdem wurde er als Nachfolger des abgewanderten Kevin De Bruyne verpflichtet. Hohe Ansprüche hatten sie in Niedersachen also auch.
Draxler scheiterte an diesen Ansprüchen—und kapitulierte ganz schnell. Das ist es, was man ihm vorwerfen muss. Anstatt sich für sein Team zu zerreißen, schlurfte er lustlos über den Rasen und äußerte lauthals seinen Wechselwunsch. Lediglich in der Champions League und bei der Nationalmannschaft zeigte er, was er zu leisten im Stande ist.

Seinen Willen hat der 23-Jährige jetzt bekommen—sehr zur Freude seiner Ex-Mitspieler. „Reisende soll man nicht aufhalten", erklärte beispielsweise Mario Gomez.

Dass Draxler wohl eher ungewollt einen gewissen Sinn für Ironie hat, bewies er übrigens schon des Öfteren. Kurz vor seinem Wechsel nach Wolfsburg gab es die „Mit Stolz und Leidenschaft bis 2018"-Kampagne zu bestaunen—und auch im Wolfsburger Trikot posierte Draxler auf Plakatwänden. Sein Motto dieses Mal: „Wolfsburger. Mit jeder Faser".

Nun eilt Julian Draxler sein schlechter Ruf bis nach Paris voraus. Der Ruf eines unloyalen Söldners mit großer Klappe. Man muss den Wolfsburgern gratulieren, Julian Draxler trotz seines Seuchenjahres gewinnbringend an PSG verkauft zu haben. Doch auch der Pariser Scheich-Klub verteilt ungern Geschenke. Das beweist der Vertrag, dem sie ihrer zukünftigen Nummer 23 vorgelegt haben. Dieser zeigt, wie sehr Draxlers Image unter seiner Ich-will-weg-Kampagne gelitten hat. So soll er weitaus weniger verdienen als zunächst angenommen. Mit einem Monatseinkommen von „nur" 421.000 Euro gehört er nämlich keinesfalls zu den PSG-Spitzenverdienern um Cavani, Di Maria und Co. Und dann ist da eben auch noch seine Maulkorb-Ethikklausel. Paris möchte wohl vermeiden, dass sich ihr Neuzugang erneut daneben benimmt und offen Wechselabsichten äußert. Es ist der Versuch, einen hochtalentierten Spieler endlich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Viele Chancen wird Julian Draxler nicht mehr bekommen.