Interview

Diese 86-Jährige hat "Geld für Waffen tötet!" an die Schweizer Nationalbank gesprüht

"Alles ging gut. Ich konnte im Polizeiauto eine Stadtrundfahrt machen."

von Philippe Stalder
12 April 2017, 9:07am

Foto: Klaus Petrus

Die Schweiz rühmt sich gerne für ihre Neutralität. Das hält sie aber nicht davon ab, jedes Jahr Kriegsmaterial in Millionenhöhe zu exportieren – auch in Länder wie Saudi-Arabien, Katar, Jordanien oder den Iran. 2015 haben Schweizer Unternehmen Kriegsmaterial für 446,6 Millionen Franken (etwa 418 Millionen Euro) in 71 Länder exportiert. Auch die Schweizer Nationalbank sowie diverse Stiftungen und Pensionskassen sind durch Aktien oder Kredite ins Waffengeschäft involviert.

Um diesen Umstand anzuprangern, hat die 86-jährige Friedensaktivistin Louise Schneider am Dienstagmorgen in roter Farbe "Geld für Waffen tötet!" an die Wand der Schweizer Nationalbank gesprayt – pünktlich zur Lancierung der Kriegsgeschäfte-Initiative durch die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) und die Jungen Grünen. Die Initiative will Schweizer Finanzakteuren Investitionen in die Rüstungsindustrie verbieten. Wir haben Louise Schneider in ihrem Haus in Köniz bei Bern besucht.

Liegt der Frieden am Herzen, seit sie Hitler zum ersten Mal im Radio gehört hat: Louise Schneider | Foto: Philippe Stalder

VICE: Sie haben heute Morgen "Geld für Waffen tötet!" an eine Bauwand vor der Nationalbank gesprayt. Warum?
Louise Schneider: Mein Beweggrund ist die Friedensarbeit. Es ist meine Überzeugung, dass jede Waffe auf dieser Welt eine zu viel ist. Jeder Franken, der ins Waffengeschäft fließt, trägt zum Übel bei. Dass die Schweizer Nationalbank ins Waffengeschäft investiert und daraus sogar noch Gewinn schlägt, konnte ich so einfach nicht hinnehmen. Auf der ganzen Welt sind Waffen aus der Schweiz im Umlauf. Wenn du mir erklären kannst, dass das etwas mit Neutralität zu tun hat, bist du ein Künstler.

Jetzt muss ich aber doch einmal fragen: In welchem Auftrag bist du da?

Für VICE.
Wie heißt das?

V.I.C.E. – ein Magazin für junge Menschen.
Oh, dann musst du unbedingt versuchen, die größeren Zusammenhänge aufzuzeigen, damit die Jungen das begreifen. Das Problem der Medien ist, dass sie oft nur über einzelne Kategorien berichten. Aber es hängt alles zusammen: Hunger hat mit Geld zu tun, Waffen haben mit Geld zu tun. Geld regiert die Macht. Da muss man sehr konsequent sein. Da kann man nicht nur über ein Gewehr diskutieren. Das muss man grundsätzlich diskutieren. Das ist mein Leben.

An welche Zusammenhänge denken Sie?
Die Politiker veranstalten momentan eine Polemik um Flüchtlinge und Asylsuchenden, aber dass hinter jedem Flüchtling eine Waffe steht, kapieren die nicht. Man kann nicht auf der einen Seite Waffen in Kriegsgebiete exportieren und sich auf der anderen Seite über Menschen aufregen, die vor diesem Krieg flüchten. Diese Zusammenhänge werden oft nicht verstanden oder vermittelt.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Aktion?
Sehr, alles ging gut. Ich konnte im Polizeiauto eine Stadtrundfahrt machen, während die anderen wie wild Unterschriften gesammelt haben. Das Geschäft lief sehr gut.

Haben Sie eine Anzeige bekommen?
Nein, die haben mich bloß abgeführt. Aber ich bin mit fröhlichem Herzen ins Polizeiauto eingestiegen. Ich wollte ja, dass sie mich abführen. Die Polizisten waren sehr lieb. Die haben mich wie ihre eigene Großmutter behandelt.

Der Jugend wird ja oft vorgeworfen, unpolitisch zu sein und sich nicht mehr für die Gesellschaft zu engagieren. Haben Sie bloß gesprayt, weil es sonst niemand gemacht hätte?
Nein, im Gegenteil. Ich habe gesprayt, weil auf derselben Wand ein Kein-Mensch-ist-illegal-Graffiti entfernt wurde. Das hat wohl ein jüngeres Semester gesprayt, obwohl das genauso gut auch von mir hätte stammen können [lacht]. Die neue Wand war dann komplett weiß, fast schon keusch. Das hat mich in den Fingern gekitzelt. Ich konnte nicht akzeptieren, dass die Banker das Anliegen anderer Menschen einfach so weggeputzt hatten.

Seit wann sind Sie Friedensaktivistin?
Ich habe den Krieg als achtjähriges Mädchen sehr intensiv miterlebt – mit großer Angst. Bei uns am Tisch wurde viel politisiert. Ich hatte als Kind Hitlers Reden im Radio gehört und gesehen, wie verängstigt die Erwachsenen auf das Gebrüll reagiert haben. Dann wurde mein Vater gegen seinen Willen eingezogen. Wer damals das Militär verweigert hatte, wurde erschossen. Das habe ich als Kind bereits mitbekommen. Aufgrund meiner Erfahrung war für mich schon sehr früh klar, dass die Welt Frieden braucht. Mein Vater hat mir beigebracht: "Jeder Schlag kommt zurück." In welcher Form auch immer. Diese Philosophie hat mich ein Leben lang begleitet.

Welche Rolle hat die Schweiz im Waffenhandel des Krieges gespielt?
Die Schweiz hat damals für Hitler Waffen produziert. Deswegen wurde sie bewahrt, weil sie Hitler in die Tasche gewirtschaftet hatte. Die Geschichtsprofessoren hatten ihre Forschung ja unter Todesdrohungen publiziert. Dass man Juden an der Grenze zurückgeschickt und in den Tod gejagt hat, ist nochmals eine andere Geschichte. Die Schweiz hat eine lange Geschichte mit der Waffenproduktion. Ob man die jetzt Hitler, Assad oder den Saudis verkauft, macht für mich keinen großen Unterschied. 

Wie hat sich die Rolle der Schweiz im internationalen Waffenhandel über die Zeit verändert?
Nach dem Krieg war man für kurze Zeit etwas schlauer geworden. Man erkannte das Übel, das Krieg anrichten kann. In der Nachkriegszeit ist der Pazifismus als organisierte Bewegung aufgekommen. 

Und warum machten Sie ihre Aktion gerade jetzt?
Eigentlich wollte ich das schon vor einem Jahr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion machen. Mein Mann hatte zu dieser Zeit jedoch einen Herzinfarkt hinter sich, weswegen das zu viel Aufregung bedeutet hätte.

Was wollen Sie jungen Aktivisten von Ihrer Lebenserfahrung mitgeben?
Die sind nicht auf meine Anweisungen angewiesen, die wissen schon, was sie tun. Ich bin im Kontakt mit den Jungen. Die stehen voll für ihre Sache ein. Wenn die Stadt Bern nur begreifen würde, was für ein Potential in ihrer Jugend steckt, anstatt in den Zeitungen immer so ein Gestürm zu veranstalten. Seit mein Mann verstorben ist, war ich nicht einen Tag einsam. Die Jungen unterstützen mich, wo sie nur können, und nehmen Anteil, das ist wunderbar.

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