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NBA playoffs

Eine Wundertüte namens Washington Wizards

Erst spielen sie monatelang wie aus einem Guss, um am Ende fast noch um die Playoff-Teilnahme zittern zu müssen. In den Playoffs spielen die Wizards aber plötzlich wieder groß auf. Geht da etwa noch mehr?

von Colin McGowan
15 Mai 2015, 7:00am

Photo by Geoff Burke-USA TODAY Sports

Die gute Nachricht für alle Wizards-Fans zuerst: John Wall spielt wieder. Denn bereits in der Nacht zu Donnerstag ist der Point Guard nach seiner Verletzung, die er sich in Spiel 1 zugezogen hatte, wieder zum Einsatz gekommen. Und das obwohl die Medien bis vor wenigen Tagen noch unisono verlauten ließen, dass eine Rückkehr noch in dieser Saison „höchst unwahrscheinlich" sei. Doch sind wir mal ehrlich: Wird ein angeschlagener Point Guard, dessen eine Hand mit Knochenbrüchen übersät ist, seinem Team in Spiel 6 wirklich weiterhelfen können?

Darum ist es mit den Wizards auch dieses Jahr mal wieder die alte Leier: Man hat für sie fast schon ein bisschen Mitgefühl—und wünscht ihrem besten Mann darum auch die nötige Wunderheilung. Ein Blick in die Wizards-Geschichtsbücher lässt einem dabei gleich zwei Szenarien in den Sinn kommen: Im ersten setzt Coach Randy Wittman seinen Star erstmal auf die Bank, um sich alle Optionen offenzuhalten, bis dann plötzlich Marcin Gortat in die Wizards-Bank reinrauscht, um den Ball noch zu erwischen—mit dem Ergebnis, dass Wall nach der Aktion kaputter ist als vorher. Im zweiten verteilt Wall in einem entscheidenden sechsten Spiel 12 Assists, während er die ganze Zeit lang nur mit rechts dribbelt. Oder anders ausgedrückt: Die Washington Wizards—nomen est omen, hätten die alten Römer wohl gesagt—sind eine einzige Wundertüte. Irgendwie ist, wenn sie spielen, immer alles drin, auch wenn das ganz große Happyend am Ende meistens ausbleibt.

Die NBA ist ein leicht zu durchschauender Wettbewerb mit festen Entwicklungszyklen. Ein und dasselbe Team kann in kurzer Zeit (oft innerhalb von nur wenigen Spielzeiten) von einem sicheren Titelanwärter zu einem gern gesehenen Aufbaugegner werden. In den meisten Fällen ist relativ schnell klar, in welcher Phase sich ein jeweiliges Team gerade befindet. Die Warriors und Cavs sind aktuell auf der Sonnenseite, den Pelicans und Celtics könnte schon bald die Zukunft gehören und zu den Knicks und den Sixers sagen wir jetzt mal lieber nichts. Diese Entwicklungen sind in der Regel auch gut vorhersehbar. Teams stehen nicht einfach mal so als plötzliche Meisterschaftsfavoriten auf der Matte. Genauso wenig, wie ein ehemaliges Spitzenteam plötzlich nur noch Mittelmaß ist—außer natürlich, sie werden von einem furchtbaren Verletzungspech verfolgt oder verlieren ihren Anführer (Von wegen „der König ist tot, es lebe der König", Heats-Fans!).

Doch genau diese Berechenbarkeit wurde von den Wizards in dieser Saison ad absurdum geführt: 2014 ging es für sie praktisch nur bergauf. Zudem hatte man mit John Wall und Bradley Beal einen Backcourt, der sich anschickte, schon bald zum besten in der NBA zu werden. Doch kaum schrieb man das Jahr 2015, lief für Washington fast nichts mehr zusammen—nicht zuletzt deswegen, weil Coach Wittman die eigene Offense lahmlegte, indem er zunehmend auf Distanzwürfe setzte. Vieles sah danach aus, als würde bei den Wizards trotz Erreichen der Playoffs ein Umbruch eingeläutet werden. In Anbetracht der Tatsache, dass die Wizards noch bis kurz vor Beginn der Postseason völlig von der Rolle schienen, würden sie wahrscheinlich eh schon in der ersten Runde gegen die Raptors rausfliegen. Dann könnte man Wittman feuern, sein Nachfolger könnte in Ruhe analysieren, was bis Dezember alles richtig gemacht wurde, und man könnte sich Gedanken über sinnvolle Neuzugänge machen, um im nächsten Jahr nochmal neu anzugreifen. So lauteten zumindest die Gedankenspiele vieler.

„Verdammt, wenn bloß auch noch John gesund sein könnte!" Foto: Geoff Burke/USA TODAY Sports

Stattdessen spielen die Wizards immer noch mit und haben Toronto in der ersten Runde sogar mit einem Sweep nach Hause geschickt (der allererste in der Geschichte des Franchises). Und wer weiß, vielleicht geht das kleine Playoff-Märchen für die Wizards noch weiter, auch wenn die Chancen mit einem angeschlagenen John Wall natürlich deutlich geringer sind. Andererseits lässt einen die aktuelle Situation auch darüber fantasieren, was alles möglich wäre, wenn sich ihr Point Guard nicht verletzt hätte. Wer hätte schließlich noch vor wenigen Wochen gedacht, dass es gegen die übermächtig wirkenden Hawks überhaupt so eng zugehen würde? Dazu kommt noch, dass die Cavs schon einen ihrer Stars (Kevin Love) verloren haben. Und auch hinter Kyrie Irving steht ein immer größer werdendes Fragezeichen. Klar, im Westen wären die Wizards wohl schon längst rausgeflogen (wenn sie es überhaupt bis in die Playoffs geschafft hätten), doch im Osten ist (war?) für Washington echt viel drin.

Verständlicherweise sind die Wizards-Fans entzückt, zumal eine Teilnahme an den NBA-Playoffs für die US-Hauptstadt beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Auch an ihrem Paul Pierce haben sie ihre helle Freude, auch wenn der Meister des Shit-Talks vielleicht schon nächste Saison nur noch wenig Grund haben könnte, über sein eigenes Spiel ins Schwärmen zu geraten. Der Mann wird 38. Auch Otto Porters Verwandlung von einem Rookie-Flop zu einem wichtigen Bankspieler und Allrounder war schön anzusehen. Dann wäre da noch Bradley Beal, der—wenn er auf dem Court steht—zu den elegantesten Shooting Guards der Liga zählt. Also alles gut in Washington?

Nicht unbedingt. Denn Vereinsboss Ted Leonsis ist der Meinung, am Status quo in keinster Form etwas ändern zu müssen. Denn, hey, Wall ist gerade mal 24 und Beal sogar erst 21, also lasst uns einfach dieselbe Truppe auch in die neue Saison schicken. Doch diese Sichtweise ist erstens zu kurz gedacht und zweitens falsch. Jedem NBA-Beobachter ist klar, dass das Team dringend Veränderungen braucht. Marcin Gortat hatte eine echt bescheidene Regular Season. Nene ist bereits 32 und hat seinen Zenith mittlerweile überschritten. Ramon Sessions und Drew Gooden sind keine schlechten Bankspieler, mehr aber auch nicht. Wittman mag vielleicht nicht ganz so töricht sein, wie es manche seiner Aktionen vermuten lassen (zumindest in den letzten Wochen hat er endlich wieder bessere Entscheidungen getroffen), doch fest steht, dass es definitiv besser geeignete Kandidaten für den Trainerposten auf dem Markt gibt als ihn. Will das die Clubführung nicht einsehen, sind sie selbst ein Teil des Problems.

In der Zwischenzeit bleiben die Wizards eines der Überraschungsteams der aktuellen Playoffs. Sollten sie tatsächlich auch noch die Hawks ausschalten können, würde auf sie im Conference-Finale auch keine komplett unlösbare Aufgabe warten. Verdammt, Dennis Schröder hin oder her, ich drücke den Wizards die Daumen!

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