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Reisekrankheiten

Wer viel reist, lügt mehr

Eine Studie der Columbia University hat herausgefunden, dass wir durch ein Auslandssemester "moralisch flexibel" werden.

von Christine Kewitz
12 Januar 2017, 2:19pm

So könnte die Hand einer Erasmusstudentin aussehen | Foto: Alexa LaSpisa | Flickr | CC BY 2.0

Ein Semester Erasmus in Salamanca, ein Jahr bei einer Gastfamilie in Chicago, eine Weltreise nach dem Abitur. Wer vom Fernweh geplagt ins Ausland schweift, hat bei seiner Rückkehr nicht nur freizügige Urlaubsfotos, geschmuggelte Schildkröteneier und Magen-Darm-Problem im Gepäck. Nein, der Weltenbummler hat sich vermutlich auch die zweifelhafte Kunst des Lügens angeeignet. Denn wer Zeit im Ausland verbringt, wird moralisch flexibler, fand Adam Galinski von der New Yorker Columbia University in seiner Studie "The dark side of going abroad: How broad foreign experiences increase immoral behavior" heraus.

Für die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Reiselust und Lügen unterzog der Sozialpsychologe mit seinem Team insgesamt 2.200 Probanden unterschiedlichen Tests. Dafür hatten die Wissenschaftler Studenten ausgewählt, die kurze Zeit später zu einem Auslandssemester in Kanada, Spanien, Indien, Neuseeland, Australien oder den USA aufbrechen wollten. Eine Studienrunde fand vor und eine nach ihrer Rückkehr statt.

In einer Aufgabe sollten die Teilnehmer knifflige Aufgaben an einem Computer lösen und danach wahrheitsgemäß angeben, wie viele sie geschafft hätten. Was die Teilnehmer jedoch nicht wussten: Für eine der Aufgaben gab es überhaupt keine Antwort, demzufolge war es also nicht möglich, sie zu lösen. Nach ihrem Aufenthalt in der Fremde gaben die Studenten nun aber wesentlich häufiger als vor ihrer Abreise an, auch diese Aufgabe geknackt zu haben.

In einer weiteren Studie sollten Studenten einen Aufsatz über ein Land schreiben, das sie schon einmal besucht hatten. Eine Kontrollgruppe verfasste einen Text über ihr Heimatland oder einen Einkauf im Supermarkt. Im Anschluss daran gab es ein Würfelspiel. Wer nun über seine Reise nach Spanien oder Kanada geschrieben hatte, schummelte beim Würfeln häufiger als die daheimgebliebenen Supermarktbesucher. Je mehr unterschiedliche Länder die Person besucht hatte, desto größer war ihr Hang zum Schummeln. Die Dauer der Auslandsaufenthalte hatte dabei wenig Auswirkung auf die Ehrlichkeit.

Auch Sofia aus Berlin erlebte, wie sich ihre Liebe zur Wahrheit bei einem Auslandsaufenthalt veränderte:

"Als ich 14 war, lebte ich für ein halbes Jahr in einer Gastfamilie in Südafrika. Ich selbst bin mit einer Mutter aufgewachsen, die früh aus der Kirche austrat. Ich war in meinem Leben davor genau einmal in der Kirche gewesen und fand es furchtbar. Dann saß ich zum ersten Mal mit meiner Gastfamilie im Auto, Tausende Kilometer weit weg von zu Hause. 'Glaubst du an Gott', fragte mich meine Gastmutter. 'Nein, äh …', ich sah ihren Blick durch den Rückspiegel. 'Doch, natürlich schon"', log ich. 'Ich meinte nur, ich gehe nicht in die Kirche, sondern bete mehr für mich.' Das war eine ziemlich große Lüge. Bis heute bin ich froh, sie gesagt zu haben. Die sechs Monate mit meiner strenggläubigen Gastfamilie wäre sonst sicher schwierig geworden. Die Kirche im Township der Stadt war der Ort, in dem alles passierte: Musik, Gespräche, Leben. Die Zeit möchte ich nicht missen, auch wenn mein kleines Geheimnis weitere Lügen zur Folge hatte."

Die Geschichte von Sofia zeigt, wie auch die Psychologen ihre Forschungsergebnisse interpretieren. Für Galinski ist die flexible Moral, die sich die Studenten im Ausland angeeignet haben, ein völlig menschliches Verhalten. So liegt der unverkrampfte Hang, ein wenig an der Realität zu drehen, nämlich weder an der Korruption des Landes noch dem Verhalten der Bewohner, sonst hätte sich das in den Ergebnissen je nach Reiseland abzeichnen müssen. Stattdessen begründen sich die locker sitzenden Lügen schlicht und einfach mit den vielen neuen Erfahrungen. Wer sich in einer fremden Kultur zurechtfinden muss, auf den prasseln lauter unterschiedliche Wertevorstellungen ein, in denen er sich zurechtfinden muss. Anstatt auf unser eigenen Meinung zu beharren, mit der wir vielleicht permanent anecken und unser Leben im Ausland unnötig erschweren würden, neigen wir eher dazu, uns unterzuordnen oder anzupassen. Andere Länder, andere Sitten. Quasi.

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