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Das Riesenhuhn, das gerade durch eure Timeline stakst, ist kein Fake

Hinter dem Clip des riesigen Federviehs steckt eine von der Industrialisierung verdrängte Rasse, die von echten Hühner-Nerds bis heute vergöttert wird.

von Motherboard Staff
21 März 2017, 12:08pm

Bild: Shutterstock

Wer schon einmal auf einem Bauernhof war, weiß, dass man ein Hühnchen bequem in der Armbeuge tragen kann, sofern es sich fangen lässt. Vielleicht ist es auch diese Diskrepanz mit den eigenen Erfahrungen, die das Internet seit gestern über einen kurzen Clip ausrasten lässt. Darin sehen wir ein unmöglich großes Huhn. Über 37.000 Retweets auf Twitter sprechen eine deutliche Sprache – die Rede ist bei manchen Usern von „Angst" und „Albträumen":

Dieses gefiederte Monster in Kleinkindgröße, das sich da aus dem Stall schält, sich zu seiner vollen Größe aufplustert und zu einer die Erde erschütternden Patrouille losstapft, kann unmöglich aus einem Ei geschlüpft sein, so die häufigste Rückmeldung des Publikums. Viele Nutzer auf Reddit und Twitter sind sich sicher: Es muss sich um einen erwachsenen Mann in einem Hühner-Kostüm handeln. Vielleicht ist es auch ein perfider Kameratrick. Oder Bibo aus der Sesamstraße?

Nun, wir können Entwarnung geben. Oder auch nicht. Bei dem abgebildeten Overlord handelt es sich nämlich nicht um einen Fake, sondern um eine Art vorindustrielles Effizienz-Huhn der Rasse Brahma Country.

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Ryan Walker vom US-Interessensverband Livestock Conservancy erzählte Quartz, dass diese Art von Vogel noch in den 1930er Jahren sehr beliebt war. Dann übernahmen schneller wachsende Hybrid-Rassen, die bereits in vier bis sechs Wochen reif zum Verkauf waren. Das Brahma dagegen lässt sich Zeit, um seine Hulk-artigen Dimensionen zu erreichen (12 Wochen). Hühnerphobie ist aber trotzdem nicht angebracht: Der Charakter der Brahma wird als „lebhaft und zutraulich" beschrieben.

Ursprünglich stammt das virale Twitter-Video aber von Facebook. Hier postete der stolze Besitzer Fitem Sejfijai das Video am 17. März in einer kosovarischen Facebook-Gruppe für die Wertschätzung von Federvieh und konnte viele anerkennende „Mashallas" von befreundeten Züchtern in den Kommentaren ernten. Der Star, der in seinem kurzen Film über die Rampe in Richtung Weltruhm schreitet, hört auf den schönen Namen „Merakli" („neugierig") und ist selbst für Brahma-Hühner ein Riese.

„Er wiegt 8,25 kg", berichtet Sejfijai The Dodo. „Er hat außerdem zwei Hennen bei sich und wird sehr gut versorgt. Er wird geliebt", teilte der Inhaber des Exemplars mit der modischen Federfarben-Kombination weiß-schwarz-columbia dem Tier-Blog noch mit.

Ganz genau weiß heute niemand mehr, woher die Brahma-Hühner eigentlich stammen – mögliche Erklärungen sind die Malaien oder Indien. Man kann sie jedoch als nordamerikanische Rasse bezeichnen, da sie dort seit den 1840er Jahren gezüchtet werden und dort auch die Rassestandards entwickelt wurden. In der „Geflügelpresse" der vergangenen 150 Jahren wurden sie jedoch gern mit ihrem exotischen Namen angepriesen, um einen höheren Erlös für die Verkäufer zu erzielen.

Auch in Deutschland ist diese imposante Rasse seit den 50er-Jahren verbreitet, seit ein Konsul die Riesenhühner Mitte der 1950er Jahre aus Philadelphia mitbrachte.

Trotz ihrer Legeleistung von rund 140 Eiern im Jahr halten die meisten Besitzer ein Brahma-Huhn eher zu Dekorationszwecken anstatt als Legehenne. So ist auch die Facebookgruppe, in der Fitem seinen gefiederten Freund vorführte, dem Hobby der dekorativen Geflügelzucht gewidmet.

Die Fachpresse singt der Schönheit der Brahmas eine wahre Ode: „Die Augen der Brahma-Hühner leuchten orangerot mit wohlgeformten, gut sichtbaren Augenbrauen. Die Läufe je nach Farbschlag sattgelb bis honigfarben", schwärmt die Website Hühnerhaltung.de.

Gewöhnlich werden diese Hühner ungefähr 5 Kilo schwer. Das Exemplar im Video liegt mit seinem Gewicht also weit über dem Normalgewicht dieser Rasse. „Trotz ihres sehr grob wirkenden Körperbaus vollführen Brahmas sehr anmutig erscheinende Schreitbewegungen, was wohl nicht zuletzt von der starken Fußbefederung herrührt.", heißt es auf Hühnerhaltung.de. Für den Hobby-Ornithologen lässt sich aus der „anmutig erscheinenden Schreitbewegung" noch etwas auf einen Blick ableiten: Denn bei Brahma-Mischlingen ist eine Kralle (der „Mittelzeh") nicht befiedert, sondern nackt. Bei Fitims geliebtem, prächtigen Viral-Huhn handelt es sich also eindeutig um ein Original.