Griechenland räumt besetzte Häuser, die als Flüchtlingsunterkünfte dienen
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Griechenland räumt besetzte Häuser, die als Flüchtlingsunterkünfte dienen

Vor einigen Tagen haben die Behörden mehr als 100 Flüchtlinge aus ihren vorübergehenden Unterkünften geworfen, was das Leben der randständigen Gruppe noch härter macht.
20.3.17

Im Titelbild: Ein syrischer Junge sucht im Müll nach seinem Besitz, nachdem seine Familie aus dem Hospital Squat, einem besetzten Krankenhaus in Athen, zwangsvertrieben wurde. Illustration basierend auf einer Fotografie von Marios Lolos.

Es war Montagmorgen, am 13. März um 04:00 Uhr in Athen, als die Polizei die Metalltüren des Hospital Squats aufbrach. Somaia, eine palästinensische Flüchtende vor dem syrischen Bürgerkrieg, schlief neben ihrem Sohn, als sie von den Schlägen, die gegen die Tür krachten, aufgeschreckt wurde. Zusammen mit 127 anderen Flüchtlingen hatte sie im besetzten Gebäude eine Art Zuhause gefunden. Als sie zusah, wie massenhaft Polizisten den ersten Stock stürmten, war ihre Zukunft wieder einmal in Gefahr. "Ihr werdet rausgeschmissen", sagte ihr einer der Polizisten.

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"Warum?", fragte sie auf Englisch, "wohin?". Er antwortete nicht. Stattdessen luden die Polizisten Flüchtlinge und Freiwillige in Busse und brachten sie auf das Ausländeramt von Athen. Sie durften nichts von ihrem Besitz mitnehmen, nicht einmal Ersatzkleider

Das Hospital Squat – ein verlassenes Krankenhaus, das dem Roten Kreuz gehört und im Februar besetzt und in Wohnraum für syrische Flüchtlinge umgewandelt wurde – war nicht das einzige besetzte Gebäude, welches ins Visier der Behörden geriet. Am selben Morgen stürmte die Polizei die Villa Zografou, ein weithin beliebtes anarchistisch-soziales Zentrum und besetztes Haus. Dort nahmen sie sieben Anwohner in Gewahr.

Die Räumungen, so befürchten Aktivisten, seien nur ein Teil des Durchgreifens gegen besetzte Häuser der linksorientierten Szene, die sowohl Flüchtlingen als auch verarmten Griechen eine Unterkunft bieten. Des Weiteren repräsentieren sie eine antimigrantische Stimmung, welche in Europa seit Jahren brodelt und sich nun in neuen Gesetzen manifestiert. Gesetze, die sich gegen einige der randständigsten Bevölkerungsgruppen richten. Griechenland ist seit über einem Jahrzehnt der Scheideweg irregulärer Immigration, besonders seit dem Zustrom von Flüchtlingen aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan in den frühen 2000ern.

Die Razzia des Hospital Squats demonstriert ausserdem den scheinheiligen Eindruck einiger grosser NGOs, die in Griechenland aktiv sind. Das Rote Kreuz hat eine Klage eingereicht, in der es die Zwangsräumung der syrischen Flüchtlinge forderte – mit der Begründung, dass es das verlassene Gebäude an die Internationale Organisation für Migration (IOM) vermieten wolle, die es als Zentrum für unbegleitete Minderjährige nutzen würde. Aber die IOM und das griechische Rote Kreuz haben beide über 30 Millionen Dollar zur Fürsorge für Flüchtlinge in Griechenland erhalten. Warum können sie nicht einfach ein anderes Gebäude mieten, anstatt daran zu arbeiten, über 100 Flüchtlinge zu Obdachlosen zu machen? Das Rote Kreuz hat auf meine wiederholten Anfragen für einen Kommentar nicht geantwortet.

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Im massiven Backsteinblock des Ausländeramtes angekommen sassen die Flüchtlinge in einem grossen Raum zusammen – unter ihnen 37 Kinder, eine schwangere Frau und fünf kranke Erwachsene – während die Polizei die Menschen mit Papieren von jenen ohne Papiere trennte. Somaia wurde aufgrund ihrer Englischkenntnisse von einem höflichen Polizisten gebeten, als Übersetzerin zu helfen. "Warum behandeln Sie uns so grausam?", fragte Somaia. "Wir sind Flüchtlinge. Wir haben das Recht zu wissen, was geschehen ist." Der Polizist sagte, er wisse es nicht, sie habe zu warten.

Während sie wartete, verbreitete sich die Nachricht der Razzien in der eng vernetzten Aktivistengemeinschaft. Demonstranten versammelten sich zusammen mit Anwälten vor dem Posten, doch die Polizei verwehrte ihnen den Eintritt. Eine Flagge der Grünen Anarchisten flatterte aus dem Fenster der Arrestzelle im obersten Stockwerk. Sie wurde von einem nordafrikanischen Mann gehalten, der schon seit neun Monaten eingesperrt war. Die Demonstranten marschierten in zwei separaten Zügen. Die Polizei schoss mit Tränengas. Feuer brannten, wie so oft in dieser Stadt seit 2008, als die Polizei den Teenager Alexandros Grigoropoulos tötete.  Somaia war seit zwölf Stunden festgehalten worden, als sie mir via WhatsApp von ihrer Quälerei berichtete. "Erniedrigung", sagte sie, "in diesem Moment hasse ich mein Leben."

Wo besetzte Gebäude florieren, haben die Behörden in ihrer Verantwortung versagt.


Seit der Finanzkrise stehen etwa 30 Prozent von Athens Wohnunterkünften und 20 bis 50 der Ladenlokale leer. Aus diesen verlassenen Gebäuden kreierten die Linken eine Inselgruppe an besetzten Gebäuden. Sie dienen als Zuhause, Versammlungsorte, Gemeinschaftsküchen; einige Gebäude zerfallen, andere sind so künstlerisch wie eine Hipsterbar. Obwohl die meisten besetzten Häuser Griechen als Unterkunft dienen, sind sie ebenfalls eine attraktive Option für Flüchtlinge. Tausende von ihnen leben in besetzten Gebäuden. Als ich im Oktober für mein jüngstes VICE-Feature die von Flüchtlingen besetzten Gebäude besuchte, war der Grund sofort klar. Im Gegensatz zur grossen Mehrheit der Camps bieten die besetzten Häuser Privatsphäre, anständiges Essen, ein Zuhause im Stadtzentrum und insbesondere Autonomie, Würde und Respekt. Beim City Plaza, einem besetzten Hotel zehn Minuten vom geräumten Hospital Squat entfernt, sah ich einer afghanischen Frau zu, welche einer professionellen Cafeteria vorstand, in der köstliche Mahlzeiten für andere Flüchtlinge gekocht wurden. Währenddessen kochten Männer aus Aleppo arabischen Kaffee im hoteleigenen Café.

Von Flüchtlingen besetzte Häuser werden manchmal zum Ziel der Polizei – letzten September verlangte Amnesty International eine Untersuchung nachdem fünf syrische Jungen, die in einem anderen besetzten Gebäude wohnten, geschlagen und gezwungen wurden, sich nackt auszuziehen. Manchmal werden sie aber auch widerwillig toleriert.

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Wo besetzte Gebäude florieren, haben die Behörden in ihrer Verantwortung versagt. Die meisten Camps der Regierung sind verwahrloste, überfüllte Orte des Schreckens. Ihr Essen ist alt und manchmal von Maden befallen, ihre Unterkünfte sind vielerorts fadenscheinige Zelte. Mindestens fünf Flüchtlinge sind diesen Winter an Unterkühlung gestorben (einer starb, als sein Zelt Feuer fing und er versuchte, sich trotz des Schnees aufzuwärmen) und tausende mehr sind Wind und Wetter ungeschützt ausgesetzt. In den meisten Camps gibt es keine Schulen, keine ausreichende medizinische Versorgung, keine Ablenkungen, es gibt nichts zu tun, ausser zu versuchen, einen annehmbaren Schlepper zu finden. Laut einem kürzlich erschienenen Bericht von Ärzte ohne Grenzen sind die Bedingungen so brutal, dass Flüchtlinge, darunter auch Kinder, zu Selbstmordversuchen verleitet wurden.

Das Problem liegt nicht an mangelnder Finanzierung. Zwischen 2015 und 2017 hat die griechische Flüchtlingskrise 803 Millionen Dollar an Hilfsgeldern eingebracht. Laut dem minutiös dokumentierten Bericht von News Deeply zur "teuersten humanitären Antwort in der Geschichte", wurde diese zum humanitären Albtraum. Der Bericht zeigte, wie politischer Betrug, Inkompetenz und Verschwendung sowohl NGOs wie auch die griechische Regierung quälen; sieben von zehn Euros wurden vergeudet. Nicht, dass Regierungsbeamte dies zugeben würden. Am Dienstag lobte Athens Bürgermeister Giorgos Kaminis die Razzien gegenüber der Zeitung Kathimerini: "Die Unterbringung von Flüchtlingen sollte exklusiv in den Händen des öffentlichen Dienstes und autorisierter Organisationen liegen, um den Schutz der Flüchtlinge und ihrer Rechte gewährleisten zu können."

Die öffentliche Sympathie für die Flüchtlinge hat nachgelassen. Die Keine-Grenzen-Solidarität ist out. Ethno-Nationalismus ist in.


Ein Jahr ist vergangen, seit der vierjährige Aylan al Kurdi in den Gewässern von Bodurm in der Türkei ertrank. Ein Tod, der in einem Foto eingefangen wurde, welches den Westen scheinbar aufgerüttelt hatte und realisieren liess, was in der Flüchtlingskrise im Mittelmeerraum auf dem Spiel stand. Im Herbst 2015 hatte es den Anschein, als ströme die ganze Welt nach Lesbos um hunderten von Syrern, Afghanen und anderen zu helfen, welche täglich in Rettungsbooten ankamen. Aber seither hat die Sympathie mit diesen Flüchtlingen nachgelassen. Die Keine-Grenzen-Solidarität ist out. Ethno-Nationalismus ist in. Die Nachrichten zur Hauptsendezeit sind von Flüchtlingen in Griechenland zu Trump und den blondgebleichten Rechten, die seine Weltansicht teilen, weitergezogen. Mittlerweile haben sich die Länder der Europäischen Union gegen die Flüchtlinge und die freiwilligen Helfer gerichtet. Ärzte ohne Grenzen behauptet, dass Grenzpolizisten in Ungarn ihre Hunde auf Flüchtlinge abrichteten und sie auf diese hetzen, wenn die Flüchtlinge versuchten, ins Land zu kommen. Frankreich bestraft Einwohner, welche Flüchtlingen von Italien über die Grenze geholfen haben. SYRIZA, die dominierende Partei Griechenlands, welche mit dem Wahlversprechen warb, die berüchtigten griechischen Auffanglager zu schliessen, verkündete im letzten Monat, dass sie auf den Inseln neue errichten werde. Sie werden den heiteren Namen "Vor-Aufbruchs-Camps" tragen. Ein Bericht von Ärzte ohne Grenzen von letzter Woche kam zum Schluss, dass die Europäische Kommission in den letzten Monaten Griechenland unter Druck gesetzt hat, mehr Flüchtlinge zu verwahren.

Ein Wendepunkt war das EU-Türkei-Abkommen, welches im März 2016 unterzeichnet wurde, nachdem Griechenlands benachbarte Balkanstaaten ihre Grenzen schlossen. Es sollte folgendermassen ablaufen: Die Türkei würde jeden Flüchtling zurücknehmen, der mit dem Boot in Griechenland ankam. Bis zu ihrer Rückführung würden diese Flüchtlinge in Camps auf den Inseln festgehalten werden. Im Gegenzug würde die EU eine äquivalente Anzahl Flüchtlinge aus der Türkei umsiedeln und der Türkei zudem 6.8 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern und potentiell Visa-freie Reisen für türkische Bürger gewähren. Aber dazu kam es nicht. Zwischen 50.000 und 60.000 Flüchtlinge sind in Griechenland gestrandet; nur 9.000 wurden an andere Orte in Europa umgesiedelt und viele wurden zwangsweise in die Türkei abgeschoben. Das Festhalten der Flüchtlinge auf Inselcamps hat sie in noch mehr Elend gestürzt und zudem einen lukrativen Markt für Schlepper kreiert. Der türkische Aussenminister Mevlüt Çavuşoğlu hat am Mittwoch verkündigt, dass die Türkei das Abkommen möglicherweise auflösen wird.

Der Kampf für Solidarität und Würde wird unvermindert weitergeführt. Das ist eine soziale Notwendigkeit.


"Am 20. März ist das Abkommen ein Jahr alt und sie wollen stolz darauf sein, dass es funktioniert", sagte mir der Organisator des City Plaza, Nasim Lomani, am Tag nach den Razzien. Indem sie die Flüchtlinge sichtbar machen und ihnen erlauben, in den Stadtzentren zu leben, zeigen Orte wie das Hospital Squat das Scheitern des EU-Türkei-Abkommens.

Was die Flüchtlinge anbelangt, die bei den Razzien festgenommen wurden: Nach 17 Stunden Gefangenschaft wurden Somaia und 100 andere – jetzt Obdachlose – auf die mitternächtlichen Strassen entlassen. Es wurde ihnen nicht erlaubt, ihr Eigentum oder ihre Papiere aus dem Hospital Squat abzuholen. Im besten Fall konnten sie aus dem Müll fischen, was die Polizei dort ausgekippt hatte. 27 Flüchtlinge ohne Dokumente bleiben in Gewahrsam.

Nach den Razzien hat das City Plaza folgende Stellungnahme veröffentlicht: "Sie irren sich, wenn sie glauben, die Bewegung der Hausbesetzungen mit der Bereitschaftspolizei und Staatsanwälten zerschlagen zu können. Der Kampf für Solidarität und Würde wird unvermindert weitergeführt. Das ist eine soziale Notwendigkeit. Das ist eine politische Entscheidung."

Molly Crabapple auf Twitter .