Restaurant Confessionals

Ist ein Restaurantkritiker zu Gast, bricht der Wahnsinn aus

Meistens erkennt man Restaurantkritiker nicht mal, aber wenn einer der Top-Kritiker in deinem Laden vorbeischaut, hat man ziemlich Schiss.
6.6.16

Willkommen zurück zu den Restaurant Confessionals, wo wir den Leuten aus der Gastronomie eine Stimme geben, die ansonsten viel zu selten zu Wort kommen. Hier erfährst du, was sich hinter den Kulissen in deinen Lieblingsrestaurants so alles abspielt. Heute erzählt uns ein Restaurantbesitzer aus Großbritannien, was wirklich abgeht, wenn ein bekannter Restaurantkritiker zum Essen vorbeikommt.

Wir wollen nicht um alles in der Welt, dass Kritiker in unser Restaurant kommen, wir wollen nicht die Besten sein oder an der Spitze irgendeiner Liste stehen. Wir wollen einfach nur ein gutes Restaurant sein, wo die Leute auf ihrem Weg nach Hause vorbeischauen, um ein leckeres Risotto mit Erbsen zu essen. Wir wollten nie krampfhaft berühmt sein und wollen das auch jetzt nicht.

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Wenn Restaurantkritiker bei uns vorbeischauen, meinen sie immer, dass wir versuchen, anders zu sein. Das stimmt aber nicht, darum geht es uns nicht. Wenn es ihnen nicht geschmeckt hat, weil es bei uns keine feinen Tischdecken gibt oder der Wein nicht permanent nachgeschenkt wird, dann: Fuck you! Wir sind eben so, wie wir sind.

Die Meinung intelligenter Menschen ist mir aber schon wichtig. Wenn jemand bei uns Schwein bestellt, das mit Apfelpüree und Apfelschnitzen serviert wird, und derjenige dann meint, dass es zu viel Apfel war und der Geschmack den des Schweins vollkommen überdeckthat, dann denke ich darüber nach und am Ende hat derjenige wahrscheinlich Recht. Dann haben wir's verkackt. Wenn jemand, der augenscheinlich intelligent ist, dein Restaurant kritisiert, ist das beschissen, denn was er sagt, stimmt wahrscheinlich.

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Wir bereiten uns überhaupt nicht auf Restaurantkritiker vor. Meistens wissen wir auch nicht, wann sie kommen. Wir geben unser Bestes und wenn das jemandem nicht gefällt, dann bin ich verdammt frustriert aber immerhin haben wir es versucht. Blöd, aber so ist es.

Meistens bekommt man auch keinen Tipp. Einmal kam ein Kritiker zu uns und fragte, woher das Schwein denn kommt, woraufhin ihm die Aushilfskellnerin sagte, dass es vom Fleischer nebenan ist. Ein anderes Mal kam ein Top-Kritiker,nennen wir ihn John, zu uns und als ihn jemand erkannt hat, war die Kacke am Dampfen.

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Ich bin die ganze Zeit auf Twitter und halte mich auf dem Laufenden. Es war morgens um halb acht und ich war gerade auf Johns Profil. Da war ein Tweet, dass er bei uns in der Gegend zu einem Seminar war. Aus Spaß habe ich der Restaurantmanagerin gesagt, dass sie allen Bescheid sagen soll—er kommt zu uns zum Essen. Sie war total panisch und flippte aus, aber ich beruhigte sie und versicherte ihr, dass es ein Scherz war.

Dann war ich in meinem anderen Restaurant und hatte die Geschichte total vergessen. Um halb zwei ruft mich die Managern an, die eigentlich Urlaub hatte, und meinte, dass sie jemand angerufen hätte, dass John gerade im Restaurant sitzt.

Er hatte unter falschem Namen einen Tisch gebucht. Ich hätte ihm den besten Tisch gegeben, aber stattdessen saß er oben an einem einsamen Tisch. Ich hätte Blumen draufgestellt und hätte alles gegeben, damit er bei uns eine verdammt gute Zeit hätte.

Die Sauce war an diesem Tag einfach nur beschissen. Eigentlich eine Rotweinsauce, aber sie hat eher nach Marmite geschmeckt, einfach nur schrecklich. Man braucht zwei Tage, um die Sauce zu machen, ich konnte also nichts tun.

Wir sind kein Michelin-Restaurant, sondern ein verdammtes Bistro. Ich habe sofort alles stehen und liegen gelassen, bin ins Auto gesprungen und innerhalb von 12 Minuten zum Restaurant gefahren—normalerweise braucht man gut 25 Minuten, kein Witz. Wenn die Ampel rot war, bin ich einfach drüber.

Ich wusste, wo er sitzen würde, aber ich wollte nicht, dass er sieht, wie ich reinkomme. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte—wenn er sieht, wie der Restaurantbesitzer kommt, nur weil er da ist.

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Also habe ich mein Auto ein bisschen weiter entfernt vom Restaurant geparkt, einen Kapuzenpulli angezogen, einen Schal umgelegt und eine Mütze—obwohl es verdammt warm und sonnig war. Ich bin in die Küche rein und war gerade pünktlich zu seinem Hauptgang da.

Ich war so unzufrieden mit dem, was wir rausgeschickt haben. Die Sauce war an diesem Tag einfach nur beschissen. Eigentlich eine Rotweinsauce, aber sie hat eher nach Marmite geschmeckt, einfach nur schrecklich. Man braucht zwei Tage, um die Sauce zu machen, ich konnte also nichts tun.

Kein Scheiß: Ich hab das Zeug wieder ausgespuckt. Keine Ahnung, was sie damit gemacht haben, aber das war wie Hasenkötel. Hart wie eine Kugel und geschmacklich wie Waschpulver.

Dann kam das Dessert und ich hab den zuständigen Koch gebeten, mir von jedem auf der Karte eines zu machen, weil ich sie probieren wollte, bevor John bestellt.

Auf der Karte hatten wir Lemon Curd mit einem Johanissbeer-Geleebonbon. Manche Idioten nennen es auch „pâte de fruits". Kein Scheiß: Ich hab das Zeug wieder ausgespuckt. Keine Ahnung, was sie damit gemacht haben, aber das war wie Hasenkötel. Hart wie eine Kugel und geschmacklich wie Waschpulver. Von den fünf Desserts auf der Karte war das das beschissenste. Wer bestellt überhaupt Lemon Curd?

Er bestellte den verdammten Lemon Curd.

Ich war total fertig. Wir mussten ihn mit anderem Zeug garnieren und das Geleebonbon blieb weg. Das war dann sein Dessert.

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In unseren Restaurants herrscht immer eine familiäre Atmosphäre, auch mit den Gästen. Eine der Kundinnenn, die oben bei John saß, kam, nachdem er weg war, zu mir und meinte: „Ich hab da was gemacht, als er da war."

Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich dachte nur so: Was zur Hölle ist passiert?

Sie erzählte mir, dass jemand auf der Damentoilette eine ziemliche Sauerei angerichtet hätte und meinte: „Na ja, ich dachte mir eben, John ist ja mit einer Frau hier und wenn sie zur Toilette geht, wird sie das sehen und ihm sagen, wie ekelhaft dreckig dieser Laden ist."

Sie hatte also das Klo und die komplette Damentoilette sauber gemacht. Ich fragte sie, warum verdammt noch mal, und sie meinte nur, dass sie nicht wollte, dass das Restaurant eine schlechte Rezension bekommt.

Die darauffolgenden Wochen waren der Horror. Alle waren nervös und ich war schon auf das Schlimmste vorbereitet. Dann wurde die Kritik veröffentlicht. John hat's gefallen.

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Kritiker waren uns eigentlich immer gut gestimmt, aber das ist nicht immer so (ganz zu schweigen von TripAdvisor). So ist das nun mal mit Rezensionen: Man hört immer nur die Seite des Restaurantkritikers, aber man bekommt nicht mit, was hinter den Kulissen passiert.

Wenn die Leute die Ausstattung bewerten, geht mir das am Arsch vorbei. Wer interessiert sich schon für Möbel aus Pinienholz? Die habe ich nur bekommen, als ich den Laden übernommen habe und die sind nichts Besonderes. Ich hatte damals kaum Geld und das was ich hatte, habe ich in einen gebrauchten Ofen investiert. Also haben wir uns einfach an den Möbeln bedient. Vor Kurzem habe ich für 6.000 Pfund einen neuen Teigkneter gekauft, damit wir Brioche machen können. Für das Geld hätte ich auch neue Möbel kaufen können, aber ein gutes Brioche ist mir wichtiger.

Das Wichtigste in einem Restaurant ist das Essen. Da liegen meine Prioritäten.