Ein Paar erzählt von seiner offenen Beziehung, in der nur die Frau Sex mit anderen hat

Ein Paar erzählt von seiner offenen Beziehung, in der nur die Frau Sex mit anderen hat

Sie will andere Männer. Er ist glücklich mit einer. Mit ihr. Er hilft ihr trotzdem, die Männer auszusuchen und die E-Mails der anderen zu beantworten.
23.2.17

Auf dem Foto ist nicht das Paar abgebildet | Foto: TDNphoto | Wikimedia Commons | CC BY 2.0

"Die Monogamie ist ein Desaster. Zumindest statistisch gesehen. Fast jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden, Tendenz steigend. Die durchschnittliche Dauer einer Beziehung beträgt vier Jahre. Rund die Hälfte der erwachsenen Deutschen ist schon einmal fremdgegangen", schreibt Friedemann Karig im Vorwort zu seinem Buch Wie wir lieben, das am 17. Februar 2017 erschienen ist.

Es ist kein Plädoyer für die offene Beziehung, sondern eine Gedankensammlung, ob wir im Jahr 2017 ein neues Konzept der Liebe brauchen – und wie dieses aussehen könnte. Dafür hat Friedemann Karig mit Menschen gesprochen, die versuchen, anders zu lieben – mutiger, freier, gewagter. Mit allem Schmerz. Mit allem Glück. Mit oder ohne Happy End. Zwischen den Geschichten stehen einige Gedanken darüber, warum die Liebe heute ist, wie sie ist – und wie es anders geht. VICE veröffentlicht einige dieser Liebesgeschichten. Los ging es mit dem Liebesdreieck um Jasper, Marie und Jaspers Kindergartenfreund. Diese Geschichte handelt von einer offenen Beziehung, in der nur die Frau mit anderen schläft.

Livia und Thomas

"Zauberhafte Eskapade!? Kein belangloser ONS und auch keine Beziehung!"

Mit dieser Anzeige beginnt es. Livia sucht andere Männer. Sie darf das. Ihr Freund lässt sie. Ohne selbst zu suchen. Er ist glücklich mit einer. Mit ihr.

"Es ist schon perfekt", sagt Thomas.

"Es ist schon Glück", sagt Livia.

Sie wohnen in einer Neubausiedlung eine halbe Stunde von Köln entfernt. Ein paar Quadratmeter Garten, genau abgesteckt, schließt an die Terrasse an. Der VW Polo steht vor der Garage. Gegenüber ein Altersheim. Auf dem brachliegenden Acker neben der Siedlung soll eine Flüchtlingsunterkunft entstehen. "Manche Nachbarn denken schon, die müssten sich verbarrikadieren", sagt Livia und schüttelt den Kopf.

Sie ist blond. Stahlblaue Augen über hohen slawischen Wangenknochen. Man kann sie sich gut als Lehrerin vorstellen, die sie auch ist. Zugänglich, aber bestimmt. Neben ihr sitzt Thomas. Seine hohe Stirn und die breiten Schultern strahlen Sicherheit aus. Er spricht präzise, korrigiert sich, sagt: "Das war jetzt Quatsch", wenn er etwas nicht genau ausdrückt. Man kann ihn sich gut als Ingenieur vorstellen, der er auch ist. Freundlich und genau.

16 Jahre. So lange sind sie jetzt zusammen. Seit einer Sommernacht in Köln, im "Ding", dem bekanntesten Studentenclub in Köln damals. Sie sind eines von den unzähligen Paaren, die sich dort kennengelernt haben im Kunstnebel, auf der Tanzfläche, zwischen zwei Bier. Thomas, 24, studiert Volkswirtschaftslehre in Aachen, Livia, 20, studiert auf Lehramt in Köln. Er will eigentlich gar nicht raus, "macht ihr nur", sagt er seinen Freunden, "ich bleibe." Aber er kommt doch mit. Livia wohnt noch zu Hause, erstes Semester.

Wer wen anspricht? "Ich jedenfalls nicht", sagt Thomas und lacht. Sie tauschen Nummern aus, schreiben sich SMS. Bei ihrer ersten Verabredung gehen sie in den Zoo, drei Wochen später sind sie zusammen.


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Nach zwei Jahren zwischen Aachen und Köln kommt, unausweichlich, der erste gemeinsame Karneval. Für beide ist Karneval Ausnahmezustand. Sie knutscht fremd, er knutscht fremd. Was ist schon dabei? Dass die meisten Leute Sex oder sogar Küsse schlimmer finden als eine intime Vertrautheit, zum Beispiel zwischen besten Freunden, fanden beide schon immer "absurd".

Anders als ihre Freunde.

"Es gab an Karneval mal eine Szene", erzählt Livia, "da hat mich der neue Freund einer Freundin beiseite genommen und mir die Ohren gewaschen, weil ich mit einem Typen getanzt und geknutscht habe. Wie ich das denn machen könnte? Was könnte ich Thomas so etwas antun? Und ich bin heulend raus und habe ihn angerufen."

"Das war eine Initialzündung für die ganze Sache", erinnert sich Thomas. "Da haben wir zum ersten Mal darüber gesprochen, warum andere damit ein Problem haben. Und wir nicht."

Als Livia einen One Night Stand hat, erzählt sie es Thomas. An Karneval geht Thomas mit zu einer Frau nach Hause. Für beide ist es kein Drama.

Aber die Dates, die Thomas danach hat, blieben platonisch. "Die Möglichkeiten wären da gewesen, auch wenn ich nicht gut im Signaleerkennen bin", sagt er. "Aber es ist nie was passiert."

Livia findet eigentlich: "Er darf auch mal." Sie bohrt nach, "da muss doch mal was gehen", wenn er von einem Abendessen zurückkommt, "ich habe ihm fast Nachhilfe gegeben". Aber Thomas will gar nicht.

"Mir reicht es, eine gute Zeit zu haben. Ich habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Sich miteinander auszutauschen, kann mehr Nähe geben, als ins Bett zu hüpfen. Und diese Intimität kann für den Partner ein dickeres Brett zu bohren sein, als ganz genau zu wissen: Er ist noch nicht zu Hause um zehn, also werden sie noch was Körperliches gestartet haben."

Die beiden sind glücklich miteinander. Fangen ihre Jobs an, ziehen zusammen, gehen weniger aus. Als sie ihr Zehnjähriges feiern, denkt Livia: "Jetzt bin ich 30. Was kommt jetzt noch?"

Sie hat, nur durch Sport, acht Kilo abgenommen. Sie fühlt sich richtig gut. Sie will wissen, wie sie ankommt. Etwas erleben. Also geht sie einmal sogar alleine los: "Aber so toll, wie man immer denkt, ist das gar nicht. Am Ende sitzt man alleine rum und trinkt Bier."

Es geht ihr um Sex. Aber nur Sex ist langweilig. "Das habe ich zu Hause in besserer Qualität." Rausgehen, flirten, aufreißen, heimgehen – das erscheint ihr ineffizient und öde. Sie will mit jemandem ins Bett, mit dem sie auch sonst Zeit verbringen würde. Vielleicht ein wenig so wie Thomas mit seinen platonischen Freundinnen. Nur mehr. Freundschaft plus, quasi. Also schaltet sie die Anzeige in einem Stadtmagazin. Frau mit fester Beziehung sucht Mann für Erotik.

Thomas weiß von Anfang an alles. Sieht die Anfragen. Formuliert manchmal sogar die Antworten mit. Findet es spannend, wie die Männer seine Frau umwerben: "Jaja, Jungs, macht mal. Guckt mal, ob ihr sie rumkriegt." Manchmal sagt er auch: "Den nicht. Der schreibt zu geleckt. Zu bemüht."

Zwei Jahre lang trifft sie sich mit Männern. Er fragt nicht direkt. Egal, ob sie um zehn Uhr abends, um fünf Uhr morgens oder erst am nächsten Tag heimkommt. Er hat Respekt davor. "Verarbeite das erstmal", will er ihr signalisieren, "du musst nicht zum Rapport antreten."

Aber spätestens nach ein paar Tagen sprechen sie darüber. Wenig über sexuelle Details. Auch wenn es ihn ein bisschen anmacht, wenn sie von sich und dem Fremden erzählt. Was hatte er an, was hat er gesagt, wie fand sie ihn?

"Das macht es auch zwischen uns spannender", sagt Livia.

"Man sieht sich wieder durch die Augen eines Fremden", sagt Thomas.

Er ist nicht eifersüchtig. Aber manchmal schläft er nicht gut, wenn sie weg ist. Nicht aus Angst. Sondern eher aus Unruhe, weil seine Frau nicht da ist. Wenn sie heimkommt, wacht er kurz auf. Manchmal schlafen sie dann miteinander.

Livia ist nur einmal eifersüchtig. Thomas hat einen neuen Job in Aussicht, weit weg. Und eine Frau kennengelernt, die er toll findet. "Da lag was in der Luft. Ein Gefühl, dass er mir nicht alles erzählt", sagt Livia.

Also liest sie seine SMS. Sein bester Freund schreibt: "Na, hoffentlich hat die andere ein Auto." Livia denkt: "Ich soll ausgetauscht werden." Hat Thomas mir wirklich alles erzählt? Sie spürt zum ersten Mal Verlustangst.

Thomas beteuert: nur ein dummer Spruch seines Freundes. Livia glaubt ihm.

Livia sortiert einen Großteil der Männer, die ihr schreiben, gnadenlos aus. 90 Prozent der Anfragen übers Netz sind "Schrott". Die meisten sind zwar nett, seriös, normal. Aber nicht spannend: "Hallo, wie geht's, was hast du heute gemacht?" Aussehen ist ihr nicht so wichtig. Sie trifft sich auch mit Männern, die sie gar nicht attraktiv findet. Ihre Quote ist gut: Selten ist einer der sorgfältig Ausgewählten eine totale Enttäuschung.

Ihren Freunden erzählen sie nichts. Bis heute weiß eigentlich niemand über ihr Abkommen. "Man geht nicht damit hausieren", sagt Thomas. "Nicht weil man eine Diskussion scheut. Es ergibt sich einfach nicht."

Was sind das für Männer, die Livia trifft? "Manche sind erstaunlich besitzergreifend", sagt sie. Obwohl sie selbst eine Freundin haben, soll Livia nur noch mit ihnen Sex haben. Heimlich, natürlich. "Oft läuft bei ihnen seit Jahren nichts mehr im Bett. Schon mit Anfang, Mitte 30. Das betrifft nicht nur Spießer. Sondern auch attraktive, urbane Leute, die mit großem Tamtam geheiratet haben. Kein Wunder, dass die Männer sich dann umschauen."

Die Gesellschaft ist eher wieder konservativer geworden, glauben Thomas und Livia. Dabei sollte man doch zu seinen Bedürfnissen stehen. Und sie mitteilen. Sie wollen nichts zwischen sich kommen lassen. Schon gar nichts Sexuelles. So einfach ist das.

"Wir wissen, was wir aneinander haben. Wir wollen das nicht kaputt machen, indem wir irgendetwas heimlich abziehen." Eine echte Beziehungskrise? Hatten sie noch nie. Ihre größten Streitthemen? Er könnte verlässlicher planen. Sie auch mal eher locker lassen. Das war's.

Im März 2013 schreibt ihr auf einem Onlinedating-Portal ein Mann. Eigentlich will sie sich gerade mit niemandem treffen. Hat ein paar Geschichten, die langsam auslaufen. Aber er ist anders. So sicher, dass sie sich begegnen sollten. Er ist Polizist und gerade von einem Auslandseinsatz zurück. Seine Fotos gefallen ihr.

"Aus dem Kaffee in Köln wurde ein halber Tag", sagt sie.

Der Mann ist in einer Beziehung, aber es läuft nicht mehr rund. Er sucht eine Affäre. Nicht nur reinen Sex, sondern eine gemeinsame Ebene. Dafür kommt er wieder nach Köln, schläft bei Kumpels. Es funkt. Sie schlafen miteinander. Livia mag ihn. Verliebt ist sie nicht.

Auch Thomas lernt ihn kennen. Er besucht die zwei sogar zu Hause.

"Interessant, wie sehr die beiden sich mögen", sagt Thomas. "So vertraut. Da stimmt die Chemie." Auch er versteht sich mit dem anderen Mann blendend. Gleich an diesem Abend, als Thomas den Neuen kennenlernt, gehen sie zu dritt ins Bett. Thomas mag es, seine Frau mit einem anderen zu sehen. Es gefällt ihm, Teil davon zu sein. Es ist toll, für alle. Sie wiederholen es noch ein paar Mal. "Das zusammen erlebt zu haben, hat unsere Beziehung eher intensiviert."

Livia spürt inzwischen ein "ernsthaftes Bedürfnis" nach einem anderen Mann. "Wenn das nicht ginge, wüsste ich nicht, was passiert", sagt sie einmal zu Thomas. Aber der fasst das nicht als Drohung auf. Warum auch? "Sie hat mir nie das Gefühl gegeben, dass sie und ich ein Problem hätten."

Angst, sich in einen anderen zu verlieben, hatte sie nie, auch nicht in eine Affäre. "Jemanden haben zu können, entzaubert ihn auch", sagt sie.

Wenn Thomas beruflich unterwegs ist, fährt sie in die Eifel. Zum "Wanderfreund", wie sie ihn jetzt nennen, weil sie sogar wirklich mit ihm wandern gehen. Er wird ihre ständige Affäre. Ein Jahr lang trifft sie nur noch ihn.

Sie ist zufrieden. Und Thomas? Sechzehn Jahre. Sein halbes Leben ist er jetzt mit dieser Frau zusammen. Die Haare werden dünner. Und doch hat er noch viele gute Jahre vor sich. Hat er nicht Angst, etwas zu verpassen?

"Die Frage stellt man sich ja immer. Hab ich genug erlebt, gesehen, gemacht? Bin ich genug gereist? Ich denke manchmal: 'Du solltest mal die Schwelle überschreiten.' Aber es brodelt nicht in mir. Ich bin sexuell zufrieden. Ich eröffne meiner Partnerin, die ich ja liebe, die Möglichkeit zu leben, wie sie leben will. Das befriedigt mich auch. Mir wird nichts genommen."

Er selbst hat weder Zeit noch Lust, sich jemanden zu suchen: "Köln ist voller attraktiver Frauen, aber ich brauche das nicht." Seine Freundinnen sind ihm zu wichtig, um die Freundschaft durch Sex zu riskieren. Seine Zeit ist ihm zu kostbar. Das letzte Mal, dass er eine andere Frau geküsst hat, ist inzwischen Jahre her.

Und dann, vor nunmehr zwei Jahren, bekommen sie ein Kind. Damit ziehen sich die beiden erst einmal zurück, richten ihr Haus für das Kind ein, sind sich selbst genug. "Seit Magda auf der Welt ist, ist das Thema nicht mehr brisant."

Der Kontakt zum Wanderfreund aber bleibt. Als Magda drei Monate alt ist, bleibt sie bei Livias Schwester, Livia und Thomas fahren zu seinem 40. Geburtstag. Inzwischen hat der Wanderfreund wieder eine feste Freundin. Mit ihr hat er auch ein Kind bekommen. Wie sie zu dem Thema steht, wissen Livia und Thomas nicht. Mangels Gelegenheit ist der Kontakt etwas eingeschlafen.

Vor drei Jahren haben sie inoffiziell geheiratet. "Niemand weiß das. Unsere Freunde gar nicht. Der Familie haben wir es später gesagt."

Letzte Woche kam eine SMS vom Wanderfreund. Seit Langem die erste. "Wie geht es euch?", fragt er Livia. Und: "Vielleicht bin ich für monogame Beziehungen einfach nicht geschaffen." Livia ist vorsichtig. Sie weiß nicht, wie es um seine Beziehung steht. Was er will. "Ich will nicht dafür mitverantwortlich sein, dass ein Kind ohne seinen Vater aufwächst." Sie hat ihm geantwortet. "Mal schauen, was passiert."

Neulich, bei einem seltenen Blick auf die Dating-Portale, sind sie doch einmal stutzig geworden. Jemand hatte ihren Anzeigentext kopiert. Zauberhafte Eskapade. Livia und Thomas hat es gefreut.

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