Der Geburtsort der Sushi-Pommes
Kopenhagen

Der Geburtsort der Sushi-Pommes

In Amager in Kopenhagen mischen sich chinesische, thailändische, japanische und dänische Küche auf verrückte Art und Weise.
28 Juni 2016, 1:00pm

Wie das bei vielen guten Dingen so ist, ist auch meine neueste dänische Entdeckung aus einem Akt purer Verzweiflung heraus entstanden. Ich war bei einem Freund im Bezirk Amager zu Besuch, eine Insel von Kopenhagen,und wir hatten Hunger. Es war kalt, goss in Strömen und wir hatten nichts im Kühlschrank außer einem steinharten brunøst. Also gingen wir in das nächstbeste Restaurant, Bistro Grill, nur vier Häuser weiter. Mein Freund war noch nie dort gewesen. Der Name verriet nicht viel, zumindest nicht, dass es dort Chop Suey, Schweinefleisch mit rotem Curry und Burger gibt. Nach diesem Essen wurde mir langsam klar, dass es diesen verrückten Küchenmix—Chinesisch, Thai und dänische frikadeller auf einer Karte—überall in Amager gibt. Für mich war das Viertel eher bekannt für seine billigen Mieten, die Hells Angels und das Überangebot an Sonnenstudios. Die für mich neue Küche des Viertels taufte ich kurzerhand Amager Fusion.

Den Lykkelige Familie Das war eine meiner ersten Begegnungen mit der Amager-Fusion-Küche. Von außen sieht es aus wie ein typisches chinesisches Restaurant, inklusive goldener Löwen, die über die Straße wachen. Innendrin erwartet einen jedoch ein echter Schatz. Für 128 Kronen (am Wochenende 148, weil … Kapitalismus halt) bekommt man so viel man essen kann: Rindfleisch nach chinesischer Art mit Brokkoli, rotes Thai-Curry, japanische Nigiri, dänische tarteletter und frittiertes Zeug. Außerdem gibt es ein mongolisches DIY-Barbecue, also mehr oder weniger DIY, denn eigentlich gibt man nur einen Teller mit rohen Zutaten durch ein Fenster in die Küche und wartet dann darauf, dass ein kochend heißer Berg aus Fleisch, Nudeln und Sauce wieder zurückkommt. Das meiste davon—mit Ausnahme der tarteletter—ist überraschend gut. Und die Auswahl ist riesig, es gibt sogar ein Eis-Büffet mit Softeis, Sahneeis und riesigen Flaschen mit Schoko- oder Erdbeersauce.

Ganz klar, warum Den Lykkelige Familie so gut besucht ist (und ich hier auch die massigsten Dänen in ganz Kopenhagen gesehen habe). Die Alteingesessenen erkennt man leicht: Ihnen ist alles egal, sie hauen sich gebratene Nudeln zusammen mit ein paar Lachs-Maki auf den Teller und tunken ihre Pommes in süß-saure Sauce. Die Besitzerin Hui Juan Xu stört diese wilde kulinarische Mischung weniger: „Die Dänen bringen gern alles durcheinander", sagt sie mit einem geduldigen Lächeln.

Chili's Eigentlich ist Chili's eine Tex-Mex-Kette aus den USA, das dänische Pendant hat zwar das gleiche Logo, ist in seinem Angebot allerdings etwas vielfältiger. Klar, es gibt Nachos (aus Tortilla-Chips mit Nacho-Geschmack), aber auch brettgroße Schnitzel, Döner und ein ziemlich leckeres Rogan Josh mit starker Zimtnote. Vor allem aber gibt es Pizza—niemand scheint etwas anderes zu bestellen.

Pizza ist hier ein weit gefasster Begriff. Es gibt ein „Pizza Sandwich", andere würden es vielleicht als eine misslungene Calzone bezeichnen: Pizzateig gefüllt mit Falafel und Crème Fraîche. Aus dem gleichen Teig macht man hier Naan, sie verwandeln quasi Pizza in indisches Fladenbrot. Einfach genial. Da fragte ich mich: Was hält die Amager Fusion noch für mich bereit?

Steak House Punkt 1: Im Steak House gibt es keine Steaks. Früher gab es die mal, als es auch tatsächlich ein Steak House war. Der ursprüngliche Besitzer Saki hat sein altes Familienrestaurant dann aber wieder den Leuten abgekauft, denen er es einst verkauft hatte. Er wollte den Namen ändern, aber alle nannten es nur Steak House. Mal abgesehen von nicht vorhandenen Steaks gibt es auf der Karte Döner, Ofenkartoffel und amerikanische Pizza.

Amerikanische Pizza—sowas habe ich als Amerikanerin noch nie gehört. Dann hab ich die schwarzen Pfannen gesehen und wusste, dass „amerikanisch" wohl „Chicago-Style" bedeutet, also eine Deep-Dish-Pizza. Aufregend, dachte ich mir, und guckte die ellenlange Karte durch. Die Pizzen wurden alle nach Orten in den USA benannt, allerdings eher willkürlich und in ziemlich skurriler Art und Weise. Auf der Pizza Manhattan, eigentlich urban durch und durch, waren Mais und Erbsen—weniger städtisch, eher ländlich. Für uns in den USA sind Dakota und Montana symbolhaft für die Viehwirtschaft, die beiden Pizza-Kreationen im Steak House sind allerdings—welch bissige Ironie—rein vegetarisch. Eine Pizza mit Schawarma nennen sie Las Vegas, obwohl man bei Las Vegas an so ziemlich alles denkt, außer an nahöstliche Küche. „Mir gefallen einfach die Namen", gesteht Saki.

Er ist Unternehmer, in Dänemark geboren, seine Eltern kommen aus Pakistan. Ihnen gehören in derselben Straße noch ein paar erfolgreiche Lokale. Das Essen im Steak House ist halal, der Schinken, die Salami und der Speck sind also aus Putenfleisch. Auf die Pizza Boston packt er Ingwer, er ist der Meinung, dass Ingwer der nächste große Trend bei Pizzabelägen wird. In ein paar Monaten soll es auch wieder Steak auf der Karte geben.

Leider war es doch keine richtige Deep-Dish-Pizza. Der Teig ist dünn und wird einfach in die Pfanne gedrückt und dann wie jede andere Pizza auch belegt. Warum ist das amerikanische Pizza? „So haben sie das genannt, als ich kochen gelernt habe", meint Saki. Wo das gewesen sei, frage ich ihn daraufhin. „In Norwegen."

Amager Fusion

Power Grill Durch das gleißende Neonlicht kann man den Power Grill eigentlich nicht verfehlen. Draußen hängt ein Zettel, auf dem in Handschrift steht KIMONO PØLSE 25 kr. Drinnen sitzt ein einsamer Gast, das vor Pomade triefende Haar nach hinten gekämmt, und sieht sich gespannt das Grand-Prix-Halbfinale an. Der Besitzer versucht mir das Schild zu erklären: „Hotdog. Wrap." In meinem Kopf taucht ein Hotdog eingewickelt in einem Fladenbrot auf. Umso überraschter war ich, als ich einen goldbraunen Phallus serviert bekam. Ja, ein Hotdog, aber mit einem frittierten Teigmantel. Komisch und lecker zugleich. Später habe ich zwar herausgefunden, dass das gar keine Erfindung des Power Grill war, aber bei dieser innovativen Mischung aus dänischer und chinesischer Küche kann der kimono pølse eigentlich nur in Amager erfunden worden sein.

Southern Grill So langsam bekam ich eine Vorstellung von der kreativen Hybridküche in Amager. Mit meinem neuen Wissen besuchte ich dann den Southern Grill. Mittlerweile wusste ich ungefähr, was mich erwarten würde: 70 gebratene Gerichte, eine nicht geringe Anzahl an frittierten Sachen, 50 verschiedene Burger (in den Kategorien: neu, hausgemacht, normal), zig verschiedene Milchshakes. Ich wusste auch, dass einige Gerichte nicht das sein würden, was ihr Name versprach (zum Beispiel der Kopenhagen-Burger mit Jalapeños). Es hat mich auch nicht überrascht, dass die Milchshakes eigentlich nur Soft-Eis im Becher waren, über die dann noch der entsprechende Sirup gegossen wurde.

Aber das Sushi hat mich echt überrascht: Nicht die Tatsache, dass sie es anbieten, sondern dass sie sich da so reinhängen. Immerhin ist es ein China-Fast-Food-Imbiss und wie Besitzer Thomas Lam meint, machen sie den meisten Umsatz mit Burgern. Vor fünf Jahren hat er allerdings einen Sushi-Koch eingestellt, der jetzt hinter einer Glaswand arbeitet, denn „die Leute wollen sehen, was sie bekommen". Zur 16-seitigen normalen Karte gibt es eine extra Sushi-Karte, 23 Seiten lang. Mittlerweile verkauft sich das Sushi am zweitbesten.

Amager Fusion

Das will was heißen, denn hier ist viel los, enorm viel. Der Laden öffnet um halb fünf und schließt um zehn, die ganze Zeit kommen Kunden. Hier arbeiten Chinesen, Japaner, Leute aus Südostasien und dem Nahen Osten und aus Dänemark. Nirgendwo in Kopenhagen habe ich so viel Vielfalt gesehen.

Viele finden diese Amager-Fusion-Küche vielleicht einfach nur lachhaft—während ich mich über die kleine Insel gegessen habe, konnte ich mir auch oft das Lachen nicht verkneifen. Die Hipster unter uns (auch wenn man das nicht gern zugibt) machen sich über so eine Hybridküche eher lustig oder verachten sie total. Uns ist Authentizität wichtig. Mit ihrem Pizza-Naan, den kimono pølser und dem chinesisch-japanisch-thailändisch-mongolisch-dänischem All-you-can-eat-Buffet ist Amager Fusion scheinbar alles andere als authentisch.

Thomas Lam hat den Southern Grill vor 40 Jahren eröffnet, er kam mit seiner Familie aus Hong Kong und zuerst gab es nur chinesisches Essen, im Laufe der Zeit dann auch Burger, als, wie er sagt, „Fast Food in Dänemark beliebt wurde". Seitdem hat er noch andere Lieblingsgerichte der Dänen auf die Karte genommen, Sushi und Bubble Tea zum Beispiel. Damit hatte er so viel Erfolg, dass er ein zweites Restaurant eröffnen konnten. Wieder in Amager.

Die Amager-Fusion-Küche wurde von den Einwanderern geschaffen und vermischt die Küche anderer Länder mit dem, was die Dänen so mögen. Damit ist sie selbst Integration: Sie bietet denjenigen, die hierher kommen, einen wirtschaftlichen Einstieg in die Gesellschaft und symbolisiert gleichzeitig die multikulturelle Einstellung, die die Dänen nach eigener Aussage unterstützen.

Einige sehen in der Amager Fusion eine abwegige kulinarische Kreuzung. Man könnte es aber genauso wie beim Hamburger sehen. Ende des 19. Jahrhunderts haben deutsche Einwanderer und Seeleute das Hackfleisch als „Hamburg Steak" in die USA gebracht. Irgendwann packte ein findiger Unternehmer das „Steak" dann zwischen zwei Brötchenhälften (um den Titel des Erfinders streiten sich einige) und erschuf damit wohl den Inbegriff der amerikanischen Küche.

Anders gesagt: Vielleicht ist Amager Fusion also die kulinarische Zukunft.