Ex-Häftlinge erzählen von ihren ersten 24 Stunden in Freiheit

Du holst deine persönlichen Gegenstände ab, ziehst dir zum ersten Mal seit Jahren wieder normale Kleidung an und es öffnet sich das Tor zur Außenwelt. Aber wie geht es dann weiter?

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17 Januar 2017, 4:00am

Foto: Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Stell dir vor, du wirst nach einer jahrelangen Haftstrafe wieder in die Freiheit entlassen. Du holst dir dein persönliches Hab und Gut, legst endlich deine Gefängniskleidung ab und trittst durch die geöffnete Tür nach draußen. Ein Moment des Glücks. Dieses Glück ist jedoch auch mit Angst und Erwartungen verbunden. Wie geht es jetzt weiter? Wen besuchst du zuerst und wohin gehst du? Um herauszufinden, wie diese ersten Stunden nach dem Ende eines Gefängnisaufenthalts ablaufen, lassen wir drei Männer zu Wort kommen, die genau das durchlebt haben. Alle stammen aus dem australischen Bundesstaat Victoria und sind beim Unterstützungsprogramm ReConnect aktiv.

Foto: Alexander C. Kafka | Flickr | CC BY-ND 2.0

Shaun, 34, hat fünf Jahre im Gefängnis verbracht

Am Tag meiner Freilassung bin ich direkt nach Hause zu meinem Vater gegangen. Der hatte zwar eine kleine Willkommensparty für mich geplant, aber ich meinte nur: "Nee, lass mal." Ich fühlte mich da einfach nicht wohl. Zwar ist man im Gefängnis auch immer von Menschen umgeben, aber das ist trotzdem eine ganz andere Atmosphäre als draußen. In Freiheit fiel es mir außerdem erstmal schwer, ein Gespräch zu führen. Ich meine, über was sollte ich denn mit den Leuten reden? Es waren Jahre vergangen, seit ich das letzte Mal Vogelgezwitscher am Morgen gehört oder den Sternenhimmel gesehen hatte. Das lag daran, dass ich die letzten dreieinhalb Jahre meiner Haftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis abgesessen habe, wo ich jeden Tag um vier Uhr zurück in meine Zelle musste. Bei meinem Vater hörte ich dann um fünf Uhr morgens einen Hahn krähen. Ich dachte erst, ich würde mir das nur einbilden, aber mein alter Herr sagte dann: "Ja, der Nachbar hat sich so ein Tier zugelegt."

Was mir hinter Gittern richtig gefehlt hat, war Toast mit [dem in Australien unglaublich beliebten Hefeaufstrich] Vegemite. Dort ist das Ganze verboten, weil man die darin enthaltene Hefe ja zum Herstellen von Alkohol verwenden könnte.

Nach dem Aufwachen dachte ich also erstmal über den Hahn nach und gönnte mir danach ein paar Vegemite-Toasts. Anschließend stand ein Arztbesuch an. Länger als zehn Minuten habe ich es in der Bahn jedoch nicht ausgehalten, weil der Zug früh morgens wegen der ganzen Pendler natürlich total voll war. Deshalb bekam ich eine Panikattacke und musste aussteigen. Ich kam mit der großen Menschenmenge einfach nicht klar und hatte dazu noch das Gefühl, dass die Wände immer näher kommen würden. Das war total abgefahren. Ich wartete schließlich bis elf Uhr und nahm dann einen weniger vollen Zug.

Ich gebe zu, dass ich nach fünf Jahren hinter Gittern doch etwas Angst hatte. Mir kam es so vor, als käme ich mit der Welt da draußen nicht mehr klar. Ich brach vor meinem Vater auch in Tränen aus und sagte: "Ich kann das nicht, ich muss zurück ins Gefängnis." So ging es die ersten Tage, aber mit der Zeit wurde es langsam immer besser.

Foto: 826 PARANORMAL | Flickr | CC BY 2.0

Ziggy, 39, hat schon mehrere Haftstrafen abgesessen (die aktuellste dauerte zwei Jahre)

In den Wochen vor meiner Freilassung hatte ich mehr denn je mit Angstzuständen zu kämpfen. Als ich dann tatsächlich raus kam, wich diese Angst jedoch der Aufregung. Es hat dann einige Tage gedauert, bis ich das alles wirklich realisiert hatte. Aber allein schon der Moment, in dem ich die Papiere unterschreib und weiß, dass ich das Gefängnis hinter mich lasse, beschert mir ein absolut einzigartiges Gefühl.

Am Tag meiner Freilassung war es richtig kalt. Daran kann ich mich noch genau erinnern, weil ich keinen Pullover dabei hatte. Als Adresse hatte ich meine Eltern angegeben, weil sie mir in der ersten Zeit auf die Beine helfen wollten. Nachdem mein ganzes Zeug bei ihnen verstaut war, machte ich mich auf den Weg zu meinen Kindern und deren Mutter. Sie wussten bereits, dass ich nach Hause kam, und sie hatten mir in den vorangegangenen Tagen schon die ganze Zeit am Telefon erzählt, wie sehr sie sich auf ihren Papa freuten. Das fühlte sich unglaublich gut an. Leider ist es für meine Sprösslinge nichts Neues, dass ich längere Zeit nicht für sie da sein kann, denn es handelte sich nicht um meinen ersten Gefängnisaufenthalt. Nein, ich befand mich eigentlich den Großteil ihres bisherigen Lebens hinter Gittern. Darauf bin ich nicht gerade stolz, aber immerhin haben wir trotz der fehlenden Nähe eine starke Bindung zueinander.

Ich muss sagen, dass sich meine Freilassung dieses Mal anders anfühlte. Vorher hatte ich immer den Eindruck, dass ich von zu vielen Menschen und zu viel Lärm umgeben war. Dieses Mal wirkte die Freiheit natürlich, weil ich dank meines Unterstützungsnetzwerks viel besser vorbereitet war. Zu diesem Netzwerk gehört jetzt auch mein Bewährungshelfer. Vorher habe ich diese Menschen immer als eine Art Feind angesehen, aber irgendwann merkte ich, dass ich etwas ändern musste. Mein jetziger Bewährungshelfer ist außerdem sehr kompetent—damit habe ich schon den halben Kampf gewonnen. 

Derzeit bin ich mit meinem Leben wirklich zufrieden. Meine Zukunft sieht rosiger aus denn je. Und das habe ich meiner Meinung nach den Leuten zu verdanken, auf die ich mich verlassen kann—also meine Familie und meine Freunde. Derzeit läuft alles wie am Schnürchen, aber ich will hier auch nicht selbstgefällig wirken. Ich habe das Ganze so ähnlich ja schon mal durchlebt und es ging sehr schnell wieder bergab. Ich war jetzt oft genug im Gefängnis, das ist einfach nur verschwendete Lebenszeit.

Foto: Dave Nakayama | Flickr | CC BY 2.0

Vu, 36, hat aufgrund eines Drogendelikts drei Jahre hinter Gittern gesessen

Ich kam am Nachmittag aus dem Gefängnis frei. Der mir zugeteilte Sozialarbeiter holte mich ab und brachte mich nach Hause zu meiner Mutter. Jeder hieß mich herzlich willkommen und wir kochten dann vietnamesisches Essen. Das hat meine Mutter nämlich richtig drauf und das habe ich auch am meisten vermisst. Wir unterhielten uns über alles Mögliche, weil ja einige Jahre vergangen waren. Anfangs bist du dir nicht sicher, wie es die Leute finden, dass du zurück bist. Wenn du jedoch mit ihnen sprichst, dann findest du schnell heraus, dass sie glücklich über die Rückkehr sind.

Nach dem Gefängnis wusste ich nicht, wie es für mich weitergehen würde. Ich hatte es auch gar nicht in der Hand. Gleichzeitig war mein größter Wunsch, zu arbeiten und wieder richtig auf die Beine zu kommen. Ich wollte auf keinen Fall irgendjemandem zur Last fallen.

Meine zweite Priorität war es, meinen Sohn zu sehen. Das sollte sich jedoch als gar nicht so einfach herausstellen, weil er sich in der Obhut seiner Großeltern befindet. Und seit der Sache mit den Drogen habe ich nicht mehr das beste Verhältnis zu ihnen. Das erste Treffen mit ihm dauerte dementsprechend nicht mal einen ganzen Tag, sondern nur ein paar Stunden. Und die Großeltern begleiteten uns die ganze Zeit auf Schritt und Tritt. Das hat zwar ziemlich genervt, aber nach meinem Gefängnisaufenthalt wirken die meisten meiner Probleme jetzt sehr klein. Ich habe das Ganze nicht persönlich genommen.

Du musst dich einfach darauf konzentrieren, wo du hin willst und was du machen willst. Das war's. Einfach so normal sein wie nur möglich. Vor meiner Haftstrafe drehte sich meine Welt total schnell. Einerseits machte ich richtig viel Geld, andererseits stand ich aber auch unter Dauerstress. Jetzt kann ich mein Leben wieder richtig genießen, obwohl ich wohl nie ein schönes Haus oder eine Katze besitzen werde. Und das ganze Geld ist auch flöten gegangen. Aber hey, dafür bin ich glücklich. Und das ist mir aktuell am wichtigsten.

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