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Barack Obama: Der Präsident, dem US-Punk nicht den Mittelfinger zeigte

Punkrock hatte immer gegen die Regierung gewettert. Aber dann betrat Barack Obama die Bühne und die Grenze wurde unscharf.

von Dan Ozzi
17 Januar 2017, 1:45pm

Alle Menschen, die mich Punk zu hassen lehrte, waren bereits tot oder irrelevant, als ich die Songs über sie hörte. Pol Pot starb im gleichen Jahr, in dem ich „Holiday in Cambodia" von den Dead Kennedys hörte. Margaret Thatchers Schreckensherrschaft als britische Premierministerin lag bereits viele Jahre zurück, als ich „How Does It Feel to Be the Mother of 1.000 Dead" hörte. Und als schließlich Reagan Youth in mein Leben traten, war der feuchte Traum aller Republikaner nur noch ein seniler, alter Kauz.

Für alle, die Punk erst nach den 80ern für sich entdeckt haben, beeinflusste das Genre mehr ihre Theorie als ihre Praxis. Die großen Feindbilder, die in frühen Punksongs thematisiert werden, waren da schon entmachtet oder hatten an Wirkkraft verloren, die Leitlinien des Genres blieben jedoch bestehen: Die Regierung ist durch und durch böse und du kannst ihr nicht trauen. Die dem zugrunde liegende Ideologie kennst du vielleicht besser unter ihrem Schlachtruf: FUCK THE GOVERNMENT. Dieser Ethos—in Kombination mit Nietengürtel und ╬Void╬-Backpatch—war eigentlich alles, was du für das Punk-Einsteigerpaket gebraucht hast.

Es war ein Leichtes, diese antagonistische „murder the government"-Einstellung [Zitat: Mike Burkett, 1997, alle Rechte vorbehalten] während der Bush-Jahre beizubehalten, schließlich ähnelte sein Kabinett einer Versammlung von Batman-Schurken: von Dick Cheney als kriegsprofitierender Pinguin bis zum Joker höchstpersönlich, George W. Bush—ein minderbemittelter Sohn einflussreicher Eltern, der rückwärts in das mächtigste Amt der Welt geplumpst war. Acht lange Jahre hielten Punks die „Not My President"-Flagge in den Wind und der Geist des Widerstands lebte fort. Schließlich gab es auch mehr als genug, gegen das es sich zu protestieren lohnte: zwei unrechtmäßige Kriege, das Inkrafttreten des Patriot Acts, Folter, ein gigantisches Haushaltsdefizit und der „Krieg gegen den Terrorismus"-Blankoscheck für den Einmarsch und die Zerstörung jeder als solche wahrgenommenen Bedrohung.

Aber dann betrat Barack Obama die Bühne und die Grenze wurde unscharf.

Auf dem Papier war Obama ein Schritt nach vorne: ein junger, schwarzer Idealist, der die Grundpfeiler des sozialen Fortschritts verkörperte. In Wahlkampfreden sprach er darüber, sich für gleichgeschlechtliche Ehen einzusetzen, das Recht auf Abtreibungen beizubehalten, Stammzellenforschung zu ermöglichen und den Schutz vor sogenannten Hate-Crimes auch auf Menschen auszuweiten, die aufgrund ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung von Anfeindungen betroffen sind. Rückblickend klingt das zwar alles ziemlich rudimentär und selbstverständlich, aber noch vor wenigen Jahren, also 2008, waren solche Töne von einem Vertreter einer etablierten Partei ziemlich revolutionär. Vor die Wahl gestellt zwischen ihm und einem weiteren weißen Tattergreis, der sich beim Gedanken an das Bombardieren von dunkelhäutigen Menschen jedes Mal eine Viagra einfährt, fällte Punk eine Entscheidung.

Irgendwann im Laufe von Obamas achtjähriger Präsidentschaft, unterstützt von einer gesundenden Wirtschaft und einem Land, das von fast zehn Jahren Kampf gegen eine Regierung aus lügenden Kriegstreibern, sichtlich erschöpft war, wurde Punk zunehmend selbstgefällig und bequem. Einige der Hauptfiguren, die einst gegen Bush auf die Barrikaden gegangen waren, verfielen der Tatenlosigkeit und so manch einer verkündete sogar—kaum zu fassen!—seine Unterstützung für Obama. Plötzlich war es schwierig geworden, den Präsidenten zu kritisieren—nicht zuletzt auch, weil viele andere Kritiker ihre Einwände nicht ohne beiläufigen Rassismus formulieren konnten. Diejenigen, die gegen Obama protestierten, riskierten vom liberalen Schwarmdenken niedergebrüllt zu werden, mit Rassisten in einen Topf geworfen und als Nazi-Punks abgestempelt zu werden.

Kollagenartworks mit gekreuzigtem Präsidenten oder einem, dem von einer deutschen Luger das Hirn rausgeblasen wird, schmückten nicht länger die Cover von Punkalben, und tief in uns drin, fühlten wir uns langsam aber sicher wie die letzten Poser, wenn Against Me! in der Stadt waren und wir „Baby, I'm an Anarchist" mitgrölten.

Punksongs hörten auf, den Präsidenten direkt zu kritisieren (was eine echte Schande ist, weil sich „Barack" mit einem Haufen wirklich fieser Wörter reimt, wenn du dir nur genug Mühe gibst) und konzentrierten sich stattdessen auf konkrete Problemfelder: die Rechte der Frauen, gleichgeschlechtliche Ehen, Trans-Rechte und Korruption in der Polizei. Dank der Illusion, eine halbwegs kompetente Person am Steuer zu haben, konnten sich Punks ihren eigenen, szeneinternen Problemen zuwenden. Ich würde vielleicht sogar behaupten, dass diese Methode des Protests ein produktiverer Einsatz von Energie war, als ziellos „Fuck the President!" ins Leere zu brüllen.

Obamas Amtszeit ist jetzt quasi vorbei und wenn man genau hinschaut, sind während seiner Präsidentschaft eine ganze Reihe internationaler und nationaler Gräueltaten über die Bühne gegangen, die Protest verdient haben: die Tötung unschuldiger Zivilisten durch Drohnenangriffe, flächendeckende Spionage durch die NSA, Obamas drakonische Bestrafung von Whistleblowern, das glimpfliche Davonkommen der Bankenchefs nach der Wirtschaftskrise und dann wäre da auch noch dieses Gefangenenlager auf Kuba, das eigentlich schon vor acht Jahren hätte geschlossen werden sollen. In vielerlei Hinsicht führte Obama die gleiche widerliche Politik seines vielgescholtenen Vorgängers fort—oder verschärfte diese sogar. Bevor ich jetzt aber von Anarcho-Krusten, die diesen Artikel auf ihren iPhones im McDonald's WiFi hasslesen, wütende Privatnachrichten bekomme: Ja, in vielerlei Hinsicht ist Obama der übliche War-as-Usual-Zentrist, der in einem festgefahrenen System gefangen war—einem System abhängig von Kompromissen, hungrig nach Profit, anfällig für Korruption und langsam im Implementieren langanhaltender Veränderungen. 

In vielen Fallen führte Obama die gleiche widerliche Politik seines vielgescholtenen Vorgängers fort—oder verschärfte diese sogar.

Aber neben dem gaaaanzen allmächtiger-Anführer-einer-globalen-Tötungsmaschine Teilaspekt seines Jobs gab es auch Barack Obama, den Menschen.

Keine Frage, Obama ist intelligent und charismatisch—ein gebildeter Mann, der wohlüberlegt handelt; ein begnadeter Redner und Vater einer Familie, mit der etwas dringend benötigter Multikulturalismus ins Weiße Haus Einzug hielt. Im Gegensatz zu Bush, dessen niemals versiegender Verbaldurchfall genug Wortverwechslungen und Entgleisungen produzierte, um ganze Bücher zu füllen, schaffte es Obama zumindest durch eine Pressekonferenz, ohne in sämtliche Fettnäpfchen zu treten. Das zeigt aber eigentlich nur, wie niedrig die Ansprüche für einen Job im Oval Office gesunken sind. Auch wenn es unfassbar klischeehaft und extrem lahm ist, so etwas über die Volksnähe politischer Kandidaten zu sagen, aber Obama ist schon so jemand, mit dem man das eine oder andere Bier verhaften würde.

Anzuerkennen, dass ein Präsident einem anständigen Menschen ähnelt, ist für echte Punks nur unter schweren Schuldgefühlen möglich. Ein institutionalisierter Hass auf alles in Anzügen lässt sich eben nur schwierig mit der Anerkennung einer Person als historisch wichtige Figur in Einklang bringen, die eine mehrere hundert Jahre andauernde Kette weißer, männlicher Unterdrücker durchbrochen hat. Dieses Dilemma warf in Punkerkreisen eine ganze Reihe ethischer Grundsatzfragen auf: Kann eine böse Kriegsmaschine von einer moralisch anständigen Person geführt werden? Kann man die Errungenschaften des Anführers des eigenen Landes würdigen, ohne dabei Patriot zu sein? Und was ist eigentlich aus den ganzen Rock Against Bush-CDs geworden? Punk stieß während der Obama-Jahre immer wieder auf diese Fragen und wurde zusehends sesshaft—zu sesshaft vielleicht.

Angesichts dessen, was ihn ersetzen wird—ein aufgeplusterter, unehrlicher Narzisst, der keinen Tag übersteht, ohne seine eigene Peinlichkeitsgrenze zu unterbieten—, ist es umso leichter geworden, sich von einem Präsidenten begeistern zu lassen, der Bücher liest und Sätze mit mehr als vier Wörtern bilden kann; der versucht hat, Menschen zu inspirieren, anstatt ständig irgendwelchen Schwachsinn über seinen Reichtum von sich zu geben; der die Probleme des Landes wirklich verstand und versuchte, allen Amerikaner zu dienen, anstatt sie bei Twitter anzugreifen. Aber indem man Barack Obama romantisiert, normalisiert man Donald Trump. Die beiden miteinander zu vergleichen fördert nur die Vorstellung, dass Trump ein akzeptabler Präsidentschaftskandidat sei.

Die fauligen Vorboten auf den anstehenden Shitstorm, in den Trump Amerika zu stürzen plant, haben das letzte Jahr über gereicht, um die Punkszene wieder aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwecken. Sein fremdenfeindlicher Albtraum von einer Präsidentschaftskampagne war der Katalysator, der alle Hirne wieder hochfahren ließ, nachdem man sie sich jahrelang über kleingeistige Szenepolitik im Kreis gedreht hatte. Schnell rückte das große Ganze wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Wahlkampf brachte sogar eine neue Generation junger Aktivisten hervor, die sich kaum an eine Zeit vor einer schwarzen Präsidentschaft erinnern konnten.

Es wurde bereits bis zum Erbrechen diskutiert, ob und wie eine Trump-Präsidentschaft dem Geist des Punks neues Leben einhauchen wird. Aber ehrlich gesagt, wenn wir uns vor Augen halten, dass wir es mit einem psychisch instabilen Egomanen zu tun haben, der damit prahlt, das Atomwaffenarsenal zu erweitern, wen zum Teufel interessiert das? Mit Glück haben wir in vier Jahren noch einen Planeten, auf dem wir leben und irgendwelche Musik hören können.

Wenn der Diktatoren-Aspirant in wenigen Tagen das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika antritt und Obama sich verabschiedet, können die US-Punks dem scheidenden Kandidaten widerwillig ihre Anerkennung zollen, sich ihre Nietengürtel anziehen und wieder dazu übergehen, aus voller Innbrunst und mit reinem Gewissen „fuck the government" zu brüllen.

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