Der Bundestag hat über Cannabis auf Rezept entschieden

Warum sich das Ergebnis auch auf Freizeit-Kiffer auswirken wird.

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19 Januar 2017, 10:42am

Wenn du denkst, dass du unter der Drogenpolitik leidest, weil du dein Gras im Stadtpark kaufen musst, solltest du mal an die Menschen denken, für die Weed mehr bedeutet, als den Netflix-Abend unterhaltsamer zu machen. Für viele Menschen ist Gras Medizin, die ihr Leben erleichtert. Und eben für jene ist es in Deutschland bisher ziemlich kompliziert. Die deutsche Drogenpolitik basiert hauptsächlich auf Verboten. Und das hat dazu geführt, dass Menschen, die medizinisches Cannabis benötigen, sich auf eine teure und nervenaufreibende Odyssee begeben müssen. Genau das soll sich mit dem neuen Gesetz ändern.

Der Bundestag hat über einen Gesetzesentwurf abgestimmt, der festlegt, dass die Krankenkassen zukünftig die Kosten für Cannabis für Patienten tragen. Eine Legalisierung für alle ist das noch lange nicht. Aber es ist ein Schritt in Richtung einer Drogenpolitik, die nicht mehr jeden Konsumenten kriminalisiert. Und das heißt wiederum: Es könnte der erste Schritt zu einer vollständigen Legalisierung sein.

Trotz der restriktiven Drogenpolitik ist Weed in Deutschland so beliebt wie nie zuvor. Fast 20% der 18- bis 25-Jährigen gaben 2015 bei einer Umfrage an, mehr oder weniger regelmäßig zu konsumieren. Bei der jährlichen Global Drug Survey, die sich direkt an Konsumenten richtet, ist das Bild noch eindeutiger: Cannabis war 2016 mit Abstand die beliebteste illegale Droge in Deutschland. In vielen Bundesstaaten der USA, oder Ländern wie Uruguay, Tschechien oder den Niederlanden, ist Weed entweder legal beziehungsweise der Besitz und Konsum geduldet oder straffrei. Deutschland setzt aber weiterhin auf eine restriktive Drogenpolitik.

Weed auf Rezept

Bisher nutzen schon mehr als 1.000 Patienten in Deutschland Gras als Medizin. Mit steigender Tendenz. Allein 2016 hat die sogenannte "Bundesopiumstelle" 452 Genehmigungen erteilt. Verschrieben werden Gras oder auch THC-Präparate für verschiedene Diagnosen: chronische Schmerzen, Schlaganfallrisiko, Angststörungen, Depressionen, Migräne, Neurodermitis, Schuppenflechte, aber auch Krebs- oder HIV-Patienten bekommen Gras auf Rezept. Experten rechnen damit, dass bis zu 800.000 Menschen von der neuen Regelung profitieren. Selbst wenn Patienten einen Arzt hatten, der bereit war, sie bei der Cannabis-Therapie zu unterstützen, mussten sie sich mit einem komplizierten Verordnungsprozess auseinandersetzen. Danach bekamen Patienten zwar in der Apotheke auf Rezept Cannabis, mussten aber selbst dafür zahlen. Ein Gramm kostet bisher 15 bis 18 Euro. Monatlich kommen da leicht 500 Euro zusammen. Das ist ungefähr doppelt so teuer wie der Straßenpreis, der in Deutschland bei etwa neun Euro pro Gramm liegt. Maximilian Plenert, Vorsitzender des Bundesnetzwerks Drogenpolitik der Grünen rechnet im Fall einer vollständigen Legalisierung übrigens mit einem Preis von etwa vier Euro pro Gramm, dabei eingerechnet ist schon eine mögliche Cannabis-Steuer.

Das Gesetz wird nicht nur das Leben von Tausenden Patienten vereinfachen, sondern auch dafür sorgen, dass zum ersten Mal in Deutschland Cannabis im großen Stil angebaut werden kann. Mit Ausnahme von drei Patienten, die sich das Recht auf ihre eigenen Pflanzen vor Gericht erstritten haben, ist der Anbau bisher komplett verboten. Eine Cannabis-Agentur wird Lizenzen an Produzenten vergeben, die dann wiederum ihre Erträge an die Agentur verkaufen. Die Agentur beliefert dann die Apotheken.

Die Bundesregierung und vor allem ihre Drogenbeauftragte betonen aber, dass das alles um Gottes Willen nichts mit einer allgemeinen Legalisierung zu tun habe: "Der Einsatz von Cannabis als Medizin in engen Grenzen ist sinnvoll und muss gleichzeitig noch näher erforscht werden. (...) Cannabis ist keine harmlose Substanz, daher darf es auch keine Legalisierung zum reinen Privatvergnügen geben."  

Die Drogenpolitik in Sachen Cannabis ist für Konsumenten in Deutschland mindestens verwirrend. Der Besitz geringer Mengen bleibt zwar straffrei, wie viel genau diese geringe Menge ist, unterscheidet sich aber von Bundesland zu Bundesland. In Nordrhein-Westfalen sind es zehn Gramm, in Bayern wird wegen weit weniger schon eine Polizeiaktion ausgelöst oder schlimmstenfalls gar geschossen.   

Alle Fotos von Lisa Ziegler

Auch Gras zu besorgen, ist immer noch eine etwas dubiose Angelegenheit. Im besten Fall hat man einen netten älteren Hippie im Telefonbuch, der per Gras-Taxi direkt nach Hause liefert. Schlimmstenfalls muss man in einer dunklen Ecke mit nicht ganz seriösen Gestalten verhandeln und eventuell raucht man am Ende Haarspray oder Fensterkitt. Inhaliert ist Cannabis mit Sicherheit die "harmlosere Substanz".

Wirft man aber einen Blick in die USA, wird deutlich, dass Deutschland möglicherweise den ersten Schritt in Richtung eines Paradigmenwechsels in der Cannabis-Politik geht. In Kalifornien wurde Gras 1996 für medizinische Zwecke legalisiert. Mittlerweile wird in über der Hälfte der Bundesstaaten Cannabis als Medikament verschrieben und vor allem wird auch "das reine Privatvergnügen" immer legaler. In acht Bundesstaaten und in Washington D.C. ist Weed vollständig legalisiert. Das heißt nicht nur der Konsum, sondern auch der Verkauf und der Anbau (in Grenzen) sind legal.

Follow the Money

Cannabis ist aber nicht nur Medizin oder Privatvergnügen, sondern vor allem ein riesiges Geschäft. In Oregon, wo Marihuana seit 2014 vollständig legalisiert ist, wurde 2015 mehr als eine Milliarde US-Dollar umgesetzt, in den gesamten USA waren es sieben Milliarden und bis 2010 rechnet man mit 20. In Kalifornien ist Cannabis schon seit 2009 das umsatzstärkste Agrarprodukt. Es geht also um Geld. Viel Geld. Europa und vor allem Deutschland sind für Firmen aus den USA, die einige Erfahrung in Sachen legalem Weed gesammelt haben, deswegen auch ein potentieller Wachstumsmarkt. Schon jetzt eröffnen diese Firmen Büros in Deutschland in der Hoffnung, dass das neue Cannabis-Gesetz nur der Anfang einer Entwicklung ist, an deren Ende hoffentlich die komplette Legalisierung stehen wird.

Weedmaps ist eine der Firmen, die in Deutschland Fuß fassen wollen. Das selbsternannte "Yelp für Cannabis" listet und bewertet Gras-Apotheken in den USA. Ein Sprecher der Firma, die ein Büro in Berlin eröffnet hat, spricht gegenüber VICE davon, dass das Geschäftsmodell auch in Deutschland etabliert werden soll. Die rechtliche Situation werde anders sein, weil es in Deutschland, im Gegensatz zu den USA, keine reinen Gras-Apotheken geben kann. Apotheken dürfen ohnehin keine Werbung machen und müssen die Grundversorgung mit Medikamenten sicherstellen. "Momentan gibt es in Berlin sieben Apotheken, die Cannabis anbieten", sagt der Sprecher zu VICE. Weedmaps geht aber davon aus, dass sich das Angebot in der Hauptstadt und im Rest des Landes in absehbarer Zeit stark vergrößern wird.

Medizinisches Cannabis normalisiert Weed

Wenn Cannabis zu einem Medikament wie jedes andere wird, wird dieses Medikament das Verhältnis Deutschlands zu Gras verändern. Spätestens wenn es beim Hausarzt möglich sein wird, ein Rezept zu bekommen, und für viele Patienten und ihre Umgebung klar wird, dass ihnen Gras hilft und das ohne Nebenwirkungen, wird eine vollständige Legalisierung wahrscheinlicher. Ein Trend, den man genauso in den USA beobachten konnte. Noch 2010 wurde bei einer Volksabstimmung in Kalifornien die vollständige Legalisierung abgelehnt. Bei der letzten Abstimmung im November stimmten aber 55,5% zu. Landesweit befürwortet mittlerweile die Mehrheit eine Legalisierung. So ähnlich könnte es bald in Deutschland aussehen. 70% der Bevölkerung unterstützen die medizinische Freigabe, für eine komplette Legalisierung gibt es momentan noch keine Mehrheit. Viele werden ihre Meinung aber vermutlich überdenken, wenn es normal wird, dass Omi nach einem medizinischen Joint wieder bessere Laune hat.

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