Doggy Bags werden in Frankreich jetzt zur Pflicht

Nach dem Rauchverbot 2007 kippt nun eine weitere Bastion französischer Kultur: Restaurantgäste dürfen in Zukunft ihr Essen in Doggy Bags mit nach Hause nehmen. Coq au vin in Polysterolschachteln? Oh mon dieu!

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07 Januar 2016, 9:00am

Foto von Dale Cruse via Flickr

Wer würde nicht gern in der Büroküche mit aufgewärmten französischen Klassikern wie Coq au vin, Bœuf bourgignon oder Crème brûlée aufwarten können?

Oh ja genau, die Franzosen selbst.

Was hier in Deutschland nicht wirklich verpönt ist und in den USA zum Alltag gehört, ist in Frankreich einer Provokation gleichgesetzt: Doggy Bags. Schon allein bei der vorsichtigen Frage, ob man die Reste denn mitnehmen kann, reagieren französische Kellner mit Verachtung und Fassungslosigkeit.

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Doch das wird sich 2016 ändern. In Frankreich tritt ein neues Gesetz in Kraft, wodurch Restaurants mit mehr als 150 Gästen pro Tag gezwungen sind, ihren Kunden die Möglichkeit zu bieten, die Essensreste mit nach Hause zu nehmen. So soll die Lebensmittelverschwendung drastisch zu reduziert werden, berichtet France 24.

Das heißt jedoch nicht, dass sich das in einem Land, in dem man sehr auf Etikette achtet, auch wirklich umsetzen lässt. Wie auch im Deutschen existiert im Französischen kein eigenes Wort für Doggy Bag, aber für die Franzosen ist schon allein die bloße Erwähnung ein einziger Fauxpas.

Die französische Küche zeichnet sich durch eine aufwendige Zubereitung und Präsentation der Gerichte aus. Da überrascht es nicht, dass Restaurantangestellte abweisend reagieren, wenn ein Gast fragt, ob „man nicht die Reste einpacken kann". Frankreich hat eine reichhaltige aber eben manchmal auch dogmatische kulinarische Tradition. Veränderungen kommen da nicht einfach über Nacht, egal wie edelmütig die Gründe sind.

Um weniger Essensabfälle zu produzieren und die Meinung der Verbraucher zu Essensresten besser zu verstehen, hat die französische Regierung sogar einen Bericht in Auftrag gegeben, der bewiesen hat, dass „das ein kulturell verankertes Problem" ist: „Die Mehrheit der Restaurantgäste traut sich nicht zu fragen, ob sie die Reste mitnehmen dürfen. Restaurantangestellte empfinden diese Frage als Affront gegen ihre Kochkünste."

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Das heißt aber nicht, dass die Franzosen dem Kampf gegen Essensverschwendung komplett abgeneigt sind. In einem weiteren Bericht heißt es, „dass 75 Prozent der Franzosen Doggy Bags durchaus befürworten. Allerdings haben 70 Prozent der Franzosen noch nie Reste mit nach Hause genommen", so France 24.

Noch bevor das neue Gesetz überhaupt in Kraft getreten ist, haben sich Pariser Behörden und eine Gaststätten- und Hotelleriegewerkschaft zusammengetan und im letzten Jahr in 100 Restaurants der Stadt Doggy Bags eingeführt, die einige Gastronomen dann aber doch lieber Gourmet Bag genannt haben.

In der Stadt der Liebe werden pro Jahr fast 57 Kilo organische Abfälle pro Kopf weggeworfen, schreibt France 24 in einem weiteren Bericht.

Obwohl französische Stereotype gern als unüberwindbar gelten, wurde 2007 unter massivem Gegenwind sogar ein Rauchverbot in Gaststätten eingeführt. Das Verbot ist immer noch in Kraft, wenn auch nur widerwillig akzeptiert.

So unvorstellbar es auch klingen mag: Auch in Frankreich wird also bald das Zeitalter der Polysterolschachteln anbrechen.