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Kunst und Handwerk – Interview mit Mike Hadreas von Perfume Genius

Wir sprachen mit dem Meister der Melancholie über Fetische, Angst und Verkleidungen.
11.6.12

Vielleicht habt ihr schon von dem Skandal um Perfume Genius Promoteaser für das Album Put Your Back N 2 It gehört – Youtube sperrte den 16-sekündigen Clip in dem sich, unterlegt vom Song „Hood", zwei Männer umarmten (einer von ihnen war ein Pornostar, der andere war Mike Hadreas a.k.a. Perfume Genius höchstpersönlich). Das Video sei nicht „familiengeeignet" ließ Youtube verlauten. Hadreas reagierte indem er seine eigene, weitaus gruseligere Version von dem Video erstellte – als Vorbild nahm er Fernsehwerbung für Telefonsex. Das passt angesichts Hadreas' Hobby, Fetisch-Filmchen auf seine Musik zu schneiden. Seine DIY-Filme sind genauso ehrlich und herzbrechend wie seine wunderschönen, melancholischen Songs.

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Ich habe mit Mike über sein ziemlich einzigartiges Hobby, seine professionelleren Musikvideos und seine künftigen Filmpläne gesprochen. Seid bereit für ein paar weniger ernsthafte, aber genauso großartige klingende Videos mit Hadreas in Poweranzug mit Perlen.

Wann hast du angefangen, Fetisch-Filme zu schauen? Wer oder was hat dich dazu gebracht?
Das kam alles zur selben Zeit. Als anfing Musik zu machen, wurde ich irgendwie abhängig danach, mich durch Youtube-Videos zu klicken. Dabei geriet ich immer tiefer in abgefahrene Fetische – manche davon sexuell, andere nicht. Dann fing ich an sie lautlos zu stellen und meine Musik darüber zu legen.

Hast du das Gefühl, dass die Videos, die du auf die Art baust, eine Message transportieren? Oder lässt du einfach deine Kreativität darin aus?
Manchmal unterlege ich ein Video mit sehr schönen und warmen Liedern, einfach weil ich denke, die meisten Leute wären völlig verstört, wenn sie das Video gucken würden. Die meisten fänden diese Videos vermutlich beschämend und abartig, aber das sehe ich anders. Wenn ich nun meine Musik darüber lege, schauen die Menschen anders hin, weil sie das Video wegen der Musik anklicken.

Wie gehst du dabei überhaupt vor? Wie entscheidest du, welche Lieder und Videos du verbinden willst?
Mir gefällt an Fetisch-Filmen, dass darin jemand genau das macht, was er mag, verstehst du, was ich meine? Ich bin überhaupt nicht prüde, aber so ein gewisses Schamgefühl habe ich doch. Deswegen gucke ich gern Dinge, in denen Leute völlig davon befreit sind. Sie befinden sich in einer Situation, in der sie – völlig egal was andere darüber denken – sie ganz genau das machen, was sie anmacht. Manchmal hat es echt überhaupt nicht Sexuelles, manche verkleiden ich einfach gerne und gehen dann damit mit ihrem Hund spazieren – unter fünf Schichten von Frauenklamotten. (Lacht) Andere stehen total darauf, in ihrer Badewanne so lange wie möglich die Luft anzuhalten. (Lacht) Und die finden das so geil, dass sie durchgehend ein fettes Grinsen im Gesicht haben.

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"No Problem"

Ich weiß auch nicht, warum ich das mag. Ich weiß manchmal gar nicht, warum ich diese Videos mache. Dann kommt mein Freund nach Hause und ich sitze Müsli-essend vorm Bildschirm und habe zig Fenster offen, in denen Menschen anderen ihre Schuhe ins Gesicht halten. Er fragt dann „Was machst du?" und ich sage „Ach, ich hänge hier nur so rum, wie war's auf Arbeit?" (Lacht)

Also hat du keine festen Arbeitsablauf.
Ich weiß es selber nicht, ist schwer zu erklären.

Die Idee Kunst zu zweckentfremden taucht auch in deinen Liedern »Dirge« und »When« auf. Darin coverst du Gedichte. Wieso gerade diese beiden? Sind Edna St. Vincent Millay und Sharon Olds Inspirationen für deine gesamte Arbeit?
Sharon Olds ist auf jeden Fall eine sehr große Inspiration für mich. Millay hat einen total verrückten Background von dem ich gar nichts wusste als ich das Lied geschrieben habe. Das Gedicht von ihr habe ich eher genommen, weil es inhaltlich zu dem passte, mit dem ich mich zu der Zeit eh schon beschäftigte und sie hatte schon alles gesagt, was ich auch sagen wollte. Es war das kürzeste Gedicht in ihrem Buch und ich mag es, kurze und präzise Sachen zu schreiben. Ich konnte die Musik innerlich schon hören, als ich ihr Gedicht zum ersten Mal las. Sharon Old ist total mitfühlend, sogar zu Leuten, die ihr mal weh getan haben. Sie ist völlig angstfrei obwohl ihr in ihrem Leben einiges zugestoßen ist.

Was für ein Video hast du auf den Song „When" geschnitten?
Das meiste, was man sieht, kam einfach aus einer Session in der ich mich eine Stunde durch Youtube geklickt habe. Manchmal lege ich einfach einen Ordner mit völlig unterschiedlichen Videos an, die ich irgendwie cool finde. Nachher kann ich mich nicht mehr erinnern, wie ich auf die Clips gestoßen bin. Meisten tippe ich völlig zusammenhanglose Wörter in die Google- oder Youtube-Suche. Zum Beispiel „Schwul", „Kinder", „Tanzen", plus irgendwas Verrücktes, dass das Ergebnis gruseliger macht. (Lacht) Weißt du, um es etwas zu würzen, um dann zu sehen was passiert.

„When"

Das Promovideo für „Hood" wurde bei Youtube gesperrt. Erzähl mal von deiner Alternativ-Version!
Ich habe an meine Computer zuhause eine Version gemacht, in der ich in die Gesichter reinzoomte und alles in Slowmotion setzte. Darüber ließ ich Text laufen, der aussah wie in diesen schlechten Telefonsex-Werbeclips, die spätnachts laufen. Mit diesen ganzen gelben Nummern, weißt du. Es war viel grusliger, aber man konnte keine Nippel sehen. Nur Gesichter von ganz nahem. Wahrscheinlich hätte Youtube das nicht gesperrt, weil man nicht sehen konnte, dass wir keine T-Shirts anhatten und uns sehr nah standen. Das eigentliche Video war viel zärtlicher und schöner, aber Youtube fand's unpassend. Das war irgendwie komisch für mich. Ich wünschte, es hätte mich mehr überrascht, das ist traurig. Ich wünschte, es hätte mich mehr geärgert, aber ich dachte einfach nur „Oh".

Hast du deine Version von dem Video noch?
Ja, hab ich. Aber ich glaube sie kam nicht gut an weil sie so schlicht war. Ich soll professioneller werden und richtige Musikvideos machen. Das ist strange, ich kann meine eigenen kleinen Musikclips nicht mehr machen, nur weil andere Menschen an meinen Songs mitgewirkt haben. Inzwischen gibt es so genaue Pläne, was die Aktionen um die Veröffentlichungen meiner Songs angeht, dass ich nicht mehr einfach meine eigenen Sachen im Internet hochladen kann. Einfach, weil andere Menschen auch mit drinhängen. Mir fehlt das ein bisschen, zuhause ein Song aufnehmen, ein Video dazubasteln und alles direkt hochladen.

„Gay Angels"