Quantcast
War es falsch, ein Mischwesen aus Schwein und Mensch zu züchten?

US-Forscher haben erstmals einen Embryo aus Schweinezellen und menschlichen Stammzellen kreiert.

Foto: Chris SkitchFlickr | CC BY 2.0

In Margaret Atwoods Roman-Trilogie MaddAddam sind Schweine mit menschlicher DNA schon Realität. Sie sind übergroß, hochintelligent und sie fressen Menschen. In dem postapokalyptischen Szenario sind die praktischen Organspendelager zu Todfeinden des Menschen geworden. 

Transgene Wesen entstehen durch die Kreuzung verschiedener Arten. Das ist Science-Fiction. Und jetzt auch Wirklichkeit. OK, menschenfressende Schweine gibt es noch nicht. Dafür aber den ersten gelungenen Versuch, Menschengene mit Schweineembryonen zu mischen. 

Forschern aus den USA ist es erstmals gelungen, menschliche Stammzellen mit Eizellen von Schweinen zu mischen. Das Ziel: tierische Organspender für den Menschen zu züchten. Denn der Bedarf wächst. Etwa 10.000 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für eine Organspende. Auf der anderen Seite spendeten im letzten Jahr 'nur' 857 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe. Eine große Diskrepanz, für die Organschweine die Lösung sein könnten. 

Und das haben die Forscher bisher getan: Im Labor befruchteten sie Eizellen von Schweinen. Nach ein paar Tagen wurden menschliche Stammzellen hinzugefügt, dann in die Gebärmutter einer Sau eingepflanzt. Das Ergebnis: lebensfähige, wachsende Embryonen. Nach vier Wochen töteten die Forscher die transgenen Wesen. Denn sie wollten lediglich herausfinden, DASS menschliche und Schweinezellen mischbar sind. Allerdings eben durchaus mit dem Ziel, irgendwann tierische Organspender für den Menschen zu erzeugen.

Biochemikerin Dr. Corinna Lippmann von der  Staatlichen Technikerschule Berlin erklärt, wie die Wissenschaftler vorgegangen sind:

"Wenn die befruchteten Eizellen vom Schwein im Blastozysten-Stadium sind, werden die menschlichen Stammzellen injiziert. Das geht recht einfach, mit einer Spritze unter einem speziellen Mikroskop. Blastozysten-Stadium meint: Hier ist noch nicht klar, welche Art von Gewebe die Zellen einmal entwickeln werden. Man könnte sagen, die Zelle ist nun im 'Gewebevorläuferstadium'. Wird sie zum Beispiel zu einer Haut-, Haar- oder Leberzelle? Wenn man nun menschliche Stammzellen einfügt, will man die Zellen dahingehend beeinflussen, dass sie menschliches Gewebe – was dann irgendwann theoretisch auch transplantierbar wäre – im Tier ausbilden. Zu diesem Zweck würde man aber erst die Gene für die Entwicklung eines Organs in dem Schwein entfernen, damit die menschlichen Zellen dieses Organ ausbilden."

Und warum gerade Schweine?

"Schweine sind potenzielle Organspender für Menschen, da sie uns in ihrer Physiologie und ihrem Erbgut sehr ähnlich sind. Primaten sind uns zwar noch ähnlicher, aber bei der Primatenforschung spielen gerade deswegen ethische Fragen eine größere Rolle. Außerdem gelten für Haltung und Forschung andere Regeln. Schweine werden als Nutztiere gezüchtet, die wir essen. Da erscheint eine andere Nutzung nicht so verwerflich und abwegig."

Mischwesen aus tierischer und menschlicher DNA nennt man Chimäre. Mit ihnen wurde bisher experimentiert, um Krankheiten besser zu erforschen. An diesen sogenannten "Tiermodellen" können Ärzte Versuche durchführen, die gefährlich oder nicht zulässig für den Menschen sind. Die Herstellung von Chimären für solche Versuche ist auch in Deutschland legal, hier wird seit 2011 mit transgenen Wesen aus tierischer und menschlicher DNA experimentiert, bisher vor allem an Kreuzungen aus Ratten und Mäusen.

Aber in Deutschland ist es nicht erlaubt, Mischwesen zu kreieren, bei denen die Artenzugehörigkeit nicht klar erkennbar ist. Sprechende Schweine? Ein No-Go, wie Prof. Peter Dabrock vom Deutschen Ethikrat der Berliner Zeitung sagte: "Wenn der artspezifische Funktionstypus verändert wird, dann ist das unverantwortlich. Auch das Embryonenschutzgesetz zieht klare Grenzen. Es verbietet zum Beispiel die Übertragung menschlicher Embryonen auf ein Tier und die Verbindung eines menschlichen Embryos mit tierischen Zellen, die sich mit ihm weiterentwickeln könnten."

Erlaubt ist es in Deutschland allerdings, tierische Embryonen in die Gebärmutter einer Frau einzusetzen. Dafür beziehungsweise dagegen gibt es kein Gesetz. Der Ethikrat empfiehlt, hier nachzubessern.

Fassen wir also zusammen: Frauen, die Chimäre austragen, wäre schon jetzt möglich. Organschweine: in der Mache. Und Menschen mit Ringelschwanz? In Deutschland verboten. Bisher.