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Warum du während der Geburt masturbieren solltest

Immer mehr Frauen greifen lieber auf Orgasmen als auf Medikamente zurück, um die Geburtsschmerzen erträglicher zu machen.

Angela Gallo bei der Geburt ihres zweiten Kindes. Foto mit freundlicher Genehmigung von Lacey Barratt Photography

Kaum eine Mutter, die du nach der Geburt ihres Kindes fragst, wird dir irgendwas von sexueller Lust erzählen. Geburten sind schmerzhaft, eine ziemliche Sauerei und ausgesprochen unsexy. Als Angela Gallo, eine in Melbourne lebende Geburtshelferin und -fotografin, in einem Blog-Post auf die Vorteile hinwies, die es haben kann, wenn man während des Geburtsvorgangs an sich herumspielt, fielen die Reaktionen aus wie erwartet: Die Boulevardpresse stürzte sich begeistert auf das Thema—im Schlepptau folgten die schockierten und angeekelten Kommentatoren.

Gallo hingegen ist einfach nur dankbar dafür, dass sie ihr zweites Kind nach ihren eigenen Regeln auf die Welt gebracht hat—und an sich selbst herumzuspielen, war dabei nur ein Teil des Puzzles.

„Bei meiner ersten Geburt verstand ich meinen Körper auf einer physiologischen Ebene noch nicht wirklich. Deswegen habe ich mir dabei auch selbst ziemlich im Weg gestanden", so Gallo zu mir. Ihre erste Krankenhausgeburt beschrieb sie als eine „Kaskade von Eingriffen". Diese begann mit 20 Stunden Wehen, gefolgt von einer Verabreichung von Pitocin zur Einleitung der Geburtswehen und einer Perdiuralanästhesie (PDA), worauf dann drei Stunden erfolglosen Pressens folgte. Ihre gesunde Tochter wurde am Ende dann mithilfe einer Saugglocke entbunden.

Für ihre zweite Geburt entschied sie sich dafür, den Großteil davon zu Hause zu absolvieren—unterstützt von ihrem Mann und einer Hebamme.

„Als ich mich der Übergangsphase näherte, fühlte ich mich sehr verletzlich und gestresst. Ich bin in die Dusche gegangen, um mich etwas zu entspannen. Mein Mann hat mich gefragt, ob ich Sex möchte. Ich sagte Nein, aber seine Frage hatte mich daran erinnert, dass ich mich ja auch selbst befriedigen kann", erzählte sie mir. „Sobald ich anfing, meine Klitoris zu stimulieren, wurden die Ruhephasen zwischen den Wehen angenehmer und ich konnte mehr Kraft für die wirklich starken Kontraktionen aufbringen." Gallo beschrieb das Gefühl weniger als sexuell befriedigend und mehr als die Schmerzen „weniger stechend machend".

„Die Hormone, die bei Sex und Geburt ausgeschüttet werden, sind identisch."—Kate Dimpfl

Abgesehen vom Befruchtungsvorgang wird selten über die Verbindung zwischen Sex und Geburt gesprochen—oder diese überhaupt in Betracht gezogen. Das Wissen der meisten Menschen über Geburten beschränkt sich auf a) Geburten sind schmerzhaft und b) Geburten sind entwürdigend (siehe auch: spontane Darmentleerung). Im Kreissaal—immerhin finden in westlichen Industrienationen wie den USA oder Deutschland fast 99 Prozent aller Geburten in einem Krankenhaus oder einer Geburtsklinik statt—gibt es jedoch so gut wie keinen Raum für Sexualität.

Und trotzdem ist „Was das Baby reinbekommt, bekommt es auch wieder raus" zu einem immer lauter werdenden Mantra von Menschen wie Kate Dimpfl, der Gründerin von Holistic Childbirth, geworden.

„Die Hormone, die bei Sex und Geburt ausgeschüttet werden, sind identisch", erklärte Dimpfl in ihrem TEDx Vortrag „We Must Put the Sex Back into Birth" und verwies damit auf das Hormon Oxytocin, das passenderweise auch das altgriechische Wort für „schnelle Geburt" ist. Oxytocin wird bei sexueller Erregung und Orgasmen freigesetzt, aber auch während der Geburt, Hautkontakt mit einem Neugeborenen und beim Stillen. Durch die Oxytocin-Ausschüttung kommt es auch zu einem natürlichen Anstieg von Endorphinen, dem körpereigenen Schmerzmittel.

Synthetische Präparate—wie Pitocin in den USA oder Syncotinon in Deutschland—imitieren das natürliche Oxytocin und verursachen stärkere und häufigere Kontraktionen als das körpereigene Hormon, weswegen dann auch oft eine PDA durchgeführt wird. Der erhöhte Adrenalinausstoß während einer Geburt kann die Oxytocin-Produktion behindern und den Blutfluss vom Uterus weg leiten—der Körper wird quasi in eine „Kampf-oder-Flucht"-Bereitschaft versetzen und die Geburt damit letztendlich aufgeschoben. Das kann wiederum zum Einsatz von Entbindungshilfsmitteln wie der Vakuumextraktion, einer Geburtszange oder sogar einem Notfall-Kaiserschnitt führen.

„Fast alle Frauen sind schlecht informiert, was Geburten angeht. Wir sind nämlich ziemlich ungebildet, was unsere eigenen Körper angeht", sagte Dimpfl mir. „Eine Geburt ist einfach nur ein Vorgang, bei dem dein Körper die ohnehin schon vorhandenen Systeme einsetzt und in Position bringt, um ein Baby rauszudrücken."

Kann uns der Rückgriff auf Sexualität die Geburt also angenehmer und weniger schmerzhaft machen? Vielleicht nicht, aber andererseits gibt es eine Menge Erfahrungsberichte, die suggerieren, dass das durchaus möglich ist.

„Ich hatte während der Geburt Sex, habe mich selbstbefriedigt und ich bin gekommen", sagt Laura Kaplan Shanley, die Autorin von Unassisted Childbirth. „Dadurch, dass wir uns von unserer Scham befreien, die eine Geburt umgibt, und unsere Sexualität mehr wertschätzen, verlaufen unsere Geburten besser und sicherer."

Shanleys Website ist voll mit solchen Geschichten—Frauen, die ihre Partner bei Kerzenlicht küssen, entspannte sexuelle Erlebnisse haben und in der heimischen Geburtswanne zum Orgasmus kommen. Und auch wenn du deine Mühen haben wirst, viele Experten zu finden, die sogenannte Alleingeburten befürworten—also, Hausgeburten ohne das Beisein von Ärzten oder Hebammen—rührt der Kernpunkt von Shanleys Philosophie von einem Konzept her, das über mehrere Jahrtausende hinweg so existiert hat und erst im letzten Jahrhundert langsam in Vergessenheit geraten ist: Die Mehrheit aller Geburten verläuft „normal" und erfordert kein medizinisches Eingreifen.

Befürworterinnen der natürlichen Geburt wie Ina May Gaskin, die auch gerne „die Mutter der modernen Geburtshilfe" genannt wird, wollen die Angst vor einer Geburt nehmen, sprechen sich für ein möglichst geringes Eingreifen aus und propagieren die Behandlung von Geburtsschmerzen durch Atemtechniken, Küsse, Massagen, Stimulation der Nippel und andere Formen der Berührung.

Dimpfl hat sich längst anerkannte Fakten zunutze gemacht, um Sexualität als ein Hilfsmittel bei der Endbindung einzusetzen. Sex kann zum Beispiel eine erhöhte Oxytocin-Ausschüttung verursachen und Samen haben die Eigenschaft, den Gebärmutterhals weicher zu machen. Sie betont allerdings auch, dass die Inklusion von Sexualität in den Geburtsprozess noch weitaus weitreichendere Gründe und Vorteile hat: „Wenn wir die Geburt als sexuellen Akt begreifen, werden Ärzte oder Hebammen, die in diesen Bereich zugelassen werden, ein anderes Verhalten an den Tag legen—wie zum Beispiel vor einer Berührung um Erlaubnis fragen."

Für viele Frauen, die ihr Kind im Krankenhaus auf die Welt bringen, sind solche Sachen wie Privatsphäre und Konsens schon lange kein Thema mehr, nachdem die Geburtshelferin zum millionsten Mal den Gebärmutterhals kontrolliert hat oder sich dazu entscheidet, eine Eipolablösung durchzuführen, um die Wehentätigkeit anzuregen.

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Als sie ihre erste „hoch medizinische" Geburt mit ihrer zweiten verglich, ergänzte Gallo noch, dass es „sehr einfach [ist], in ein System zu geraten". Und weiter: „Ich denke, dass du, wenn du verstehst, warum dein Körper was macht, ziemlich sicher eine großartige Erfahrung und ein tolles Ergebnis haben wirst."

Indem man das Gebären nicht als Teil des sexuellen Spektrums sieht, bei dem Frauen die Kontrolle über ihre eigenen Körper haben, so argumentiert Dimpfl, würde ihnen der ganze Vorgang aus den Händen genommen werden. „Ein Drittel aller Frauen berichtet von einer traumatischen Geburtserfahrung", sagte sie. „Das Ignorieren von Sexualität führt Frauen großen Schaden zu."