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Was ist noch beschissener als das Leben im Flüchtlingsheim? Das Leben als Frau im Flüchtlingsheim.

„Sie wollen die Leute, die hierher wollen, abschrecken, ihnen zeigen, dass sie nicht willkommen und nichts wert sind. Sie wollen nicht, dass sie in die Gesellschaft integriert werden."

Die Zustände in deutschen Flüchtlingsunterkünften sind katastrophal. Jedem, der sich ein Bild von der Wohnsituation, in der Asylsuchende über Monate oder sogar Jahre ausharren müssen, machen will, sei ein Besuch in der Asyl-Erstaufnahmestelle in der Motardstraße in Berlin Spandau ans Herz gelegt. Einer umzäunten Containeranlage im industriellen Randgebiet der Stadt, das bereits Ende 2013 geschlossen werden sollte, aufgrund der hohen Zahlen von Asylbewerbern aber weiterhin genutzt wird – und aus allen Nähten platzt.

Die Tristesse des Lebens in den Unterkünften unterscheidet sich kaum von Stadt zu Stadt. Ebenso wenig die Tatsache, dass die Zahl der männlichen Bewohner größer ist als die der weiblichen. Über die Gründe, warum es im Verhältnis so wenige weibliche Flüchtlinge in Europa gibt und warum die Flucht so gefährlich für sie ist, haben wir bereits an anderer Stelle berichtet. Aber auch die Situation in den Unterkünften ist für Frauen eine noch schwierigere, als für ihre männlichen Leidensgenossen, weil viele von ihnen sexueller Gewalt ausgesetzt sind.

Bethi Ngari aus Kenia hat sechs Jahre in einem solchen Lager* verbracht, bis sie eine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Mittlerweile engagiert sie sich mit der Gruppe Women in Exile für andere weibliche Flüchtlinge. Die Initiative versteht sich als feministische Organisation, die den Betroffenen helfen und auf die „menschenunwürdigen Lebensbedingungen von Flüchtlingsfrauen aufmerksam machen will". Zusammen mit ihren Mitstreiterinnen kämpft Bethi gegen sexuelle Gewalt, Rassismus und Diskriminierung. Und dafür, dass alle Lager geschlossen werden. Ich habe Bethi in Potsdam besucht und mich mit ihr über ihre Arbeit unterhalten.

VICE: Welche Probleme gibt es in den Lagern?
BETHI NGARI:
Erst einmal sind da die üblichen Flüchtlingsprobleme wie Rassismus auf der Straße oder in den Institutionen. Innerhalb der Lager gibt es das Problem der fehlenden Privatsphäre und den Gemeinschaftsräumen wie Badezimmer, Toilette und Küche, die in einem schlimmen Zustand sind, weil sich niemand darum kümmert. Davon abgesehen entstehen durch das enge Zusammenleben eine Reihe von Konflikten. Es kommt vor, dass Frauen sexuell belästigt oder vergewaltigt werden von den Männern mit denen sie zusammenleben, weil alle so eng beieinander sind. Die Leute haben Probleme, mit der Familie oder Freunden, manche sind einfach traumatisiert. Als Frau ist die Situation besonders schwer, jemand kann einfach über dich bestimmen, dich anfassen oder dir zu nahe kommen, obwohl du das nicht willst.

Gibt es kein Sicherheitspersonal, das diese Übergriffe unterbinden könnte?
Es gibt allgemein einfach viel zu wenig Personal, da sind vielleicht ein oder zwei Leute am Eingang und ein oder zwei Sozialarbeiter und die wissen oft nicht, wie sie mit solchen Situationen umgehen sollen. Wir haben von Fällen gehört, in denen Frauen angegriffen wurden und es dann dem Personal erzählt haben und die sagten dann nur: „Dieser Mann ist traumatisiert" oder „dieser Mann ist betrunken, geh in dein Zimmer und schließ es ab". In manchen Fällen wird die Polizei gerufen, die verspricht dann lediglich wieder zu kommen, wenn es das nächste Mal passiert. Es gibt, was dieses Thema angeht, keine konkreten Richtlinien. Die Frauen wissen auch oft nicht an wen sie sich wenden sollen und fühlen sich hilflos und schweigen darüber, was ihnen passiert ist. Wenn sie mit anderen Frauen gesprochen und mitbekommen haben, dass bei ähnlichen Vorfällen nichts unternommen wurde, versuchen sie erst gar nicht, mit jemandem zu reden.

Wie versucht ihr den Frauen zu helfen?
Wir besuchen die Frauen in den Lagern und versuchen, sie zu beraten. Wo sie hingehen können, was sie tun können, was ihre Rechte sind. Es gibt so viele neue Lager, weil immer mehr Leute kommen, allein in Potsdam sind es mittlerweile über zehn. Meist treffen wir uns mit Frauen, die wir schon kennen und mit denen wir zusammen arbeiten.

Wie lange sind sie in den Lagern?
Ganz unterschiedlich, manche für ein paar Monate, manche seit sechs Jahren oder noch länger.

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Welche Auswirkungen hat das?
Davon abgesehen, dass viele ohnehin schon traumatisiert sind, kommt der alltägliche Stress im Zusammenleben dazu, sowie das Gefühl nutzlos und wertlos zu sein. Manchen geht es so schlecht, dass sie [nach der Zeit im Lager] nichts mehr tun können, keine Arbeit ausüben, gar nichts. Sie werden total abhängig vom Staat, können nichts selbstständig tun. Es ist ein Teufelskreis: Du darfst nicht arbeiten, dadurch wirst du depressiv und kannst danach nichts mehr tun. Wenn sie schließlich arbeiten dürfen, ist es für viele zu spät. Du kannst nicht mehr den Beruf ausüben, den du einmal hattest. Es gibt viele Leute mit allen möglichen Talenten da drinnen und es wird absolut nicht anerkannt. Dann glaubst du auch nicht mehr an dich selbst. Es gibt keine Unterstützung. Die Leute könnten ihren Teil beitragen, der Gesellschaft von Nutzen sein, arbeiten, Steuern zahlen, und nicht mehr vom System abhängig sein. Aber das System macht sie abhängig und beschuldigt sie dann, dass sie faul oder arbeitsscheu sind. Manchmal ist das auch ein politisches Spiel, um den Wählern zu gefallen, denke ich.

Dürfen die Menschen, solange sie in den Einrichtungen leben, denn überhaupt arbeiten?
Du kannst nach einer bestimmten Zeit, nach drei oder sechs Monaten, nach einer Arbeitserlaubnis fragen. Die Ausländerbehörde muss dir allerdings erst einmal die Erlaubnis dazu erteilen, dir einen Job zu suchen. Wenn sie das Gefühl haben, dass du nicht mit ihnen kooperierst, tun sie es nicht. Wenn du schließlich eine Aufenthaltserlaubnis hast, kannst du selbstständig nach einem Job suchen, aber es ist sehr schwierig, weil die natürlich lieber Deutsche nehmen.

Wie läuft das genau ab und was für Erfahrungen hast du gemacht?
Du musst beweisen können, dass du politisch verfolgt wurdest und das ist gar nicht so einfach, zu mal, wenn du nicht vor einem Konflikt geflüchtet bist, über den in allen Zeitungen berichtet wurde. Ich habe sieben Jahre gewartet, fast sechs Jahre davon war ich im Lager—eine Ewigkeit. Diese lange Wartezeit kann dich kaputt machen, wenn du nicht stark genug bist und etwas findest, das du tun kannst.


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Wie hat sich die Situation geändert, seitdem du damals im Lager warst?
Zu meiner Zeit waren die Zustände auch sehr schlecht, dann wurde es etwas besser, weil Unterstützer dafür gekämpft und auch wirklich etwas bewirkt haben. Aber jetzt sind die Zustände noch schlimmer, weil so viele Menschen kommen und dann in Containern untergebracht werden.

Bei eurer letzten Demonstration ging es um das geplante Flüchtlingsheim in Barnim. Wie ist die Situation dort jetzt?
In Barnim gibt es eine Willkommensinitiative, die sehr gute Arbeit leistet. Ob die Regierung schon etwas Konkretes beschlossen hat, weiß ich nicht. Wir haben dagegen demonstriert, dass ein Lager in der alten Kaserne eingerichtet wird, dabei stehen in der Stadt so viel Häuser leer. Die Kaserne liegt weit außerhalb, fällt schon fast auseinander und muss teuer renoviert werden. Warum sollten die Flüchtlinge isoliert werden? Die, die raus wollen aus den Camps, sollten die Möglichkeit haben zu gehen. Ich weiß nicht, warum man sie zwingt, in den Lagern zu bleiben, zumal es auch noch teurer ist, die Menschen in Lagern statt in Wohnungen unterzubringen.

Warum halten die verantwortlichen Politiker dann weiterhin an den Lagern fest?
Darüber habe ich eine Menge persönlicher Theorien. Ich denke, dass sie die Leute an einem Ort haben wollen, wo sie sie kontrollieren können, und von dem sie sie leichter abschieben können. Wenn die Einwanderungsbehörde denkt, dass du nicht mit ihnen kooperierst und dich gegen deine Abschiebung stellst, setzen sie dich unter Druck, indem sie dir zum Beispiel das Geld kürzen und dir das Leben so schwer wie möglich machen. Es gibt keinen politischen Willen, die Lager zu schließen und die Leute in Wohnungen unterzubringen. Sie wollen die Leute isolieren. Und sie wollen die Leute, die hier herkommen wollen, abschrecken, ihnen zeigen, dass sie nicht willkommen und nichts wert sind. Sie wollen nicht, dass sie in die Gesellschaft integriert werden.

Hast du das Gefühl, dass eure Initiative etwas bewirkt und dass es zwischen den Frauen inzwischen eine wachsende Solidarität gibt?
Auf jeden Fall. Das Gutschein-System wurde zum Beispiel abgeschafft, ein Anliegen, für das wir lange kämpfen mussten. Im letzten Jahr haben wir eine große Floß-Tour durch Deutschland gemacht, [um auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen], seitdem hat sich viel verändert. Immer mehr Frauen schließen sich zusammen, ich habe gerade heute von einer Gruppe von Frauen aus dem Lager in Spandau gehört, die sich zusammengeschlossen haben und in Moabit treffen. Außerdem bekommen wir viele Anfragen. Die Leute scheinen sich immer mehr für unserer Arbeit und die spezifischen Probleme weiblicher Flüchtlinge zu interessieren.

*Bethi spricht mit Absicht von Lagern, ich halte den Ausdruck ebenfalls für gerechtfertigt.