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Was steckt hinter der IS-Morddrohung gegen Pierre Vogel?

Wir haben den Salafisten-Prediger gefragt, warum der Islamische Staat ihn töten will.

Pierre Vogel ist daran gewöhnt, Feinde zu haben. Als der bekannteste Salafist Deutschlands hat sich Vogel (oder Abu Hamza, wie er sich selbst nennt) schon oft sehr unbeliebt gemacht. Der Verfassungsschutz stuft ihn als Extremisten ein, in der Presse wird er routinemäßig als "Hassprediger" bezeichnet, die Schweiz hat ihm zeitweise ein Einreiseverbot erteilt, und seine Auftritte wurden auch schon mal von ganzen Horden von rechten Hooligans gestürmt. Sein neuester Feind allerdings ist vielleicht noch gefährlicher: Ausgerechnet die Terrororganisation Islamischer Staat hat zum Mord an dem deutschen Prediger aufgerufen.

Zuerst war Vogel Mitte April in der neuesten Ausgabe der IS-Propagandazeitschrift Dabiq aufgetaucht—in einem Artikel mit dem Titel "Tötet die Imame der Ungläubigen im Westen" wurde auch Vogel in einer Bildunterschrift als "Abtrünniger" bezeichnet. Zwei Tage später tauchte dann aber ein Video der IS-Medienagentur Furat mit dem Titel "Die Wahrheit über Pierre Vogel" auf, das sich ausschließlich dem deutschen Prediger widmete.

Das Video zeigt Auszüge aus Videos von Vogel, in denen er die IS-Anschläge in Brüssel und Paris verurteilt, dann wird die Koransure eingeblendet, in der es heißt: "Erschlagt die Frevler, wo ihr sie findet". Weiter heißt es: "Pierre Vogel begnügte sich nicht damit, den Kreuzzüglern zu schmeicheln und die Mujahidin zu tadeln. Vielmehr ging er soweit, dass er in die Riddah (Abtrünnigkeit) gefallen ist." Bei der Terrormiliz gibt es dafür nur eine Strafe.

Vogel zeigt sich davon erstmal unbeeindruckt. "Ich werde nicht erst seit gestern bedroht", erklärte er gegenüber VICE. "Die haben gedacht, die können uns mit Drohungen einschüchtern, damit wir aufhören, gegen diesen Schwachsinn zu predigen. Aber jetzt werde ich erst recht weiter Vorträge gegen sie machen."

Das Überraschende daran ist, dass Pierre Vogel in der Vergangenheit oft genug vorgeworfen wurde, selbst im Geheimen für den Islamischen Staat zu arbeiten und Kämpfer für die Miliz zu rekrutieren. Im August 2014 lud zum Beispiel der FDP-Abgeordnete Tobias Huch ein Video auf seiner Facebook-Wall hoch, das ironischerweise ebenfalls "Die Wahrheit über Pierre Vogel" heißt—und dem Prediger vorwirft, ein Unterstützer der Terrororganisation zu sein. Vogel spielte eine Zeit lang selbst zumindest mit der Provokation—zum Beispiel, wenn er grinsend mit einer Flasche Limonade der Marke "ISIS" posierte (diese "dumme Provokation" bereue er heute selbst, sagt Vogel im Interview).

Trotzdem konnten Vogel nie direkte Verbindungen zum IS nachgewiesen werden. Aber: Immer wieder tauchen Leute, die nachweislich Kontakt mit Vogel hatten, später beim IS auf. Das berühmteste Beispiel ist Dennis Cuspert alias Deso Dogg, von dem es ein altes Video mit Vogel gibt. (Vogel sagt, dass er seitdem nichts mit Cuspert zu tun hatte.) Auch mit Safia S., der 15-Jährigen, die Anfang März aus ungeklärten Motiven einem Polizisten in Hannover ein Messer in den Hals gerammt hat, hat er vor Jahren Videos gedreht.

Wie passt das also zusammen? Was hat den IS veranlasst, jetzt ein ganzes Video zu produzieren, um Pierre Vogel für abtrünnig zu erklären und ihm mit dem Tod zu drohen?

Um das zu verstehen, muss man bis ins Jahr 2013 und nach Syrien zurückgehen, sagt Heiner Vogel (der mit Pierre Vogel nicht verwandt ist). "Der Konflikt basiert letztendlich auf dem Konflikt zwischen IS- und al-Qaida-Unterstützern", erklärt der Politikwissenschaftler, der die salafistische und dschihadistische Szene in Deutschland für den Watchblog Erasmus-Monitor seit Jahren beobachtet.

"Bei Pierre Vogel kann man schon sagen, dass er nie offener oder bekennender Unterstützer des Islamischen Staates war."

Im Jahr 2013 nannte die Miliz sich noch "Islamischer Staat im Irak" (ISI) und war hauptsächlich dort aktiv, in Syrien kämpfte die Nusra-Front, die von einem Getreuen des ISI-Führers al-Baghdadi namens Abu Mohammed al-Jawlani angeführt wurde. "Als deutlich wurde, dass al-Baghdadi sich als alleiniger Anführer dieser Gruppe einsetzen würde, gab es diesen großen Bruch zwischen al-Qaida und dem Islamischen Staat", erklärt der Experte Vogel. Seitdem bekämpfen sich die Nusra-Front und der IS.

Mitglieder der Nusra-Front im März 2016 | Foto: Voice of America | Wikimedia | CC BY 3.0

"Dadurch kam es auch innerhalb der deutsche Szene zu einer massiven Spaltungsbewegung", erklärt Heiner Vogel weiter. "In der Folge haben sich die Prediger vom IS distanziert." Dazu gehörte auch Pierre Vogel. "Bei Pierre Vogel kann man schon sagen, dass er nie offener oder bekennender Unterstützer des Islamischen Staates war."

Soweit die gute Nachricht. Die schlechte: Es ist absolut nicht ausgeschlossen, dass Vogel und seine Kollegen zwar den IS verurteilen, dafür aber in al-Qaida immer noch echte Verteidiger des Islam sehen. "Ich würde Vogel und Lau niemals direkt Unterstützung von al-Qaida unterstellen", sagt Heiner Vogel. "Aber sie haben auf jeden Fall starke Sympathien für al-Qaida." Dafür spricht auch Vogels immer wieder offen ausgedrückte Bewunderung für Osama bin Laden, für den er gerne auch Totengebete abhält. Sein Kollege Sven Lau sitzt seit Dezember in U-Haft, weil ihm Verbindungen zu einer al-Qaida-Untergruppe in Syrien vorgeworfen werden.

Pierre Vogel streitet das ab: "Wir haben uns auch nie zu irgendeiner anderen [dschihadistischen] Gruppe bekannt", sagt er. "Die einzige Gruppe, die ich jemals gelobt habe, war die FSA—die Freie Syrische Armee."

Trotzdem bedienten sich Vogel und andere Prediger lange einer gewissen Ambivalenz, wenn es um öffentliche Aussagen zum IS ging. In einem Interview, das ich zum Beispiel mit Vogels Freund Sven Lau im November 2014 führte, drückte Lau sich immer wieder um eine klare Distanzierung. Pierre Vogels erste ausdrückliche Äußerung zum IS kam im Mai 2015, als er mit dem englischen Prediger Bilal Philipps in einem Video Muslime dazu aufrief, sich nicht dem IS anzuschließen. "Die große Mehrzahl der Gelehrten hat gegen diese Gruppe namens ISIS gesprochen", erklärt Vogel in dem Video. "Viele Dinge, die man hört von dieser Gruppe, sind nicht mit den Lehren des Islams vereinbar." Er habe mit dieser Distanzierung bis dann gewartet, sagt Vogel, weil es in der emotionalen Anfangszeit "taktisch völlig unklug gewesen wäre", sich augenblicklich zu distanzieren—viele Beobachter hätten das als Einknicken vor den Medien interpretiert. Es sei außerdem wichtig, bei solchen Distanzierungen keine faktischen Fehler zu machen, weil sie sonst an Glaubwürdigkeit verlören.

Heiner Vogel glaubt, dass das auch damit zu tun hat, dass man das eigene Publikum nicht vergraulen will. "Das ist das Problem dieser Prediger", erklärt der Politikwissenschaftler. "Sie versuchen, auch Anhänger im Lager der Militanten zu fischen—und merken vielleicht seit einigen Monaten, dass sie etwas zu weit in diese Szene reingeraten sind."

Dass die deutschen Salafisten-Prediger diese Zurückhaltung nicht ewig durchhalten konnten, liegt zum einen an dem öffentlichen Druck, der mit den Anschlägen des IS in Paris und Brüssel massiv zunahm. "Vor allem Pierre Vogel hat sich in seinen Videos immer wieder klar vom IS distanziert und die Anschläge in Paris und Brüssel verurteilt. Das hat den Deutschen vom IS in Syrien natürlich überhaupt nicht gefallen."

Auf der anderen Seite hält der Dschihadismus-Experte es für möglich, dass einige der Prediger angesichts der großen Zahl ihrer ehemaligen Schützlinge, die mittlerweile beim IS kämpfen, ihre eigene Rolle bei der Radikalisierung dieser Leute reflektieren. "Sie wissen selbst, wie stark ihr Einfluss dabei war, dass sich so viele junge Leute—die sich zum Beispiel bei Lies! beteiligt haben—dem Dschihad angeschlossen haben." Zwar will der Experte Predigern wie Vogel keine unmittelbare Rekrutierung vorwerfen—aber: "Sie haben die ideologischen Grundlagen geschaffen." Deshalb sei seit einigen Monaten zu beobachten, dass viele deutsche Salafisten ihre kämpferische Rhetorik deutlich abgeschwächt hätten.

Pierre Vogel sieht das anders. "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich da Fehler gemacht habe—ich hab ja keinen dahingeschickt", sagt er. Aber er gibt zu, dass "die Szene" militanter geworden ist—allerdings sei das nicht seine Schuld, im Gegenteil. "Die ist genau dann militanter geworden, wo ich nicht mehr in die Moschee kommen konnte, weil der Verfassungsschutz mich daran gehindert hat."

Schlussendlich geht es aber auch um eine Art Machtkampf: Der Islamische Staat und die deutschen Salafisten-Prediger werben um dieselben jungen Leute. "Der IS steht momentan unter Druck, er ist in Deutschland hinsichtlich Rekrutierungserfolg und Anziehungskraft geschwächt", erklärt Heiner Vogel. "Gleichzeitig gibt es in der deutschen Salafismus-Szene eine rege Debatte über die Legitimität des neu gegründeten Kalifats." Durch seine klare Verurteilung der Anschläge und des IS selbst hat Pierre Vogel sich also zum Ziel gemacht.

"Ich glaube, dass die auf dem absteigenden Ast sind", sagt der Prediger über den IS. "Das ist jetzt so ein Rundumschlag gegen Prediger, die gegen sie gesprochen haben, weil sie Leute aus dem Westen brauchen. Aber wenn die gedacht haben, dass ich jetzt aufhöre, weil die mir eine Morddrohung ausgesprochen haben, dann kennen die mich sehr schlecht."

Wie ernstzunehmend die Gefahr für den Prediger ist, ist schwer einzuschätzen. Theoretisch könnte sich jeder Möchtegern-Dschihadist berufen fühlen, den Auftrag des IS auszuführen. Pierre Vogel ist vorbereitet: "Auf genaue Details über Sicherheitsvorkehrungen, die wir schon getroffen haben, möchte ich nicht eingehen", sagt er am Telefon. Aber: "Wenn jemand versucht, mich platt zu machen, besteht die Gefahr, dass er ums Leben kommt."