Was wir über “Terror – Ihr Urteil” gelernt haben

Foto: Screenshot ORF 2

Wer gestern nicht zufällig vor dem Fernseher saß, für den mag der Twitter-Hashtag #TerrorIhrUrteil sehr verwirrend gewesen sein. Tweets über Moral, Gesetz aber auch Rundfunkgebühren und Schauspielernamen fluteten am Montagabend unter diesem Hashtag die Trending Topics.

Für viele war es die Frage nach dem kleineren Übel. Ist es gerechtfertigt, 164 Menschen in einem Passagierflugzeug willentlich zu töten, um 70.000 Menschen in einem Stadion zu retten? Ist Florian David Fitz ein Held oder hat er sich illegalerweise über das Gesetz gestellt? Fest steht nur, dass das groß angekündigte TV-Event im deutschsprachigen Raum gestern für viel Gesprächsstoff vor und auf den Bildschirmen sorgte. 849.000 Zuschauer verfolgten den interaktiven Film im ORF, über sechs Millionen schalteten in Deutschland zu und 284.000 Personen haben das gerichtliche Kammerspiel in der Schweiz mitverfolgt.

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Doch nach dem mehrheitlich positiven Urteil der Zuschauer bleibt vor allem ein bitterer Nachgeschmack. Was bedeutet dieses TV-Event und dessen Urteil eigentlich im Nachhinein?

1. Die meisten Zuschauer haben anhand von Emotion und nicht Information entschieden

Um 21:50 Uhr trat das fiktive Gericht erneut zusammen. Vorher hatten die Zuschauer die Möglichkeit, über ihr persönliches Urteil abzustimmen. Und zum Glück—in allen drei Ländern hat mit überwältigender Mehrheit die Moral gesiegt. Mit einer Zustimmung von durchschnittlich 85 Prozent sprachen die TV-Schöffen den Angeklagten frei. Das wurde schon vorher in den Twitter-Diskussionen sichtbar. Schließlich hat der Mann ja ganz im Einvernehmen mit der Theorie des kleineren Übels gehandelt. Dass es sich bei dem Angeklagten um Florian David Fitz handelte (seines Zeichens einer der heißbegehrtesten Schauspieler seit Doctor’s Diary) hat diesen Effekt womöglich noch verschärft.

Moralisch haben die Zuschauer hier natürlich nach eigenem Gewissen gehandelt. Doch die eigentliche Tatsache, dass sich hier ein Mann über das Gesetz gestellt hatte, wurde womöglich durch die Worte des Verteidigers entwertet. Dass dieser Verteidiger noch von dem aktuellen Shooting-Star Lars Eidinger gespielt wird, hat das vielleicht noch begünstigt. Doch was erst in den Diskussionen danach entbrannte, ist die Tatsache, dass sich hier jemand über die Verfassung gestellt hatte.

Aber es war ja Florian David Fitz. Da gibt es wilde Vermutungen, ob das Gericht nicht anders entschieden hätte, sobald man beispielsweise Klaus Kinski als Angeklagten besetzt hätte. Trotzdem würde der allgemeine Tenor und selbst Justizminister Brandstetter den Angeklagten freisprechen (zumindest in diesem Fall). Was das über unsere Wertschätzung der Gesetzgebung in einem Rechtsstaat aussagt, ist fraglich.

2. Eigentlich sind wir alle erleichtert, dass es nur eine fiktive Entscheidung war

Neben den zahlreichen, sinnlosen Kommentaren zu der Attraktivität und schauspielerischen Leistung der Darsteller, gab es auch viel Erleichterung. Denn dieses moralische Dilemma bleibt nur eine folgenlose Abstimmung. Wie Justizminister Brandstetter vorher schon betont hatte, sollte dieser Film vor allem sensibilisieren.

Foto: Tony Kennick | Flickr | CC BY 2.0

Dieses Ziel wurde vielleicht sogar erreicht. Schließlich war der Zuschauer am Ende froh, nicht mit solchen Entscheidungen im echten Leben konfrontiert zu werden. Was aber nicht heißt, dass solche Entscheidungen nicht im echten Leben von Politikern und Staatsdienern getätigt werden müssen. Was auch nicht heißt, dass wir uns in die Hände klatschen sollten, dass das alles nur ein böser Traum ist.

3. Wahlwiederholungswitz gefällig?

Wahrscheinlich hatten sich die Produzenten und Redakteure diese Wahnsinnsquoten zwar erträumt, aber niemals vorgestellt. Anders ist nicht zu erklären, warum die Server auf der deutschen und österreichischen Webseite zusammenbrachen. Insgesamt 600.000 Deutsche und 70.000 Österreicher, die ihre Stimme abgaben, haben somit zu einem Zusammenbruch der Server geführt. Schwierig, da somit einer gewissen Anzahl von Bürgern die Stimme verwehrt wurde. Komisch, weil den Öffentlich-Rechtlichen mal wieder eine Unfähigkeit hinsichtlich des Internets unterstellt wird.

Die Entscheidung gilt nun als repräsentativ, aber ähnlich wie das die Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner in der anschließenden Diskussionsrunde danach schon verkündet hatte: Keiner sollte es sich allzu bequem in der Komfortzone machen. Das Ergebnis kann auch durchaus anders ausfallen. Beispielsweise gab es bei insgesamt 18 Vorstellungen in Linz auch bei einer Vorstellung das Urteil: “Schuldig”. Das zeigt auch, wie schwankend das Gemüt des Volks im Gegensatz zu dem der Verfassung ist.

4. Es ist ein sehr plakatives, übertriebenes Beispiel

Der einzige Zweifel, der für viele Zuschauer blieb, ist die SMS eines Opfers. Es habe nämlich die Möglichkeit bestanden, den Terroristen im Flugzeug zu überführen. Ansonsten werden die Hintergründe und Informationen sehr flach gehalten. Es sind also berechtigte Einwände, wenn jemand fragt, inwieweit politische Gesinnung und länderspezifische Einstellungen eine Rolle spielen können. Wie entscheidet beispielsweise ein eher linksgesinnter Pilot, wenn er weiß, dass im Stadion gerade eine rechtspopulistische Veranstaltung stattfindet? Das wird im Film natürlich komplett außen vor gelassen. Vieles wurde juristisch nicht richtig dargestellt, wie Bundesrichter Thomas Fischer in einem langen Artikel in der Zeit begründet. So viel Zeit gibt ein öffentlich-rechtlicher Spielfilm dann auch leider nicht her.

5. Auch mit dem Piloten will keiner tauschen

Im Falle des realen Falles sitzt neben dem diensthabenden Offizier der Luftwaffe ein Vertreter des Innenministeriums. Da der Innenminister in Österreich für die Sicherheit zuständig wäre. Ist er aber nicht erreichbar, ist das Bundesheer angehalten, die Zuständigkeit zu übernehmen. Kein Soldat könne verantworten, dass er keinen Befehl vom Innenminister erhalten habe, meint Luftwaffenchef Karl Gruber dann. Aber gibt das die Legitimation, ein Flugzeug abzuschießen? Das ist auch so ein Moment des lauten Aufatmens, dass wir nur über Schuld und Unschuld per Anruf oder Klick entscheiden müssen.

6. Ob die Moral gesiegt hat, ist ebenfalls fragwürdig

60 Prozent unschuldig, 40 Prozent schuldig lautet die Statistik aus den bisher veranstalteten Theaterstücken. Für Ferdinand von Schirach, den Verfasser des Theaterstücks, sind diese 40 Prozent aber eher eine Erleichterung. Schließlich ist es keineswegs einfach, Vernunft über Emotion siegen zu lassen.

Dazu muss man aber auch sagen, dass die positiven Gefühle gegenüber dem Angeklagten auch nur entstehen, weil die Geschichte der Witwe um den Schuh (dieser war das einzige Überbleibsel ihres Mannes) vielleicht nicht tragisch genug war. Es ist eine Frage der Inszenierung. Hätte man Kinder, die ihre Eltern bei dem Flugzeugabsturz verloren haben, gesehen oder mehr über die Opfer gewusst, wäre die Moral vielleicht eine Andere.

7. Es ist ein moralisches Dilemma, in dem nur die Öffentlich-Rechtlichen gewonnen haben

Florian David Fitz wird als schwarzer Peter gehandhabt, der ja eigentlich ein Held ist. Zumindest aus utilitaristischer Sicht. Aber haben die Zahl von Leben nicht genauso wenig mit Moral zu tun? Es bleibt vieles offen und wahrscheinlich wird noch weiter diskutiert werden.

Es gibt eigentlich nur ein Falsch in diesem Fall. Richtig ist in diesem Zusammenhang nur der Ansatz der Öffentlich-Rechtlichen, dass man mal moralische Fragen diskutiert hat. Fernab von Politikern, die sich gerade im Wahlkampf befinden. Das war erfrischend. Aber auch dank der großen Werbetrommel, die die Medien für dieses TV-Experiment aufgewendet haben. Ob der Ethikunterricht im Fernsehen aber auch auf lange Sicht erfolgreich bleiben wird (weil dann vielleicht kein Ferdinand von Schirach, Florian David Fitz oder Lars Eidinger verfügbar ist), ist auch hier fraglich.

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