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Popkultur

VICE meets Ulrich Seidl

Wir haben mit Ulrich Seidl Zwetschgenkuchen gegessen und uns über das Problem mit Nazi-Nostalgie, Moral im Film, Rausch in der Jugend und warum er schon lange vor Lars von Trier Dogma-Filme gemacht hat, unterhalten.
23.1.15

Ulrich Seidl mag Wiener Traditionen fast genauso, wie er die Wiener mag. Wer jetzt glaubt, damit sei „ziemlich wenig" gemeint, kennt seine Filme wahrscheinlich nur aus den Nachrichten, wo Seidls Arbeit gern als Skandal und der Regisseur selbst als Blick-durchs-Schlüsselloch-Filmer inszeniert wird. Im Keller wurde medial zum Nazi-Eklat hochstilisiert, noch bevor der Film überhaupt in den Kinos zu sehen war. Aber auch, wenn es manche vielleicht überrascht: An Seidl ist nichts ironisch.

Sein Altbau-Büro, das wie das klassische Studierzimmer aussieht, in dem Filmprofessoren ihre Sprechstunden abhalten, hat eine Essküche voll mit alten Möbeln in dunklem Holz und auf dem massiven Tisch steht neben viel kleinteiligem Oma-Geschirr ein riesiges Teller mit Zwetschgenkuchen.

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Bevor wir zu drehen beginnen, unterhalten wir uns kurz über Lokale in der Nähe und ich frage ihn, ob er nicht hin und wieder im Café Rundfunk um die Ecke anzutreffen ist. Immerhin hat das „Rundfunk" auf den ersten Blick alles, was auch die Schauplätze in Seidls (Dokumentar-)Filmen haben: erdiges Publikum, abgesessene Möbel und das leicht miefige, morbide Flair einer Stadt, die irgendwie auch insgesamt nichts Besseres vor hat.

Aber Seidl ist kein Fan—vor allem, weil das Rundfunk kein originales, gewachsenes Wiener Caféhaus ist, in dem sich der Grind seit dem Fin de siècle angesetzt hat, sondern ein ehemaliges Wettcafé. Die feine Linie zwischen Authentizität und reinem Stil ist ihm wichtig.

Alles, was ihr sonst zu Ulrich Seidl und seinem jüngsten Film Im Keller wissen müsst, könnt ihr in unserem zweiteiligen Interview hier und hier nachlesen. Zuletzt hat Seidl mit seiner Produktionsfirma den Film Ich seh, ich seh finanziert, der bereits vor seinem Österreichstart in der Weinstein Company einen prominenten Abnehmer für den US-Markt gefunden hat. Regie führte hier aber nicht er, sondern das Regieduo Severin Fiala und Veronika Franz, Seidls Frau.

Er nimmt auf der alten, durchgesessenen Lederbank Platz und legt sich noch ein paar Pölster unter. Wir unterhalten uns mit ihm über Inszenierung und Wirklichkeit, Moral im Film, Rausch in der Jugend und warum er schon lange vor Lars von Trier Dogma-Filme gemacht hat.

Schickt Markus eure Zwetschgenkuchen-Rezepte auf Twitter: @wurstzombie