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Reisen

Die pazifische Insel, auf der Prinz Philip ein Gott ist

Cargo-Kulte sind wie jede andere Religion komplett bescheuert und verrückt. Wir haben deshalb das Zentrum des Prinz-Philip-Kults besucht.

von Jamie Clifton
12 Juli 2012, 10:53am

Cargo-Kulte sind wie jeder andere Kult komplett bescheuert. Sie entstanden im frühen 20. Jahrhundert in Stammesgemeinschaften auf mehreren Inseln im Pazifischen Ozean. Ihre Anhänger glauben, dass entweder der amerikanische Soldat John Frum, der im Zweiten Weltkrieg kämpfte, oder jedermanns Lieblingsrassist, Prinz Philip, auf irgendeine Weise das ganze Essen sowie alle Kleidung und Waffen der Welt besitzen und zu ihnen bringen werden. Die Cargo-Kulte glauben, dass die übrige Weltbevölkerung verschwinden und ihnen all das überlassen wird, was rechtmäßig ihnen gehört, sobald das passiert ist.

Leider sind all diese Kulte verschwunden, außer dem auf der fern abgelegenen Insel Tanna „in der Nähe“ von Fidschi und Neukaledonien. Dort glauben sie noch fest an ihre durchgedreht liebevolle Illusion. Der russische Fotograf Vlad Sokhin hat eine Woche zusammen mit Mitgliedern des John-Frum-Kults in Tanna verbracht. Er hat sie während ihrer alljährlichen Festlichkeiten begleitet, bei denen sie sich „USA“ auf die Brust pinseln und mit Bambusgewehren und hölzernen AK-47 herum marschieren in der Hoffnung, dass ein amerikanischer Soldat, der vor 75 Jahren gelebt hat, zurückkehren wird, um ihnen Geschenke zu geben, bzw. alle anderen Menschen auf der Welt zu töten.

Vlad hat auch das Dorf der Yaohnanen besucht—das Zentrum des Prinz-Philip-Kults. Also habe ich mich mit ihm über die Geschichte des Cargo-Kults unterhalten.

VICE: Hey Vlad. Kannst du mir erklären, wieso pazifische Inselbewohner überhaupt damit angefangen haben, diesen amerikanischen Soldaten und den Ehemann der Queen zu verehren?
Vlad Sokhin: Das alles begann im frühen 20. Jahrhundert, als westliche Mächte die Melanesien aufsuchten, beispielsweise Papua Neuguinea, Vanuatu und die Salomon-Inseln. Stell dir mal vor, du siehst Flugzeuge und Schiffe zum ersten Mal. Für die war das damals wirklich ein Wunder des Himmels—fremde Leute kommen in diesen riesigen lauten Dingern an und bringen Waffen, Kleidung und Essen.



Das verstehe ich schon, aber nachdem die Leute aus dem Westen ihnen erklärt hatten, wer sie waren, haben die das doch verstanden, oder?
Ja schon. Aber ein paar Propheten behaupteten, dass die Inselbewohner in Wahrheit die ganze Fracht verdient hätten—dass sie ihnen von den Göttern gegeben seien—, aber die Menschen aus dem Westen seien ausgefuchst und hätten unrechtmäßig alles an sich genommen. Die Leute glauben, dass sie all die Dinge bekommen, wenn sie die Menschen aus dem Westen imitierten. Deshalb haben sie die Außenhüllen von Flugzeugen aus Holz nachgebaut, Landebahnen im Dschungel gebaut und mit Fahnen in der Hand auf den Landestreifen in der Hoffnung gewartet, dass ein Flugzeug landen würde.

Ich schätze, es kam nie ein Flugzeug?
Nein. Es ist aber auch nur auf Tanna passiert. Nachdem die Kulte auf den anderen Inseln ausgestorben waren, haben sie dort aber auch aufgehört, weil Flugzeuge sowieso jeden Tag Geld und Touristen bringen. Obwohl einige der Älteren immer noch jeden Tag zum Flughafen gehen und darauf warten, dass die Flugzeuge ankommen. Sie hoffen, dass John Frum unter den Touristen ist.



Erzähl mir von John Frum. War er echt? Oder ist er nur eine Phantasie der Inselpropheten?
Nein, ich glaube, es gab ihn wirklich. Vanuatu war eine britische und französische Kolonie in den 30er Jahren. 1937 erschien ein Mann namens John Frum auf Tanna. Er war ein schwarzer Soldat, wahrscheinlich aus Amerika, aber ich weiß nicht, ob er wirklich John Frum hieß. Ich glaube, er könnte auch gesagt haben „I am John from America“ und die Inselbewohner verstanden das als „I am John Frum“.

Was hat ihn zu der Gottheit gemacht, als die sie ihn heute sehen? Ich nehme an, es waren auch schon vor ihm Soldaten auf der Insel.
Ja, aber er war der ranghöchste Offizier auf der Insel. Die Inselbewohner sahen all die weißen Soldaten, die einem Mann von ihrer Hautfarbe die Schuhe polierten. Also dachten sie, dass sei der Beweis für Gotts eigentlichen Plan: Dass sie die rechtmäßigen Besitzer aller Ladungen sind.
 



Hat er gepredigt?
Ja, er hat angeblich erzählt, dass die Cargos zu ihnen zurückgehen, falls sie aufhören sollten, die ganzen Sachen—wie Wein oder Zigaretten—, die ihnen die Menschen aus dem Westen gebracht haben, zu benutzen. Jeden Freitag ist John-Frum-Nacht, bei der all die Anhänger zusammenkommen und Lieder auf ihren Gitarren spielen. Es klingt ein bisschen wie amerikanische Country-Musik. Und die Texte handeln von John Frums Aposteln, Jerry Cowboy und Jimmy Cowboy, zwei Charaktere aus alten amerikanischen Western.
 
Wow. Und sie haben auch einen John Frum Day, der groß gefeiert wird, stimmt’s?
Ja. Jedes Jahr am 15. Februar ziehen sie sich amerikanische Navy-Uniformen an, marschieren im amerikanischen Stil, wehen die amerikanische Flagge und bemalen ihre Bambusstöcke an der Spitze rot, um damit amerikanische Gewehre nachzuahmen. Einige schnitzen sich AK-47 aus Holz. Sie glauben, dass John Frum am 15. Februar mit einem unendlichen  Nachschub an Fracht zurückkommen wird. Es wäre das Paradies auf Erden auf der Insel Tanna, während der Rest der Welt verschwindet. Sie wissen aber nicht, in welchem Jahr das passieren soll. Deswegen feiern sie jedes Jahr.

Was passiert, wenn er nicht kommt? Ich schätze, sie sind das schon gewöhnt.
Ja, Isaac Wan, der älteste Mann im Dorf, ist der Anführer des John-Frum-Kults. Er ist derjenige, der jedes Mal predigt. Er wirkte zwar ein bisschen verärgert, aber er hoffte, dass John Frum nächstes Jahr kommen würde.

Ich mag diesen Optimismus. Der John-Frum-Kult verweigert die amerikanische Kultur, aber sie haben trotzdem ihre Uniformen, Flaggen und Waffen.
Sie glauben, dass die amerikanischen Symbole universale Vorboten der Frachtgüter sind, also nutzen sie diese Symbole, aber der Lebensstil ist ihnen egal. Ob das Sinn macht? Sie tragen nur Second-Hand-Kleidung. Oberflächlich betrachtet akzeptieren sie die westliche Kultur, aber die Kleidung ist das einzige, was sie mit uns gemeinsam haben. Nur zwei Leute im Dorf haben Solarzellen, um ihre Handys aufzuladen, aber es gibt kein Fernsehen, keine andere Form der Elektrizität, keine Medien und definitiv kein Internet.



Wie hat denn der Prinz-Philip-Kult begonnen, wo ihn doch keiner je gesehen hat?
Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich weiß, dass die Queen und Prinz Philip in den 1970ern Vanuatu offiziell besucht haben, was dem Kult bestimmt Auftrieb gab, aber ich weiß auch, dass er mindestens ein Jahrzehnt vorher entstanden ist. Er ist viel kleiner als der John-Frum-Kult, aber du hast Recht, das erklärt nicht die Anfänge.
 
Verrückt. Was glauben die so?
Sie glauben, dass Prinz Philip John Frums Bruder ist und dass er in Tanna geboren wurde, aber in den Westen zog und eine sehr mächtige Frau heiratete. Sie glauben, dass er als Geist nach Tanna zurückkehren und all den Reichtum der britischen Krone mitbringen wird, sobald er stirbt.

Verehren sie ihn tatsächlich als Gott?
Na ja, sie haben Bilder von ihm, die sie anbeten. Aber seitdem einige Mitglieder des Dorfes von einer britischen Fernsehsendung nach London geflogen wurden, um den Prinzen zu treffen, denke ich, dass sie ihn heute eher als einen Ältesten wertschätzen.



Wie zeigen sie ihm ihre Anerkennung?
An jedem 10. Juni eines Jahres—seinem Geburtstag—feiern sie, ähnlich wie die Anhänger des John-Frum-Kults. Nur dass es keine amerikanische Symbole gibt, sondern einen Union Jack und viele Tänze. Sie verrichten ihre Gottesdienste nur am Nakamal, das ist der Name für ihren heiligen Ort. Oder am Grab des Kultgründers. Er starb vor ein paar Jahren, aber sein Sohn ist heute der Führer der Bewegung.

Verstehen sich die beiden Kulte?
Ja. Es gibt keine Feindschaft, weil der Prinz-Philip-Kult glaubt, dass der Prinz John Frums Bruder ist, aber sie besuchen sich nicht gegenseitig oder so.

Was ist mit den übrigen Christen auf der Insel? Wie finden die das alles?
Das ist eine sehr interessante Frage. Es gibt eine Kirche mit dem Namen Unity of John in Christ. Sie haben tatsächlich versucht, John-Frum-Anhänger zum Christentum zu konvertieren, aber es nicht geschafft. Also haben sie sich vereint.

Wie funktioniert das?
Sie haben John Frum der Bibel hinzugefügt und behaupten, dass er ein Apostel ist. Aber sie versuchen immer noch, jeden zum Christentum zu konvertieren. Ohne großen Erfolg, muss ich sagen.