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Der Fall des Bradley Manning

U.S. Army Private Bradley Manning, der 22-Jährige, der dafür verantwortlich gemacht wird, dass die U.S. Botschafts-Depeschen bei Wikileaks landeten, verbringt gerade seine Tage damit, zu dösen und zu schlafen.
17.12.10

U.S. Army Private Bradley Manning, der 22-jährige, der dafür verantwortlich gemacht wird, dass die U.S. Botschafts-Depeschen bei Wikileaks landeten, verbringt gerade seine Tage damit, zu dösen und zu schlafen. Das aber ohne Kissen oder Decke, nachdem sie ihm von den Wachleuten des Quantico Marine Gefängnisses weggenommen wurden. Mannings Haft scheint darauf ausgelegt zu sein, seinen Willen und seine Menschlichkeit zu brechen.

23 Stunden am Tag verbringt er in totaler Isolation. Ohne, dass ihm Fehlverhalten in der Haft oder Disziplinverstöße vorgeworfen werden, wird Manning in Hochsicherheitshaft gehalten. Und jetzt kommt der Knaller: Private Manning wird kein einziges Verbrechen zu Last gelegt. Es wird ihm vorgeworfen, geheime Dokumente an Wikileaks weitergegeben zu haben, doch nach fünf Monaten in Einzelhaft und einiger Zeit in einem kuwaitischen Gefängnis, wird der 22-jährige noch immer ohne Anklage festgehalten. Solange die Untersuchungen des Justizministeriums andauern, wird er für unbegrenzte Zeit in Quantico festgehalten.

Was wir hier sehen ist, wie ein amerikanischer Staatsbürger von amerikanischen Behörden gefoltert wird. Es gibt eigentlich kein besseres Argument für den Wert von Wikileaks. Die Regierung Obamas pendelt in diesem Fall zwischen Zornesausbrüchen und Stille. Erinnert ihr euch an Bilbo Beutlin, als er den Ring um Frodos Hals sah? Die Regierung der Vereinigten Staaten verhält sich gerade wie Bilbo, wenn seine Augen sich in zwei Stücke Eis verwandeln und sich seine Zähne zu einem grotesken Fletschen verzerren. Erst reagieren sie in blinder Wut, dann nehmen sie sich etwas zurück, kehren es unter den Teppich und geben dann vor, dass alles nach Plan laufen würde.

Überraschenderweise entblößt die Röntgenbehandlung der Regierung Obama durch Julian Assange und Wikileaks mehr, als nur die Botschafts-Depeschen. Die interessantere Geschichte entfalltet sich hinter den Kulissen und darin, wie sich die Regierung nach diesem Outing verhält. Während die Regierung noch immer eine juristische Antwort auf die Sache sucht wird klar, dass Private Manning ihr Ass sein wird, um schließlich an Assange zu gelangen. Wie die New York Times berichtete, plant das Justizministerium nun Assange wegen Verschwörung dranzubekommen. So wie es nämlich gerade aussieht, hat Assange schlicht und einfach die geheimen Dokumente von Manning erhalten, mehr nicht, das setzt Wikileaks juristisch nicht wirklich unter Druck. Aber, sollte Assange Manning dazu angestachelt haben, diese Dokumente zu beschaffen und sollte das Justizministerium dies beweisen können, dann wäre das der Grund Assange wegen Verschwörung vor ein US Gericht zu zerren.

Die Folgen einer solchen Verhandlung wären katastrophal für jede Form von investigativen Journalismus. Glenn Greenwald, einer der weitsichtigsten Kommentatoren dieses Autounfalls in Zeitlupe hat es so getwittert: "Bob Woodwards Lebensinhalt besteht darin, Regierungsmitarbeiter dazu zu drängen, ihm Geheimnisse zu erzählen, die er publiziert - ist er ein Verschwörer?" Damit bezieht er sich auf alles, beginnend bei Watergate bis zu Woodwards Büchern über die Regierung Bush. All das war nur möglich, da Woodward geheime Informationen von Regierungsmitarbeitern erschnüffelt hat. Jeder, der glaubt, dass alle Spitzenmitarbeiter des Weißen Hauses vor Woodwards Schreibtisch Schlange stehen und ihm geheime Dokumente in die Hand drücken, hat noch nie und überhaupt versucht auch nur irgendein Dokument von der US-Regierung einzusehen. Diese Regierung ist so verschlossen und geheimniskrämerisch wie man nur sein kann. Investigativer Journalismus beruht auf dem Prinzip der Verschwörung, um an geheime Dokumente zu gelangen, so läuft dieses Geschäft einfach.

Private Manning ist leider der Divisionsrest dieser Gleichung. Er wird unter Bedingungen festgehalten, die laut Atul Gawande in einem Artikel für den New Yorker als "so leidvoll wie physische Folter" beschrieben werden. Seine Haft vor einer Verurteilung ist verwerflich und gleichzeitig endgültiger Beweis dafür, dass die Schattenseiten der Vereinigten Staaten andere Gefangene unter ähnlichen Bedingungen für Jahre ohne Anklage oder Rechte festgehalten hat. Mannings Haft ist ein weiteres Kapitel in Amerikas Affäre mit der Folter: Im selben Jahr, in dem Obama Guantanamo Bay geschlossen hat, foltert die US-Regierung einen ihrer eigenen Staatsbürger. Das alles ist ein so starkes Argument für die Transparenz, für die Wikileaks und alle Formen von investigativen Journalismus kämpfen.