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Musik

VICE Reviews

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Oder lauf weit, weit weg. Die neuen Reviews sind da!
4.6.12

SPACEGHOSTPURRP
Mysterious Phonk: Chronicles Of SpaceGhostPurrp
4AD/Beggars Group
9                                                                                                                                                                                                                                                  Während die Zeit vergeht und die Torrent Uhr tickt, kommt jegliche Form von Musik natürlich wieder zurück und wird von neuen Generationen von Musikern verkostet. Was einst vergessen war, wird wiedergeboren und auf einmal veröffentlich dieses Kid aus Miami auf einem quasi Major und A$AP Rocky ist ein Popstar. Doch während der Pretty Motherfucker mittlerweile Jeremy Scotts neuer BFF ist, macht Purrp Musik, die so klingt, als würde DJ Screw eine Steve Roch Platte choppen. Vielleicht auch wie Teenager Aliens, die zum Kiffen und Vögeln auf die Erde gekommen sind, weil sie eine interstellare Übertragung des 80’s Klassikers Earth Girls Are Easy für eine Dokumentation hielten. Frischer Äther-Wind für Internetrap.
JUCY JAMES

DER KÖNIG TANZT
Der König tanzt
Fettes Brot/Indigo/Zebralution
2                                                                                                                                                                                                                                                  Ähm ja, danke, dass die deutsche Popdiskurslandschaft im Jahre 2012 weitgehend einer herz- und hirnlosen Sumpflandschaft gleicht, in der man schon mit einer x-beliebigen, aber lautstark abgefeuerten Meinung über Joachim Gauck, Dschungelcamp und Grundeinkommen zu einer Art intellektuellem Überflieger werden kann, wenn man nur ab und zu ein „leider geil“ einstreut, dass also allenthalben ein beklemmender Stumpfsinn regiert, der jeglichem Keim von geistreicher Reflexion mit der debilen Attitüde eines Stand-up-Comedians auf einer Bambi-Verleihung niedertrampelt, bis schließlich auch noch die Kritik am Status quo so weit eingeebnet ist, dass sie im RTL2-Vorabendprogramm laufen kann—all dieses Elend sehe ich selbst, und zwar jeden Tag, da brauche ich nicht noch einen König Boris, der mir das unter die Nase reibt.
RANT A LICIOUS

SLUGABED
Time Team
Ninja Tune
9                                                                                                                                                                                                                                                  Wie heißt dieses Zuckerzeug, diese Pulverkristalle, die du dir in den Mund schüttest und dann explodieren und poppen die Dinger wie wild, links und rechts, oben und unten, 360°-Rundumschlag in deinem Kopf, alles knistert und prickelt. Slugabed hat’s irgendwie fertig gebracht, diese willkürlichen Zuckerexplosionen kontrolliert aus dem Sampler zu pulvern. Das ist wohl die einzige Platte, die sich wirklich „Elektro“ schimpfen darf. Wenn dir dann auch noch Basslines eine Geschichte erzählen, und du hörst zu (!) und verstehst es auch noch, dann kapierst du erst, dass dieser 23-jährige Kerl aus Bath in England den Funk hat. Stellt euch vor, Aphex Twin jammt mit Bootsy Collins, das wäre in etwa der einzige mögliche Vergleich hier. Du möchtest der Menschheit danken, dass sie in der Lage zu sein, so etwas zustande zu bringen. Slugabed zeigt der Welt, wie Pop in zwei Jahren noch nicht klingen wird, hier auf Time Team und erst recht ganz bald auf unserer Geburtstagsparty im Künstlerhaus Wien. Oi!
POP ROCKS

C-60
Problemfaktor Mensch
Las Vegas Records/Hoanzl
3                                                                                                                                                                                                                                                  Sind das die vom Song Contest? Nein? Fällt gar nicht auf. Oh, doch, jetzt. Kann sich der bitte entscheiden, ob das jetzt Wienerisch oder Hochdeutsch sein soll? Und wann ist dieses Lied endlich aus? Was, das waren schon fünf? Ja Fick! Kein Wunder, dass man die nicht zum Song Contest geschickt hat!
FUPRYDE

I:CUBE
„M“ Megamix
Versatile Records
8                                                                                                                                                                                                                                                  Größtenteils klingt diese Platte wie der Vorspann eines Thrillers aus den 80ern, der gleichzeitig (oder eigentlich ausschließlich) ein Soft-Porno ist. Das ist nicht nur phantastisch, weil es mich an meinen letzten Geburtstag erinnert, an dem wir unerklärlicherweise in einer Tittenbar namens Miami Vice gelandet sind, sondern weil der Titel des Tracks „I’m too old for this“ tatsächlich meine ersten Gefühlsimpulse dazu beschreibt. Das Lied klingt, als hätte man auf „Rec” gedrückt, während die Bloody Beetroots sehr, sehr schmutzigen Sex mit Skrillex hatten. Und dafür bin ich inzwischen wirklich zu alt und verbraucht.
YALDA ALDA

ORBITAL
Wonky
ADA/Warner
2                                                                                                                                                                                                                                                  In den sogenannten Neunzigern waren Orbital einer jener Acts, den man versehentlich nachts auf MTVs Party Zone entdeckte, während man sich fragte, welche Wahnsinnigen dort wohl gerade Bon Jovi und Belinda Carlisle so einander näherbrachten, dass Jahre später daraus der Begriff „Mash-up“ werden sollte. In den sogenannten Nullern waren Orbital mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden und Mashups begannen zu nerven. In den sogenannten Zehnern ist MTV ein schlechter Scherz, Mash-ups jucken keine Sau mehr und Orbital sind endgültig zur Karikatur ihrer selbst verkommen. Eine Platte, die neunzigerer klingt als die Neunziger, und das not in a good way. Mit welcher Summe Zola Jesus gezwungen wurde, auf einem Track so zu klingen, als wäre sie das Rent-a-Vocalist-Stimmchen einer SNAP-Maxi, ist da schon fast nicht mehr interessant.
RAY COKED

OFF!
s/t
VICE Records
8                                                                                                                                                                                                                                                  Nach der ersten größeren Veröffentlichung dieser die gesamte HardcorePunk-Geschichte in der Arschtasche mitführenden Gruppe um Keith Morris hätte man sich, wenn man es nicht ohnehin besser wüsste, unter Umständen fragen können: Haben sie jetzt ihr Pulver verschossen? Und: Ob sie wohl nach diesem erfrischenden Geballer der First Four EPs auf ihrem offiziellen Debüt anfangen, altersgerechte, ausgeklügelte, die Eine-Minuten-Grenze hinter sich lassende AOR-Jams aufzunehmen? Die Antwort dieses nun tatsächlich vorliegenden Debüts ist eindeutig. (Nein.)
NAYSAYER

GEOFF BARROW/ BEN SALISBURY
DROKK—Music inspired by Mega-City One
Invada/Trost
9                                                                                                                                                                                                                                                  Die letzte Portishead war großartig. Beak ist großartig. Und Judge Joseph Dredd ist großartig. Das alles zusammen ist aber immer noch nicht so großartig wie ein Soundtrack, der dein Smartphone schnell mal in einen Widowmaker 2000 verwandelt, dein Fixie zu einem Lawmaster Bike werden lässt und dich jedes Mal erneut dazu verleitet, deine Wohnung mit einem Doppelwummer aufzusprengen. Geoff Barrows und Ben Salisburys Tribut an die Megacity aus den 2000 AD Comics macht’s möglich. Noch großartiger als all diese Phantasien ist einzig und alleine die, dass der Reinerlös der Platte verhindert, dass dieser verdammte Karl Urban jemals wieder einen Film dreht.
JUDGE FUDGE

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