FYI.

This story is over 5 years old.

Sex

Der VICE Wrong Boner Blog

Hosenzelte, die eigentlich nicht sein sollten. Diesmal mit fetten, rauchenden Engeln!
22.5.12

Thomas "Haters gonna hate" Hornauer: Lichtfigur und Schutzpatron der Telefonservice-Millionäre.

Jetzt, da ich die unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Positionen zu dem Thema sorgsam abgewogen habe, kann ich schlussendlich guten Gewissens proklamieren: Esoterik ist Religion für noch Dümmere. Jawohl. Es ist nicht "genau dasselbe wie Bibellesen, nur mit weniger Tradition als die katholische Kirche", weil die Traditionen hinter dem gigantischen Clusterfuck, zu dem sich die Flickenteppich-Weltbilder der modernen Esoterik verdichten, oft genauso alteingesessen sind wie Anal Bleeching in der Porno-Schikeria von East Hollywood.

Anzeige

Tatsächlich hat das, was wir Esoterik nennen, seinen Ursprung oft in dem, was Esoteriker "Naturreligionen" nennen und womit sie in der Regel nichts weiter meinen als "halbnackt in Gruppen Räucherstäbchenduft inhalieren und einander dabei einreden, dass man auch ohne irgendeine Art von Leistung oder Empathie die bedingungslose Liebe ALLER verdient hat".

Fun Fact: Schwingungen sind für Physiker nicht dasselbe wie für Katzenladies ohne Schulabschluss.

Die fixe Überzeugung, das Zentrum der sprituellen Welt zu sein, wird dabei aus Versatzstücken heidnischen Brauchtums, nationalsozialistischer Mystik und x-beliebiger Blog-Posts von Leuten, die bei Mutti im Keller wohnen, bezogen und äußert sich vor allem im streng orthodoxen Anhäufen immens hoher Kreditkartenrechnungen, die hauptsächlich aus zwei Positionen bestehen: Erstens den wöchentlich gespendeten 100 Euro "Energieausgleich" an Thomas G. Hornauer und zweitens den sündhaft teuren Büchern mit lebensbejahenden Lichtwesenbotschaften gesetzt in Comic Sans und illustriert mit Zeichnungen von Hausfrauen, die nebenbei Kullis zusammenschrauben.

Der Punkt ist, dass die Esoterik genau den entgegengesetzten Weg aller anerkannten Religionen in der westlichen Welt geht und im Gesamtbild der "Wir setzen lustige Hüte auf und reden mit imaginären Freunden"-Vereine ein bisschen rüberkommt wie ein humorloser Okkultisten-Nazi unter lauter teilnahmslosen Taufschein-Christen – nämlich einen Tick zu ernsthaft bei der Sache.

Anzeige

BACKGROUND

Ich selbst kenne auch zwei Menschen, die mir auf Anhieb zu dieser Beschreibung einfallen. Da hätten wir zum einen den Verschwörungs"theoretiker" aus dem 24-Stunden-Café, der erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit Hitler hatte (obdachlos, okkultistisch, rollendes R) und mich heute noch manchmal mit unterdrückter Nummer anruft, um mir von irgendwelchen "mysteriösen Dreiecken" zu erzählen, die man auf Satellitenbildern entdeckt hätte, ich wüsste schon, wovon die Rede wäre … und zum anderen die Mutter eines alten Schulfreunds von mir, die sich heute "Lebensberaterin" nennt, aber früher das Haus der Familie mit Shining-mäßigen Eso-Botschaften vollgekritzelt hat, bevor sie beschloss, noch ein bisschen verrückter zu werden und sich einer rumänischen Wandergruppe anzuschließen, von der sie sich nur trennte, um einmal alle paar Monate mit einer vollgeschissenen Decke zuhause vorbeizuschauen, weil die Lichtwege der osteuropäischen Pampa scheinbar keine kostenlosen Waschstraßen kreuzten.

Für mich stellten diese beiden Prototypen jedenfalls immer die Eckpfeiler des esoterischen Kosmos dar: Völlig ironiefreie, total verdrehte Gestalten, die noch dazu beide etwas Braunes an sich hatten. Weil aber nun mal alle religiösen Dinge drei sind, habe ich mich auf die Suche nach der dritten Säule des Wahnsinns gemacht und sie auch gefunden. Wenig überraschend handelt es sich dabei um eine Frau mit massiven Sprechproblemen, die Kontakt zu Lichtwesen und Engeln unterhält.

Anzeige

Zugegeben – das alles klingt nicht unbedingt wie die Einleitung zu einer Erektion, aber hier kommt wohl das WRONG des Wrong Boner Blogs ins Spiel, denke ich. Denn so furchtbar ich das alles eigentlich finde und so ungeil ich an sich Dinge finde, die ich furchtbar finde, so sehr kann einem doch manchmal die Latte in der Hose zum einzigen Verbündeten im Kampf gegen die grenzenlose Dummheit des Glaubens gereichen.

BONER

Damit wir uns verstehen: Dummheit ist ungeil. In demselben Maß, in dem Esoterik dumm ist. Esoterik ist also wirklich richtig ungeil. Aber gleichzeitig gibt es manchmal nichts, das gegen diese Dummheit auch nur das Geringste ausrichten könnte. Lanzen zerbrechen, Knöchel bröckeln, Messer werden stumpf. Immerhin ist nichts so erkenntnisresistent wie eine Wünschelrutengeherin, die ihre ganze Existenz an die Existenz von Wasseradern knüpft, oder eine verbunkerte Engelsseherin mit leichter Schlagseite, die in ihrer perfekt geschlossenen Welt aus Campari Orange und multidimensionaler Tachyonen-Wanderung jeden Ungläubigen für seine Engstirnigkeit bemitleidet und als Hauptargument für die Richtigkeit ihres Weltbilds irgendwas vom Format "Über Einstein haben sie anfangs auch gelacht" anführt (Spoiler: haben sie nicht).

Keine Ahnung, ob das irgendwie Sinn macht, aber wenn wirklich nichts mehr hilft, hilft meistens immer noch Ventil öffnen und Druck ablassen. Das macht die Eso-Tante zwar nicht geläutert und die Welt nicht aufgeklärt, aber einen selbst doch ein bisschen weniger wahnsinnig. Und wer weiß, vielleicht helfen die "18 Affirmationen zur Selbstliebe und mehr Selbstvertrauen" ja doch auf irgendeine Art irgendjemandem bei irgendwas:

Vielleicht hätte ich euch warnen sollen. Aber wie oft nimmt man hat man sonst schon die Gelegenheit, gleichzeitig herzhaft zu wichsen und zu lachen, während man im Hintergrund das reinigende Lungenrasseln von zwei Jahrzehnten kontemplativer Rauchmeditation hört? Ich glaube, an einer Stelle klingt sogar ein leiser Windows-Error-Sound aus dem Zwischenreich durch. Ansonsten: viel Gesäusel, geflutet vom Licht einer Flasche Asti Spumanti und jede Menge einlullende Erleuchtung, direkt aus dem metaphysischen Rachenraum von Yvonne Shantel, wo die Botschaften der Engel als Schwingungen am Gaumenzäpfen inkarnierten.

Ihre Website ist auch wunderschön, sie hat dynamische Grafikelemente und eine noch viel dynamischere Grammatik vorzuweisen:

In der Tat: Hier wird wird geholfen, mit den Engel und Gott. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass unser Lichtwesen Yvonne Shantel wohl von den strahlend hellen Scheinwerfern eines ungarischen Freizeit-Pastors geblendet worden sein muss, der im Hauptberuf Bibelübersetzer und Krautrouladen-Koch ist. Und dazu möchte ich jetzt bitte keine Latten sehen. Mahalo!