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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
THE IDENTITY CRISIS ISSUE

Eine grenzwertige Krise

Griechenland steht’s bis hier mit illegalen Einwanderern.

von Elektra Kotsoni
21 März 2012, 4:45pm


Der Evros, hier täuschend ruhig, hat gefährliche Strömungen, die es potenziellen illegalen Grenzüberschreitern sehr schwer machen können.

Ich bin in Athen aufgewachsen, und es hat mir das Herz gebrochen, mit ansehen zu müssen, wie sich die boomende Kulturmetropole meiner Kindheit in den Ground Zero der griechischen Finanzapokalypse verwandelt hat. Die Stimmung ist feindselig und merkwürdig. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass viele offenbar den Verstand verloren haben; sie laufen herum und skandieren irgendwelchen Unsinn oder fangen völlig unvermutet an zu schreien. Echt düster.

Trotz der sich abzeichnenden Szenerie eines möglichen Bankrotts und weitverbreiteter Korruption, ist der auffälligste Aspekt des heutigen Griechenlands die hohe Zahl an illegalen Einwanderern in den Straßen. Viele von ihnen sind vor Kriegen, Hungersnöten oder Krankheiten, die in ihren Ländern wüten, geflohen, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Unglücklicherweise haben sie sich dafür einen ziemlich ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, sodass es womöglich hier nicht viel besser ist, als da, wo sie hergekommen sind. Weil es mich interessiert hat, wie Griechenlands drakonische Sparmaßnahmen wohl die am wenigsten Privilegierten treffen—und umgekehrt—habe ich mich mit dem Fotojournalisten Henry Langston in einem Mietwagen nach Orestiada aufgemacht, einem Grenzstädtchen, das derzeit als das Tor nach Europa traurige Berühmtheit erlangt.
 


Aras, ein pakistanischer Migrant, hält ein Bild seines 15-jährigen Bruders hoch, den er aus einem Internierungslager freizubekommen versucht.
 

Seine erste Welle der Wirtschaftsmigration erlebte Griechenland 1989, nach dem Niedergang des Kommunismus in Osteuropa. Damals nutzten hauptsächlich Migranten aus Albanien, Bulgarien und Rumänien die poröse nördliche Landesgrenze. In den letzten zehn Jahren hat sich der Migrationsstrom verlagert, und Ostgriechenland wurde zu einem der wichtigsten Knotenpunkte auf dem Weg nach Europa, in erster Linie aufgrund von Kriegen und politischen Unruhen in Afrika und dem Nahen Osten. Laut Frontex, der Agentur, die an den europäischen Außengrenzen patrouilliert, wurden 2011 allein in den ersten neun Monaten 112.844 Migranten von den Behörden registriert, im Vergleich zu nur 76.697 im gleichen Zeitraum 2010. Die gängigste Route für Einwanderer in die EU verläuft derzeit über die griechische Grenze mit der Türkei bzw. den Grenzfluss Evros. 2010 fand die Polizei von Orestiada in und um den Fluss 26 Leichen. Um die illegalen Grenzgänger zu stoppen, beschloss die Regierung den Bau einer Absperrung, welche die Grenze zu Lande blockieren soll. Das von Menschenrechtsgruppen kritisierte und mit EU-Geldern finanzierte Projekt wurde seitdem mehrfach gestoppt, aufgeschoben und wieder aufgenommen. Nun ist Anfang Februar doch das Fundament für die Absperrung gelegt worden, aber ob die Mauer je gebaut werden wird, weiß niemand.



Wir waren gerade ein paar Minuten durch die endlosen Baumwoll- und Zuckerrohranbaugebiete der Region Evros gefahren, als wir fünf Männer sahen, die auf der Schnellstraße in Richtung Alexandroupoli, der Hauptstadt von Evros, unterwegs waren. Die trotz des kalten Wetters nur leicht bekleideten und sichtlich erschöpften Männer sahen weg, als sie merkten, dass wir eine Kamera dabeihatten. Ein sicheres Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Unterwegs fuhren wir noch an vielen weiteren Migranten vorbei, von denen keiner groß mit uns reden wollte.

Nach unserer Ankunft trafen wir uns mit Aggelos Papaioannou, dem Bürgermeister von Orestiada, und seinem Freund Stathis in einem Restaurant. Wir erfuhren bald, dass Stathis als Knoblauchbauer nur ein paar Meter von der Grenze entfernt sein Land bewirtschaftet. „Sie kommen über die Felder, armselig, hungrig und nass“, sagte Stathis und besprühte uns dabei mit winzigen Stückchen halbzerkauten Fleisches. „Die meisten sind noch Kinder, nicht viel älter als 20. Viel kann man nicht für sie tun. Ich weiß noch, wie ich in den 1980ern mit meinem Laster an der Grenze gewartet habe, für den Fall, dass jemand kam, der Hilfe beim Überqueren der Grenze brauchte. So konnte man sich leicht etwas Taschengeld verdienen. Heutzutage gilt das als Straftat. Also geben wir ihnen eine Flasche Wasser oder was zu Essen, aber das war’s dann auch.“ Ich fragte, ob die Anzahl der Leute, die über die Grenze kommen, mit den Jahreszeiten variiert. „Nicht wirklich“, so Stathis. „Sie kommen duzendweise, die ganze Zeit. Verdammt, ich hab schon Leute in Rollstühlen hier durchkommen sehen. Letzte Woche wurden fünf Tote aus dem Fluss gefischt.“ „Direkt neben deinem Land liegen doch noch die alten Grenzminenfelder. Sind die noch scharf?“, warf Aggelos ein, als Stathis unsere dritte Flasche Wein bestellte. „Die Minen sind seit 1964 da“, so Aggelos. „Damals erzählten türkische Schmuggler christlichen Migranten oft, das seien Gemüsegärten, die sie ohne Weiteres durchqueren könnten. Jeden Tag hörten wir die Explosionen und fanden Körperteile auf den Feldern verstreut. Aber vor fünf Jahren haben sie alles weggeräumt.“

Am nächsten Morgen gingen wir zur Polizeiwache von Orestiada, um den Polizeichef George Salamangas zu treffen, einen großen Mann, der sich beim Reden mit Vorliebe auf die Finger spuckte. Nachdem er einen Offizier losgeschickt hatte, um uns Kaffee zu besorgen, schaltete er seinen Computer ein und führte uns eine PowerPoint-Präsentation mit allem drum und dran vor: Schaubilder, Fotos und Videos einer Nachtbildkamera von Migranten, wie sie die Grenze überqueren und anschließend verhaftet werden. Er erzählte uns, die Türkei würde von Personen aus islamischen Ländern kein Visum mehr verlangen. Deshalb nähmen jetzt viele, um nach Europa zu gelangen, nicht mehr die früher bevorzugte Route von Marokko nach Spanien, sondern stiegen in Casablanca in ein Flugzeug nach Istanbul. Dort bezahlten sie Schmugglern beträchtliche Summen—normalerweise zwischen 1.000 und 2.000 Euro—damit diese sie von Istanbul nach Alexandroupoli bringen. Evros wurde 2010 zum bevorzugten Zugang nach Europa, dem Jahr, in dem ungefähr 36.000 illegale Immigranten verhaftet wurden (verglichen mit nur 3.500 im Vorjahr). Damals erschien Frontex auf der Bildfläche.

Ein 24-jähriger Algerier, offenkundig der letzte Romantiker auf dieser Erde, macht unserer Autorin einen Heiratsantrag, um an ein Visum zu kommen.

„Wir haben in der Operation RABIT zusammengearbeitet, um die Anzahl unter Kontrolle zu halten“, so Salamangas. „Dieses Jahr hatte der Fluss allerdings kaum Wasser, sodass all unsere Bemühungen wenig genützt haben. Wenn der Fluss Wasser führt, ist die Gefahr sehr viel größer. Die Boote der Schmuggler haben keine Motoren, sodass die Migranten rudern müssen. Die meisten können aber weder rudern noch schwimmen, und die Strömungen sind so stark, dass die Boote abtreiben. Häufig zwingen die Schmuggler sie, ins Wasser zu gehen, manchmal sogar mit Gewalt.“ Dann zeigte er uns Bilder von einer Gruppe von Leuten, die von einem Laster steigen, wobei jeder von dem Schmuggler als Abschiedsgeschenk mit dem Gewehrkolben noch eins ins Rückgrat bekam. „Die, die wir nicht verhaften, kommen und liefern sich uns von selbst aus“, führte er fort. „Das ist das Komische.“

Salamangas erklärte, dass die Migranten in Griechenland erfasst werden wollen, damit das Land, wie vom Dubliner Übereinkommen gefordert, die Verantwortung für ihre Asylverfahren übernehmen muss. Werden diese Migranten daraufhin irgendwo in Europa ohne Pass erwischt—was sehr häufig vorkommt—werden sie nach Griechenland zurück­geschickt. „Um sich für politisches Asyl zu qualifizieren, geben viele weiße Migranten vor, Palästinenser zu sein, und Schwarze behaupten, sie kämen aus Somalia. Uns bleibt nur zu hoffen, dass die Mauer bis Mitte 2012 fertig ist. Keiner von denen will in Griechenland bleiben, besonders jetzt mit der Krise. Sie benutzen unsere Grenzen nur, um reinzukommen. Das muss man immer wieder betonen: Das sind keine griechischen Grenzen, das sind europäische Grenzen.“

Ich fragte Salamangas, was mit den Berichten über schlechte Lebensbedingungen in den Auffanglagern sei, und er antwortete: „Wir haben ein Lager in Filakio, Orestiada. Dort können 294 Menschen wohnen. Das ist zu wenig für die Mengen an Immigranten, mit denen wir zu tun haben. Bis 2009 war alles gut. Ich weiß mit Bestimmtheit, dass das Bürgerschutzministerium und die Polizei alles versuchen, um einen geräumigeren Ort für sie zu finden. Nicht nur den Einwanderern, sondern auch unserem Personal zuliebe.“ Sodann spuckte er sich auf den Daumen, was wir als Zeichen für unseren Aufbruch werteten.

Unser nächster Halt war natürlich Filakio. Als wir den Hof des Auffanglagers betraten, sahen wir etwa 30 Männer (und ein Baby), die gerade durchgecheckt worden waren und nun auf einen Bus warteten, der sie nach Athen bringen sollte, wo sie bis zu drei Monate lang bleiben durften, bevor sie unter Umständen permanent weggesperrt würden. „Ich will nach Athen, aber das kostet 50 Euro“, sagt Hamza Attatfa, ein 24-jähriger Algerier. „Wo fahrt ihr hin? Willst du mich heiraten? Dann kriege ich ein Visum.“ Hamzas Landsmann Kyle Farid schien nicht ganz so weltfremd: „Ich hab das schon mal mitgemacht und es bis nach England geschafft, ohne erwischt zu werden. Ich habe in Roehampton gewohnt. Dann ist meine Mutter in Algerien krank geworden, und ich musste zurück. Aber meine Freundin ist in England.“ Kyle erzählte uns, wie er am Tag vor unserem Besuch von der türkischen Armee aufgegriffen worden sei und eine Abreibung verpasst bekommen hätte, bevor sie ihn an der Grenze ein paar Schmugglern übergeben hätten. „Hier behandeln sie uns wenigstens nicht schlecht, aber die Zustände sind grauenhaft“, sagte er. „Es gibt keine Duschen, und das Essen ist fürchterlich.“

Aras, ein 22-jähriger Pakistani, erzählte uns, dass er Griechenland verlassen will, sobald sein 15-jähriger Bruder aus der Haft entlassen werde. „Ich bin schon vier Jahre hier, aber im Moment gibt’s kein Geld, deshalb will ich zurück nach Pakistan“, erklärte er. „In dem Stall, in dem ich arbeite, gab es früher 27 Pferde, jetzt sind es nur noch drei. Ich versuche, meinen Bruder freizukriegen, und dann gehen wir nach Athen.“

Unsere Reise näherte sich dem Ende, aber ich wusste noch immer nicht, wie ich all das finden sollte. Nach nur ein paar Tagen in dieser Region war es für mich ganz offensichtlich, dass Europa Griechenlands Grenzproblematik bislang ignoriert hat—und dass dieses Problem nicht gelöst werden kann, so lange die EU es nicht schafft, sich der schier endlosen Liste an Versäumnissen anzunehmen, die zum Teil Mitschuld an dieser Situation haben. Andererseits ist die Welt ein erbarmungsloser Ort, und jeder sollte das Recht haben, ein besseres Leben anzustreben, ohne sich dabei mit Minenfeldern, eiskalten Flüssen oder bewaffneten Gangstern konfrontiert zu sehen.

An dem Abend, unserem letzten in Evros, aßen wir in Vissa zu Abend, einem winzigen Dorf kurz hinter Orestiada, nur wenige Meter von der Grenze entfernt. Wir saßen in dem einzigen Café, das wir finden konnten—einem großen, hohen und fast schmucklosen Raum. Die einzigen Gäste außer uns waren ein paar Dutzend Männer, die alle aussahen, als seien sie um die 80. Unsere Anwesenheit faszinierte sie, und sie scharrten sich im Kreis um uns herum. Dann begann der Besitzer, George, von der langen Schmuggeltradition des Dorfes zu erzählen: „In den 1940ern mit dem Krieg hat alles angefangen; wir schmuggelten Fleisch und Vieh aus der Türkei. In den 1950ern und 1960ern waren es hauptsächlich Felle, und dann in den 1970ern Marihuana. Kokain und Pakistanis kamen in den 1980ern. Dann sind die Türken aufgewacht, und unser Handel kam nach und nach zum Erliegen.“

In Bezug auf mein moralisches Dilemma war das vielleicht nicht sehr hilfreich, aber es hat die Dinge zumindest ein wenig relativiert. Wer weiß, in was für merkwürdige Geschäfte diese liebenswürdigen Opis zu ihrer Zeit noch verwickelt waren? Und wer weiß, wie harmlos unsere Verbrechen in ein paar Jahrzehnten wirken werden? Es gibt wohl nichts Besseres als die conditio humana, um die Stimmung aufzuheitern.

Fotos von Henry Langston