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Der Hunger kommt—und mit ihm die Aufstände

Wenn man einen einzigen Grund sucht, der sehr zuverlässig für soziale Unruhen sorgt, dann sind das wohl zu knappe und zu teure Nahrungsmittel. So zumindest argumentiert eine Gruppe von Komplexitätstheoretikern—und das klingt logisch. Der Hunger kommt...

von Brian Merchant
31 Mai 2013, 8:30am

Warum gibt es Aufstände? Es gibt viele plausible, gerechtfertigte Gründe—Armut, Unterdrückung, Entmündigung—dafür, dass sich Menschen erheben und auf die Barrikaden gehen. Aber einer der wesentlichsten Gründe ist viel urtümlicher als einer der gerade genannten: Hunger, schlicht und einfach. Wenn man einen einzigen Grund sucht, der sehr zuverlässig für soziale Unruhen sorgt, dann sind das wohl zu knappe und teure Nahrungsmittel. So zumindest argumentiert eine Gruppe von Komplexitätstheoretikern der University of Cambridge—und das klingt absolut logisch.
 
In einer 2011 veröffentlichten Abhandlung enthüllen Forscher des Instituts für komplexe Systeme ein Model, welches genau erklärt, warum sich die Bürgerunruhen von 2008 und 2011 genau dann entladen haben, wann sie es taten. Der bestimmende Faktor war der enorme Preisanstieg von Nahrungsmitteln. Ihr Model identifiziert einen präzisen Schwellenwert für globale Nahrungsmittelpreise, der, einmal überschritten, zu weltweiten Aufstände führen würde.
 
Der MIT-Technologiebericht erklärt, wie das Model des CSI (Complex Systems Institute) genau funktioniert: „Der Beweis stammt aus zwei Quellen. Bei der ersten handelt es sich um von den Vereinten Nationen gesammelte Daten, die Nahrungsmittelpreise im Vergleich zur Zeit abbilden, der Nahrungsmittel-Preisindex der Food and Agriculture Organisation (FAO) der UN. Die zweite Quelle sind die Zeitpunkte der weltweiten Aufstände der letzten Jahre, unabhängig von ihren Ursachen.“ Stellt man das nun grafisch dar, ergibt sich folgendes Bild:

Ziemlich einfach. Die schwarzen Punkte zeigen die Nahrungsmittelpreise an und die roten Linien sind die weltweiten Aufstände. In anderen Worten: Immer wenn der Nahrungsmittel-Preisindex, welcher die monatliche Preisänderung für einen Korb benötigter Nahrungsgüter darstellt, über einen Wert von 210 klettert, sind die Bedingungen für globale Ausschreitungen besonders günstig. Das CSI behauptet nicht, dass jede Überschreitung dieses Schwellenwerts zu Krawallen führt. Es geht viel mehr darum, dass die Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch von Unruhen enorm ansteigt. Für Milliarden von Menschen sind die Kosten für Nahrungsmittel bis zu 80 % Teil der täglichen Ausgaben (bei Leuten aus reichen Ländern, wie dir und mir, sind es etwa 15 %). Wenn die Preise schwanken, können sich die Betroffenen nichts Anderes mehr leisten; manchmal nicht mal mehr die Nahrungsmittel selber. Und wenn du nicht essen kannst —oder noch schlimmer: deine Familie —, dann kämpfst du.
 
Aber wie exakt ist dieses Model? Eine Anekdote, die die Wissenschaftler in dem Bericht erläutern, kann uns vielleicht eine Vorstellung vermitteln. Sie schreiben: „Am 13. Dezember 2010 haben wir einen Bericht übermittelt, der die Folgen der weltweiten Finanzkreise analysiert. Er zeigte, dass das Risiko für soziale Unruhen und politische Instabilität direkt mit Nahrungsmittelpreisen zusammenhängt.“ Vier Tage später zündete sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazazi als Zeichen des Protests selbst an. Wir alle wissen, was danach passiert ist.

Momentan schwebt der Nahrungsmittel-Preisindex irgendwo bei einem Wert um die 215, wo er sich schon seit Monaten befindet—direkt über dem identifizierten Schwellenwert. Die geringen Erträge der Maisernte in den Vereinigten Staaten, dem wichtigsten Produzenten der Welt, halten die Preise hoch.
 
„Die Dürren der jüngsten Zeit im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten drohen, eine weltweite Katastrophe auszulösen“, sagte Yaneer Bar-Yam, Mitverfasser des Berichts, letztes Jahr gegenüber Al Jazeera. „Wenn die Menschen nicht in der Lage sind, sich selbst und ihre Familien zu ernähren, hat das Ausschreitungen zur Folge. Wir befinden uns an der Schwelle zu einer neuen Krise, der dritten in fünf Jahren und wahrscheinlich der schlimmsten bis jetzt. Möglicherweise kommt es zu Nahrungsunruhen und Aufständen, vergleichbar mit dem Arabischen Frühling.“
 
Bisher sind die Nahrungsmittelpreise allerdings noch nicht auf das katastrophale Niveau des vorletzten Jahres gestiegen. Zur Zeit der revolutionsähnlichen Aufstände überschritt der Nahrungsmittel-Preisindex die 220 Punkte und erreichte sogar fast einen Wert von 240. Dieses Jahr befinden wir uns beständig im Bereich zwischen 210 und 216—direkt am Scheitelpunkt der Gefahr. Experten des CSI befürchten jedoch ein Fortsetzen des gefährlichen Trends hin zu steigenden Nahrungsmittelpreisen. Noch bevor das extreme Wetter die Preise für Nahrung durcheinandergewirbelt hatte, sah der Bericht von 2011 den nächsten großen Bruch für August 2013 voraus, gefolgt vom erhöhten Risiko weltweiter Aufstände. Wenn sich der Trend also bestätigt, sind wir laut Komplexitätstheoretikern weniger als drei Monate von der nächsten großen Krise entfernt.
 
In Wirklichkeit sind solche Vorhersagen aber alles andere als einfach zu treffen. In einer vom Klimawandel gut gewärmten Welt sind unvorhersehbare, extreme Wetterereignisse wie die Dürre, die 60% der USA betraf, und die damit zusammenhängende Rekordhitze, die einen großen Teil der amerikanischen Viehbestände tötete, die Norm. Vor nur drei Jahren hatte eine Hitzewelle einen Großteil der russischen Getreideernte zerstört und dem globalen Nahrungsmittelmarkt damit einen empfindlichen Schlag versetzt. Der wirkliche, unangekündigte Vater des Arabischen Frühlings ist die globale Erderwärmung, sagen einige.
 
Von hier an kann es nur noch schlimmer und schlimmer werden. Wegen der vom Klimawandel verschärften Naturkatastrophen „könnte sich der Durchschnittspreis für Grundnahrungsmittel (so wie Mais), ausgehend von den Preisen aus dem Jahr 2010 innerhalb der nächsten 20 Jahre verdoppeln“, enthüllt ein Bericht von Oxfam aus dem September 2012. Es wird weiterhin beschrieben, dass die Armen in Zukunft noch viel mehr von, vom Klimawandel verursachten, Nahrungsmittelpreisschocks betroffen sind, als bisher gedacht. Letztendlich haben wir, wie der Klimaforscher und ehemalige NASA-Mitarbeiter James Hansen gerne sagt, die Würfel des Weltklimas selbst gezinkt und die Chancen für solche Naturkatastrophen steigen damit enorm.
 
Solange sich der Klimawandel also weiter verschärft—momentan sieht es so, als könnte man ihn kaum noch aufhalten—und wir ein globales Nahrungsmittelsystem erhalten, das in erster Linie von schwankenden Preisen und der Ausbeutung durch Spekulanten abhängig ist, so lange wird unsere Welt, ohne Reform, wohl zunehmend unbeständig sein. Der Hunger kommt; und mit ihm die Aufstände.

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