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Das Kentucky Derby ... auf LSD!

Seit Hunter S. Thompson damit Gonzo-Geschichte geschrieben hat, war niemand mehr so richtig dicht beim Kentucky Derby und hat darüber geschrieben.
17.5.13

Seit Hunter S. Thompson damit Gonzo-Geschichte geschrieben hat, war niemand mehr so richtig dicht beim Kentucky Derby und hat darüber geschrieben. Bis SIE kam. Das hier ist meine gute Freundin Caitlin (deren Name natürlich nicht wirklich Caitlin ist). Das ist ein Plättchen LSD auf ihrer Zunge. Sie hat davor erst einmal LSD genommen. Vor vier Jahren. Und sie hat es wieder genommen, bevor wir raus zum Kentucky Derby gefahren sind, denn das berühmteste Pferderennen der Welt—ein Ereignis, an dem Tausende betrunkene Zocker, einfache Besoffene und ein rumtollender Haufen segelschuhtragender Oberschichtler beteiligt sind und dem bereits vor zirka einem halben Jahrhundert mit "The Kentucky Derby is Decadent and Depraved" ein richtungsweisendes Denkmal gesetzt wurde—kann man nur auf eine Art und Weise besuchen. Das wusste schon der Gonzo-Kronprinz und das weiß auch Caitlin.

Eine Stunde nach dem Trip-Einwurf kamen wir in Churchill Downs an, was im Regen einen ziemlich erbärmlichen Eindruck machte. So wie bei jeder großen öffentlichen Veranstaltung in der USA standen am Eingang massenhaft Polizisten und Sicherheitsleute herum, die den Fußgängerstrom steuerten und daran erinnerten, dass die USA in ein Post-9/11-Sicherheitsstaat ist.

Wir hatten Karten für die Fläche, die von der Rennbahn umgeben ist und die sich während der Veranstaltung in eine große schlammige Party verwandelte—ungefähr so wie ein Festival ohne Musik, nur schlimmer, wenn du dir das vorstellen kannst. Diese Fläche ist für Leute, die keinen Batzen Geld für eine Karte ausgeben wollen, streitlustige Alkoholiker und geschiedene Mittvierziger bestimmt, die versuchen, ein bisschen wild zu werden. Es ist billiger, aber du bekommst nicht mit, was so pferderennentechnisch abgeht.

Aber um erst einmal ins Innenfeld zu kommen, mussten wir uns durch einen Tunnel kämpfen, der nach vergammeltem Arsch roch—die Luft war mit dem Rauch von Zigaretten und Zigarren, Kotze und Bourbon erfüllt. Caitlin fragte mich, ob wir in der Hölle seien.

Natürlich fingen die Leute im Tunnel an, „USA! USA! USA!“ zu grölen, was sie wirklich nervte. „Ich hasse dieses seltsame Kommunismuszeug [Anm. d. Red.: ?]. Wieso machen sie das? Wollen sie sich stark fühlen, indem sie ihre eigenen Stimmen hören? Machen sie das standardmäßig immer so? Wie hängt denn ,USA! USA! USA!' mit irgendwas zusammen?“ Sie erzählte mir das alles, während sie ein unsichtbares Mikrofon hielt.

Der erste LSD-Flash traf sie während einem der Nachmittagsrennen. Wie ihr sehen könnt, hatten wir keinen besonders guten Blick auf die Rennbahn und wir sahen kaum etwas von den Pferden, als sie an uns vorbei durch die nasse Erde zogen. Sie hatte einen furchterregenden leeren Blick in ihrem Gesicht und ich fragte sie später, was sie dachte, was passiert wäre. „Der Boden unter mir erbebte“, antwortete sie. „Dieser kleine Hof hier wurde plötzlich der Ozean und ich trieb darin umher.“

Der Regen wurde schlimmer und Caitlin erzählte mir, dass sie sich sofort unterstellen müsse. Wir suchten Schutz in einem Zelt, in dem ein Bankomat stand, und Caitlin mochte die Wände wirklich sehr—sie lehnte sich dagegen und wippte vor und zurück. Sie erzählte mir, dass die Wände atmeten und sie war besorgt, dass die starken Winde sie umwehen könnten. (Es herrschte Windstille.)

Einer dieser stilvoll besoffenen Verbindungsbrüder fing mit ihr ein Gespräch über die trockene Vagina seiner Freundin und seine Masturbationsrhythmen an. Dann fragte er sie, ob sie auf Analsex stehe. Sie ging daraufhin einfach weg, ohne ein Wort zu sagen. Als ich sie einholte erzählte sie: „Sein Gesicht wurde gerade wirklich sehr, sehr eklig.“

Wir siedelten dann zu den Toiletten um. Es gab eine Schlange vor den Spiegeln—die ganzen extravaganten Derbyhüte und -outfits waren vollgesaugt und eklig und die ganzen Schönheiten sahen aus wie durchweichte Chihuahuas. Caitlin sagte, dass es sie wirklich sehr traurig machte zu sehen, wie all diese Mädchen, die versuchten, gut auszusehen, vollgeregnet wurden. Dann verlor ich sie für eine Minute und fühlte einen Augenblick lang, wie es ist, als Mutter das eigene Kind zu verlieren. Scheiße!

Ich fand sie in einer Ecke, wo sie die Wand anstarrte und so tat, als würde sie ihr Handy benutzen. „Ich hatte das Gefühl, wenn ich hier nur lange genug stehe, dann würde jemand kommen und mir helfen.“ Sie erzählte mir, dass sich die Wände veränderten.

Wir gingen in eine der Kabinen, weil Caitlin noch ein halbes Plättchen nehmen wollte, und stellten fest, dass jemand seinen Schal auf der Kloschüssel vergessen hatte. Sie bekam dieses kindliche Glitzern in den Augen und wurde ziemlich aufgeregt, weil sie anderen Leuten davon erzählen wollte. Später erklärte sie mir, dass dies der einzig „reale Moment der Realität“ für sie gewesen sei, weil sie unterscheiden konnte, dass der Schal auf der Toilette keine normale Begebenheit war.

Es war wirklich dunkel und hässlich draußen und die Mülleimer waren voller leerer Bierdosen. Caitlin zeigte auf diesen Baum und sagte, dass er das erste Schöne sei, das sie auf dem Derby gesehen hatte. Sie rannte verzweifelt auf ihn zu.

Ich fragte sie, was mit dem Baum los sei, weil sie ihn die ganze Zeit anstarrte und dann wieder wegsprang, als ob er zu hell für sie wäre. „Ich kann ihn nicht ansehen. Diese ganzen kleinen Fasern bewegen sich. Er schüttelt sich und vibriert.“ Sie erklärte mir später, dass sie ihn nicht so lange ansehen konnte, weil er zu schön für sie war.

Nachdem wir ein paar Stunden im Regen über das Innenfeld gelaufen waren, brauchten wir eine Pause von der ganzen Verrücktheit, bevor das große Rennen anfing. Wir mussten noch einmal durch den Tunnel durch, in dem noch mehr Müll herumlag und noch mehr Leuten standen, die sich vor dem Regen versteckten. Sie starrte diesen Müll hier eine lange Zeit an, gab ein paar Ooo- und Ahh-Geräusche von sich, lachte und sagte: „Das Fleisch ist lebendig.“ Dann machte sie ein Foto.

Wir gingen nach draußen zu einer Tankstelle, um uns was zu trinken zu holen. Ich zwang sie, an einem Zimtcappuccino zu riechen. Zuerst musste sie lachen und dann wurden ihre Augen ein bisschen rot und sie fing an zu weinen, weil es „so wunderbar“ roch.

Ich fuhr sie zu McDonald's und wir saßen eine viertel Stunde auf dem Parkplatz, bevor wir wieder zur Rennstrecke zurückgingen. Dieses Foto entstand während ihres kleinen, psychischen Zusammenbruchs, nachdem sie ein Typ im Wagen neben uns nach einem Feuerzeug und einem Aufladegerät gefragt hatte. Sie erklärte ihm: „Ich kann jetzt gerade echt nicht mit dir umgehen.“ Dann kurbelte sie ihr Fenster wieder nach oben.

Das hier ist Caitlin auf einem Golfcart, das uns zum Eingang von Churchill Downs brachte. Sie hatte darauf eine Menge Spaß, vor Allem wenn wir über Schlaglöcher fuhren; es fühlte sich „ein wenig gefährlich“ für sie an.

Zurück zur Rennstrecke zu kommen, war  für Caitlin wirklich deprimierend. Sie starrte die ganze Zeit den Müll auf dem Boden an und sagte: „Churchill Downs sollte nicht so aussehen.“ Aber dieser Typ beruhigte sie. „Das ist das Schönste, was ich gesehen habe, seitdem ich hier bin“, erzählte sie mir. Ich fragte sie, was ihn so wunderschön machte und sie antwortete, dass es der Kontrast zwischen seinen weißen Socken und den roten Schuhen sei und die Art, wie er angestrengt kaute.

Hier sehen wir Caitlin, Sekunden bevor das Rennen anfing. Im Verlauf ihres Trips wiederholte sie immer wieder: „Das Lustige ist, dass sich alle krampfhaft bewegen, aber niemand irgendwohin geht … Jeder versucht, irgendwohin zu kommen, aber es gibt nirgends zum Hinkommen. Ich verstehe es einfach nicht.“ Obwohl sie verloren aussieht, war das hier für sie ein Moment der Klarheit in diesem Meer aus dem, was man wohl als Menschlichkeit beschreiben könnte. „Ahhh, endlich passiert es!“, sagte sie. „Das ist es!!!“ Wir haben das Rennen schlussendlich nicht gesehen, aber ich glaube, ihr hat es trotzdem Spaß gemacht.