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Eine französische Psychoanalytikerin über Angst, Isolation und die Anschläge in Paris

Wir haben die bekannte Philosophin und Psychoanalytikerin Hélène D'Heuillet gefragt, wie Angst funktioniert und wie wir sie nach den schrecklichen Ereignissen in den Griff kriegen können.

von Romain Gonzalez
16 November 2015, 10:08am

Polizisten in den Straßen von Paris | Foto: VICE News | Etienne Rouillon

Nach den Terroranschlägen sagte der französische Premierminister Manuel Valls, sein Land befinde sich „im Krieg gegen den Terrorismus, gegen den Dschihadismus, gegen den radikalen Islam". Die Menschen in Paris sind im Schock; manche warten zu Hause auf ein Abflauen der Panik und Trauer, während andere auf die Straße gehen, um zu zeigen, dass das Leben auch angesichts unaussprechlicher Gewalt weitergehen muss.

Um die Angst, die viele empfinden, zu verstehen und in den Griff zu bekommen, haben wir uns mit der bekannten französischen Philosophin und Psychoanalytikerin Hélène L'Heuillet unterhalten.

VICE: Warum haben die Terroristen Ihrer Meinung nach hauptsächlich junge Menschen ins Visier genommen?
Hélène L'Heuillet: Das ist typisch, wenn Angst als Waffe eingesetzt wird. Bei den größten Anschlägen, die am meisten Angst säen, sind oft junge Menschen am meisten betroffen. Man denke zum Beispiel an die Bombe im Casino in Algiers.

Aus dieser Sicht ist das 11. Arrondissement das ideale Ziel in Paris. Das Viertel ist voll mit jungen Leuten, und das Bataclan ist ein Symbol für den Bezirk. Mit nur einem Anschlag werden Hunderte Ziele getroffen: Familien sind betroffen, das Potential in jeder jungen Person wird ausgelöscht. Außerdem wird damit das Konzept des Feierns angegriffen, ein Symbol für die angebliche westliche Dekadenz.

Diese Terroristen sehen die westliche Jugend als den Inbegriff der modernen Sünde.
Ja, und in dieser Verurteilung liegt der revolutionäre Aspekt der Ideologie des Islamischen Staats. Sie kritisiert den Kapitalismus in jeder Hinsicht. Die Organisation hat beständig den westlichen Materialismus und angeblichen Hedonismus verteufelt.

Ein Hedonismus, den der IS mit Götzendienst in Verbindung bringt—was auch in seinen Mitteilungen nach den Angriffen erwähnt wurde.
Es ist wichtig zu verstehen, dass der Anschlag nicht zufällig bei einem Konzert der Band Eagles of Death Metal passiert ist. Diese US-amerikanische Band steht für vieles, was die Terroristen hassen. Außerdem ist eine Beziehung der Band zur Öffentlichkeit für den Islamischen Staat inakzeptabel. Man denke an Osama bin Ladens Worte: „Wir lieben den Tod, ihr liebt das Leben." Seine Verurteilung der Götzenverehrung ist so weit getragen worden, dass es sich um eine Verurteilung der Verehrung des Lebens handelt.

Angst scheint einer der Schlüssel zu sein, um die Beweggründe der Angreifer besser zu verstehen.
In sogenannten konventionellen Kriegen ist Angst eine eingebaute Folge des Konflikts. Das Ziel eines Kriegs ist es nicht, die Bevölkerung in Angst zu versetzen, sondern einen Feind zu besiegen.

Heute bildet Angst die Wurzel eines Konflikts, der immer mehr in unser Territorium exportiert wird. Der Islamische Staat weiß, dass acht Angreifer das politische System Frankreichs nicht einfach umkehren können. Beim 11. September wussten die Terroristen auch, dass das politische System der USA die Anschläge überleben würde. Es ist nicht wichtig zu gewinnen, sondern es ist wichtig, Angst zu verbreiten.

Wie gehen Sie als Psychoanalytikern die Auswirkungen dieser Angst bei Individuen an?
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Angst isoliert. Das ist eine der Eigenschaften der Angst, und sie war bei vielen der Patienten bemerkbar, die ich seit Samstagmorgen empfangen habe. Ihre psychische Unsicherheit war echt. Aber das hier ist nichts Neues. Kriege haben Menschen schon immer isoliert. Angst sperrt uns ins Zimmer, in das Nahe, unmittelbar Sichtbare und Wichtige. Die Mobilisierung der Bevölkerung nach dem Anschlag im Januar [auf Charlie Hebdo] hat uns geholfen zu verstehen, dass die Menschen vor allem aus diesem Gefühl der Isolation ausbrechen wollten.

Berlin, Brandenburger Tor, am Samstag | Foto: Grey Hutton

Denken Sie, Angst entsteht, weil wir die Denkweise der Terroristen falsch verstehen und für irrational halten?
Die Ablehnung des Lebens—eine Haltung, die diese Terroristen haben—ist tatsächlich das Gegenteil der Denkweise, die im Westen kultiviert wird. Gleichzeitig dürfen wir die Augen nicht verschließen. Eine der größten Ängste in unserer Gesellschaft kommt von der Faszination, die manche Jugendliche für den IS haben—eine Faszination, die nicht nur als irrational gesehen werden kann.

Diese jungen Terroristen—manche von ihnen sind sogar sehr jung—suchen vor allem Antworten auf ihre persönlichen Fragen, die zum Heranwachsen gehören. Leider bietet ihnen die Ideologie des IS das. Diese Ideologie der Zerstörung ist totalitär.

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Das extremistische Wesen dieser Ideologie verhindert jegliche Kritik von außen.
Ja, es macht uns sprachlos. Außerdem muss man nur zuhören, was die Menschen nach den Anschlägen sagen: „Es ist schrecklich", und so weiter. Es ist extrem schwierig, die richtigen Worte zu finden. Große totalitäre Ideologien haben schon immer dieses Gefühl der Hilflosigkeit und Unbeschreiblichkeit ausgelöst.

Was ist mit der Angst vor einem weiteren Anschlag—wird die bald wieder verschwinden?
Frankreich hat seit vielen Jahren keine solche Situation erlebt—vermutlich nicht seit der Besatzung. Daher ist es absolut gerechtfertigt, eine solche Angst zu haben. Aber Krieg muss nicht Hysterie bedeuten. Solche Gefühle legen sich meist und erlauben es den Menschen, mit ihren Leben weiterzumachen. So war es bereits nach den Anschlägen im Januar. Die Menschen von Paris haben sich nicht zu Hause verkrochen, und diesmal wird es nicht anders sein.