Syronics on Speed

Warum könnt ihr mich nie vergessen lassen, dass ich ein Flüchtling bin?

Der einzige Ort, wo ich das vergessen darf, ist die Heavy-Metal-Kneipe an der Ecke.

von Aboud Saeed
13 April 2016, 4:00am

Foto: Privat

Im Frühjahr 2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg entwickeln sollte. Ungefähr zur selben Zeit fing der Schmied Aboud Saeed an, auf Facebook sein Leben in der Stadt Manbidsch zu dokumentieren. Seine kurzen Einträge, die vor schwarzem Humor nur so strotzen, gefielen irgendwann so vielen Leuten, dass der deutsche Verlag mikrotext schließlich ein Ebook mit dem Namen Der klügste Mensch im Facebook daraus machte, das später sogar als Taschenbuch erschien. Anfang 2014 beantragte Saeed Asyl in Deutschland, seitdem lebt er in Berlin. Als wir ihn gefragt haben, ob er eine Kolumne für uns schreiben will, dachte er ursprünglich, wir seien der Spiegel. Er hat sich aber auch nach Aufklärung des Missverständnisses bereit erklärt, hier einmal in der Woche für uns zu schreiben—über sein Leben in Berlin und das, was er in Syrien zurückgelassen hat.

Wenn du im Flugzeug nach Deutschland gereist bist, dann ist das etwas, worauf du dir mächtig was einbilden kannst. Zumindest gegenüber meinen Brüdern, den Flüchtlingen.

Und da ich noch dazu ein intellektueller Flüchtling und ein Schriftsteller bin, scharen sich um mich deutsche Intellektuelle, größtenteils von der Sorte „Refugees Welcome". Sie heißen mich als besonderen Flüchtling willkommen. Auch das ist etwas, worauf ich mir vor meinen Mitflüchtlingen etwas einbilden kann.

Außerdem bekomme ich die ganze Zeit Einladungen in alle möglichen Städte. Zu Theatern, Kulturvereinen und Festivals, wo es jedes Mal an großen, in fetter Schrift gedruckten Slogans nicht mangelt, wie: „Grenzen niederreißen" und „Kunst überwindet Krieg" und „Wellkamm Refjudschies!"

Natürlich bekomme ich dazu immer auch ein Zug- oder Flugticket, Unterkunft, Essen und Trinken, alles auf die Rechnung der jeweiligen Institution, die mich eingeladen hat.

Seit drei Jahren geht das bei mir nun schon so. Von Stadt zu Stadt, von Flughafen zu Flughafen.

Der ganze Wein, den ich in diesen Theatern gesoffen habe, kostet zusammengerechnet wahrscheinlich so viel wie die Versorgung des größten Flüchtlingslagers.

Drei Jahre habe ich mit meinen intellektuellen Freunden verbracht, die an ihren Prinzipien fast ersticken.

Das Erste, was der Intellektuelle kauft, sobald er in diese Welt hinausläuft, sind Prinzipien.

Dann entdeckt er plötzlich seine Liebe zu Kerzen. Natürlich ist der Intellektuelle zwangsläufig ein Pazifist und weiß alle Einzelheiten über jeden Schlussverkauf. Er interessiert sich für Menschenrechte und hat Mitleid mit Afrikanern und Tamilen.

Aber das Allerwichtigste ist seine Liebe und Leidenschaft für die Refugees.

Der Intellektuelle ist zwangsläufig auch ein Künstler. Ein Maler, ein Dichter, ein Musiker, ein Bildhauer, oder ein Aktivist—Aktivisten kann man ja auch zu den Künstlern zählen. Und wenn er wütend wird, dann wird er all das auf einmal—und Fotograf obendrein.

Der Intellektuelle respektiert Schwule, Kiffer und Alkoholiker und sagt: „Ich habe kein Problem mit denen."

Seit drei Jahren bin ich nun schon von diesen wohlerzogenen, anständigen, ordentlichen, eleganten, smarten und offenen Menschen umgeben. Bevor ich sie kennenlernte, habe ich mir immer einen einzigen anständigen Freund gewünscht. Der anständigste meiner Freunde pflegte nämlich in etwa so mit mir zu reden: „Warum kommst du schon wieder zu spät, du Hurensohn, hä?!" Und die letzte Facebook-Nachricht, die mir ein anderer anständiger Freund geschickt hatte, lautete: „Jetzt antworte schon, du Wichser! Ich bin's, Abu Omar!"

Intellektuelle gibt es in verschiedenen Abstufungen. Das Gleiche gilt auch für ihre Prinzipien.

Beispielsweise sind manche Intellektuelle auf bestimmte Statussymbole stolz, und andere Intellektuelle sind wiederum stolz darauf, kein iPhone zu besitzen. Alle sind auf irgendetwas stolz.

Alleine in Berlin habe ich 32.000 Intellektuelle und Prinzipientreue getroffen!

Der Intellektuelle erstickt an seinen Prinzipien, Werten und Gedankenkonstrukten. Er hat ein Prinzip im Hals, ein Prinzip im Arsch und eines zwischen den Beinen. Sex heißt Prinzipien, Fremdgehen ist eine Sichtweise, Prinzipien beim Nasenbohren, Prinzipien zum Weltfrieden und dem Holocaust. Prinzipien zur Freundschaft. Prinzipien zum Verhältnis zu Eltern und Familie.

Sogar was die Wahl der Buchtitel, die er liest, und die Musik, die er hört, betrifft, hegt der Intellektuelle Prinzipien. Prinzipien, Prinzipien, Prinzipien ...

Insofern ist es dem Intellektuellen natürlich wichtig, dich daran zu erinnern, dass er sich aus Prinzip für dich interessiert, weil du ja schließlich ein Refjudschie bist.

Die Einzigen, die mich daran erinnern, dass ich ein Refjudschie bin, sind nämlich die Intellektuellen!

Arme Intellektuelle: Die Einsamkeit schläft mit ihnen im Bett, und aus Rache schütten sie sich dann mit Prinzipien zu.

Sie ersticken an Prinzipien und mich ersticken sie mit. Deshalb beschloss ich eines Tages, aus dieser Zwickmühle auszubrechen. Suchend irrte ich durch die Straßen Berlins. Plötzlich fand ich mich in der Bar „Paule's Metal Eck" wieder: Lärmende Grölmusik, in Schwarz gekleidete Männer und hübsche Frauen. Jedes Mal, wenn sie mich fragen, woher ich komme, sage ich:

„I am from Syria!"

„Sri Lanka?"

„No, no, Syria!"

„Sicilia?"

„No, Syria! ... Refugee!"

„Oh, sorry. I don't know this country."

Ich hatte keine vorgefasste Meinung, was Heavy Metal betrifft. Mittlerweile habe ich aber begonnen, diese Grölmusik, die schwarze Kleidung und die seltsamen Symbole, die mir nichts sagen, zu mögen. Ich habe das Gefühl, die Menschen dort sind gutmütig und haben Humor.

In Paule's Metal Eck habe ich vergessen, dass ich ein Refugee bin und mich selbst wiedergefunden.

Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl.