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Wir waren mit einem Haufen Goths feiern und es war super

Rote Latex-Anzüge, Geweihe im Haar und Zombie-Kontaktlinsen: Wir haben uns unter die düsteren Gestalten gemischt und den Abend so richtig genossen.

von Stefanie Katzinger und Text von Anne-Marie Darok
19 Mai 2015, 6:00am

Ich habe meine Jugend damit verbracht, die Musik der 1990er leidenschaftlich zu hassen und die der 1980er abgöttisch zu lieben. Ich hörte alles, von den kitschigen Yuppie-Boybands à la Spandau Ballett und ABC bis zu den wahnsinnigen Nachtgestalten aus dem Batcave. Mit 15 wünschte ich mir Disintegration von The Cure zum Geburtstag und da war es dann gänzlich um mich geschehen. Ich war zwar später schon zu alt, um noch zum Emo zu werden, aber verregnete Nachmittage, an denen ich mich mit dem Kopf zwischen zwei Lautsprecher legte und zu The Same Deep Water As You vor mich hin schmachtete, gehörten einfach zu meinem Leben. Stundenlang saß ich am PC, stöberte durch Wikipedia, um alle Genres der Schwarzen Szene auswendig zu lernen.

VIDEO: Auf Ibiza haben die Partygäste fast gar nichts an.

Bis zum heutigen Tag habe ich mich gefragt, ob ich mich eigentlich als Goth bezeichnen darf, obwohl ich im ästhetischen Sinne eher nicht so reinpasse. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als ich das erste Mal vom Schwarzen Reigen in Österreich gehört habe. Dieses Event findet zweimal jährlich im Schloss Neugebäude und einmal im Palais Eschenbach statt, obwohl es anscheinend Probleme mit dem Palais gibt, was die Besucher des Reigens ziemlich angepisst hat. In drei gruftartigen Räumen treffen mit Industrial, New Wave und Mittelalter-Rock so verschiedene Musikrichtungen aufeinander, dass es mir so vorkam, als würden wir mit der Tardis, der Raum-Zeit-Maschine aus Doctor Who, durch die Zeit springen.

Schon bei der Anreise hatte ich das Gefühl, wie Alice ins Wunderland zu gehen. Es wollte zwar am Ende niemand meinen Kopf rollen lassen, aber ich war trotzdem das exotische kleine Mädchen unter den Tanzwütigen, in deren natürliches Habitat ich eingedrungen war. Der Party-Fotograf (ja, auch Goth-Events haben sowas) hat mich nur einmal angesprochen, während er gefühlte tausend Fotos von den Tanzwütigen Ball-Gästen machte. OK, ich war nicht einmal halbwegs so aufwendig gekleidet wie die anwesenden Frauen, die in ihren viktorianisch angehauchten Kleidern wie düstere Hochzeitstorten aussahen. Später sah ich dann die Krönung der Extravaganz: Eine Frau, die Queen Vicky wirklich wie aus dem Gesicht gestochen war, inklusive schwarzem Haarschleier, Kronjuwelen und allem drum und dran.

Zum Glück war ich zu dem Zeitpunkt schon so akklimatisiert, dass mir mein dunkelrotes bis oben zugeknöpftes Mormonen-Kleid gar nicht mehr peinlich war. Ich fühlte mich trotzdem den ganzen Abend lang wie eine verweichlichte Wednesday Addams in Rot, die von den Erwachsenen lernen möchte, wie man so richtig düster ist. Dabei bemühte ich mich stets, einen ernsten, mysteriösen Gesichtsausdruck aufzusetzen, dessen Künstlichkeit aber kaum jemanden davon abgehalten hat, mit mir über den Abend zu sprechen.

Ich hatte ein bisschen Respekt vor den Insidern, weil mich das Anmelde-Prozedere bei Gothic.at so erstaunt hatte. Dieses Portal ist der Schmelztiegel für die österreichische Community und fast so schwer zu knacken wie Fort Knox. Man muss einen Musik- und Lifestyle-Test über die Anfänge von Gothic ablegen und kann sich dann ein Manifest darüber durchlesen, dass die Szene nichts mit Gasmasken, Vampirismus, Heavy Metal und vieles andere zu tun hat. Und doch waren einige Gasmasken beim Reigen zu Gast, ebenso wie Fangzähne, die nicht nur in einem Mund aufblitzten.

„Nein, die Szene ist überhaupt nicht engstirnig, alle haben hier Platz. Eigentlich ist so sogar ziemlich familiär, weil Wien ja auch nicht so groß ist", klärte mich einer der Gäste auf—und auch fast alle anderen, die ich auf dieses Forum-Auswahlverfahren ansprach, sagten etwas Ähnliches.

„Der Schwarze Reigen ist schon so ein Sammelevent, wo alle Richtungen zusammenkommen. Ich zum Beispiel bin auch eher am Industrial-Floor und nicht beim Mittelalter-Rock, aber das heißt nicht, dass das nicht zu Gothic gehört", erzählte mir eine sehr bodenständige junge Frau in Korsage und Springerstiefeln, die von ihrem Freund eng an der Leine gehalten wurde. Diese Hündchen-Sache war am ganzen Abend ein gern gesetzter Akzent in den Partneroutfits, obwohl es nie so weit ging, dass jemand wirklich auf dem Boden umherkroch. Ich hatte bei allen extremeren Lack- und Lederlooks das Gefühl, dass es bei so einem Event schon sehr stark um Sehen und Gesehen werden geht.

An den Dresscode des Schwarze Reigens haben sich die Gäste gehalten. Polyesterperücken und Kinderschminke habe ich an niemanden gesehen. Stattdessen aber kunstvolle Frisuren mit Geweihen, eine geschuppte Haut durch Body-Painting und mit schwarzen Samt-Streifen beklebte Oberkörper. Letzteres Kostüm erinnerte mich stark an die Ästhetik von The Cell wo makabre Elemente, wie das lebendig sezierte Pferd auf Fantasy-Kostüme treffen. Unter schwarzem, nur das halbe Gesicht bedeckenden Make-up à la Lady Furiosa blitzten helle Kontaktlinsen hervor.

Ich kann es total verstehen, dass sich die Ballgäste so viel Mühe mit ihren Outfits geben. „Schließlich arbeiten wir 24/7 in stinknormalen Büros und tragen langweilige Anzüge", meinte ein Typ im knallroten und noch knallengerem Latex-Anzug. Während er total unbeeindruckt davon erzählte, wie er sich jedes seiner Outfits aus finanziellen Gründen selbst näht und die Sachen lieber nicht verkaufen möchte, wegen Gewerbeschein und so, fühlte ich mich wie die Jungs aus den Jump Street-Filmen, nachdem sie die Drogen in der Schule genommen haben und den Direktor plötzlich als sprechende Eistüte sehen. Ich glaube, die Situation wäre noch nicht mal dann surrealer gewesen, wenn der Typ mir nackt etwas über die Weltwirtschaftskrise erzählt hätte.

Eine Bauernregel sagt, dass auch schwarze Kühe nur weiße Milch geben. Ich bin mir aber sicher, dass die Gothic-Szene—sowie jede andere optisch orientierte Subkultur—noch immer mit massiven Vorurteilen zu kämpfen hat. Da ist es ganz egal ob Lady Gaga mal im Fleisch-Lendenschurz über die Bühne marschiert, oder Marilyn Manson schon seit Jahrzehnten nicht mehr die weißen Kontaktlinsen gewechselt hat. Die extravaganten Stars dürfen sich das erlauben, man erwartet ja sowieso nichts anderes von ihnen, aber im normalen Leben zieht man sich eben nicht so an.

Da muss ich nur meine Oma fragen, die vorm Reigen befürchtete, dass mir irgendwelche schlimme Dinge passieren, die ebenso viel mit der Realität zu tun haben wie die Theorie, dass Echsen die Welt regieren. Als ich ihr aber nachher von den Gesprächen mit den Ballgästen erzählte, bröckelte ihr vorgefasstes Weltbild nur ein bisschen. Und auch der leicht rassistische Taxifahrer wollte auf der Fahrt nach dem Ball wissen, warum einer seiner Taxigäste an jenem Abend ein Kleid getragen hat, obwohl er ein Mann ist. Ich habe dann versucht, ihm etwas über die Szene zu erzählen, was er sich geduldig angehört hat.

Weil der Abend aber ein echtes Highlight in meinem bisherigen Partyleben war, ließ ich ihn mir von dem Taxifahrer nicht mies machen. Niemand kann mir erzählen, dass stinknormale Bälle ohne eine beträchtliche Menge Alkohol auszuhalten sind. Es gibt einfach nichts Traurigeres, als in der schweißgeschwängerten Luft der Disco zu stehen und Grünschnäbeln beim Mitgröhlen von zwei Jahre alten Taio-Cruz-Liedern zu zuschauen. Und dann noch diese fürchterlich gekünstelten Mitternachtseinlagen, wo die meisten Menschen wahrscheinlich aus Mitleid klatschen, egal wie aufwendig die Performance war.

Der Schwarze Reigen ist wirklich der beste Ball, auf dem ich je war. Trotz der übertriebenen Outfits hatte die Atmosphäre nichts mit künstlicher Amüsierlaune am Hut. Alle Ballgäste waren extrem relaxt und suchten das Gespräch miteinander. Es wurde getanzt, aber nicht krampfhaft in der Gruppe und schon gar nicht sexy, um anziehend zu wirken.

Obwohl meiner Kollegin dieser Raum mit den harten EBM-Shouts anfangs ein bisschen mehr Respekt eingeflößt hat, haben wir uns fast die meiste Zeit bei den Tekktonikern aufgehalten. In der Mittelalter-Gruft waren wir hingegen seltener, obwohl ich mir sicher bin, dass schon allein der Geruch eine realistische Annäherung an die altertümlichen Festgelage war. Die DJs Metmann, Vagabund & Mortis waren outfittechnisch nicht von den Stallburschen aus Ritter aus Leidenschaft zu unterscheiden und tanzten glücklich zu „What Shall We Do With the Drunken Sailor" mit. Unter den Mittelalter-Enthusiasten waren auch zwei Frauen, die mit ihren langen Röcken und dem kleinen Halbmond auf der Stirn wirklich wie Wahrsagerinnen aussahen. Sie waren ziemlich begeistert von dem Event, obwohl sie bisher nur auf Mittelalter-spezifischeren Events gewesen waren. Ein bisschen trieben sie sich auch in den anderen Räumen rum, tanzten aber die meiste Zeit zu den Dudelsack-Rhythmen vom Veitstanz.

Im dritten Raum blieb mir jedes Mal das Herz stehen, als ich eins meiner altbekannten Lieder hörte. Der Eklektizismus aus Bauhaus' Bela Lugosi's Dead, David Bowies Let's Dance und Kraftwerks Das Model hätte mich nicht glücklicher machen können. Einen winzigen Stich hat mir nur mein erster Gesprächspartner im Latex-Outfit versetzt, als er meinte, sie sollten aufhören The Cure auf diesen Events zu spielen. „Das haben vor 20 Jahren, als ich jung war, 14-jährige Emos gehört", meinte er in seiner desinteressierten Manier, während mein Herz ein bisschen brach. Als sie im Red Room dann Close to Me spielten und einige Gäste jauchzten, heilte die Wunde aber wieder.

Trotzdem muss ich mich der Wahrheit stellen, dass ich vielleicht doch kein Gothler bin. Die Szene orientiert sich so stark an dem optischen, mit dem ich zwar sehr gerne mitgehalten hätte, aber einfach bei null anfangen müsste, um passende Outfits zusammenzustellen. Zumindest von der musikalischen Seite kann aber niemand behaupten, dass ich zu wenig über die Szene und ihre Herkunft weiß. Außerdem liebe ich die Musik zu sehr, um nicht im Herzen ein kleiner Goth zu sein. In dieser Nacht habe ich mich noch ein bisschen mehr in Szene verliebt und auch meine Kollegin war hellauf begeistert. Ich glaube, man wird uns noch öfters bei Schwarzen Reigen sehen, aber nächstes Mal werde ich mir mehr Mühe mit meinem Outfit geben.