
Thomas Billhardt: Das ist ganz einfach. Ich bin nicht auf die Oberschule gekommen, weil ich zu schlecht war. Meine Mutter war der Meinung, dass ich, bevor ich in den Westen gehen würde, einen Beruf haben sollte.Meine ersten praktischen Erfahrungen habe ich später als Werksfotograf in einem Braunkohlewerk sammeln können. Es war ziemlich hart dort. Wahnsinnig dreckig. Trotzdem habe ich mir dort ein Labor aufgebaut. Ich habe die Toten fotografiert, sehr grausam. Die Leute hatten einen sehr vulgären Ausdruck dort, er war rau und böse. Dies war auch der Ort, an dem ich lernte, dass die Welt nicht die behütete Welt war, die ich von zu Hause kannte, da war ich 20.
Nein, nie. Ich wäre auch noch in Kuba geblieben. Auf meiner Rückreise— wir machten einen Zwischenstopp in Kanada—stand am Flughafen die Tür zu „Migrations“ offen, und ich wusste, dass es bei uns die Mauer gab. Ich hatte Bilder aus Kuba, die die gesamte Welt interessierten. Bilder, die niemand zuvor gemacht hatte. Ich hätte einfach durch diese Tür schreiten, die Bilder bei Life veröffentlichen und eine Karriere im Westen starten können.Moralisch wäre das aber für mich nicht vertretbar gewesen. All das, was ich erlebt hatte, wollte ich mit zurück in die DDR bringen und dort zeigen. So habe ich an Glaubwürdigkeit gewonnen, und das, ohne Teil irgendeiner Ideologie oder Partei zu sein. Das öffnete mir den Weg zu Reisen. Für meine Reisefreiheit sprach außerdem, dass ich verheiratet war, was die Stasi meiner Akte entnehmen konnte und welche sie stetig überwachte.
Die kamen aus der Presse und viele habe ich mir selber gesucht. Es gab auch einige vom Kulturministerium, für Ausstellungen. Es gab aber keinen Auftrag vom Zentralkomitee, von der Stasi sowieso nicht. Mein großer Durchbruch waren die Bilder über die gefangenen Piloten aus Vietnam, die um die ganze Welt gingen.

Ich war in Vietnam, um als Fotograf für einen Dokumentarfilm über die amerikanischen Piloten zu fotografieren. Als ich die armen Kerle gesehen habe, taten sie mir sehr leid.Ich war mehr als 10 mal im Krieg in Vietnam und das mit großer Angst, denn ich musste immer nah dran sein und es erleben. Den Tod und den Schrecken des Krieges. Ich hatte die Aufgabe, den Menschen den Krieg zu zeigen. Trotz Ratten, Allergien, Schlangen, dem Tod und dem Gestank von Verwesung, eben all dem, was der Krieg so mit sich bringt, habe ich mich immer für die Opfer eingesetzt, und ich hatte eine Aufgabe, welche es war zu dokumentieren. Ich habe alles selber durchgemacht und war nah dran, deswegen sind meine Bilder auch so glaubhaft und gingen um die Welt. Ich würde auch jetzt wieder in den Krieg, aber jetzt wollen sie mich nicht mehr, jetzt bin ich ja ein alter Mann.Wie war es, als Journalist in der DDR zu arbeiten?
Meiner Meinung nach war der Sozialismus auf jeden Fall besser. In der Theorie ist er auf jeden Fall besser als alles andere, aber in der Praxis leider doch nur Utopie. Für mich war das Gesicht des Stasichefs Erich Mielke ein Inbegriff des Bösen: einer der miesesten Typen der Menschheit. Ich hatte Angst von ihm und musste aufpassen.
Ja.Wussten Sie das?
Ja, natürlich. Ich habe alle meine Akten gelesen. Sie haben drei bis vier Mal versucht, mich zu nehmen und anzugreifen.Wie zum Beispiel?
Auf allen Wegen. Ich wurde einmal auf einer Party von einer jungen Frau ins Bett gelockt, das hat mir Spaß gemacht, und sie fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, abzuhauen, da ich schon so viel gereist bin [lacht]. Bei ihrem nächsten Trick wollten sie mir ihren Volkswagen verkaufen.

Ich bin erst zwei Tage später rüber in den Westen gefahren. Es war sehr komisch. Es standen alle da und kuckten. Sie waren elegant gekleidet in Handschuhen und Hut, und dann sind wir Ossis, die Affen, gekommen [lacht].Natürlich habe ich auch da fotografiert. Irgendwie konnte ich mir schon denken, dass wir nicht wirklich beliebt sein würden mit unseren stinkigen Trabants oder ich mit meinem Wartburg. Ich bin trotzdem froh, dass ich nicht abgehauen bin. Ich will aber auch nicht, dass dieses System wieder zurückkommt.Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?
Ich habe angefangen, Werbefotos zu machen, Bilder, nach denen keiner mehr gefragt hat … und für eine Zeit habe ich für UNICEF gearbeitet. Dort habe ich mich wieder gefunden.Die großen Zeitungen, die sonst meine Bilder immer sofort genommen haben, waren nicht mehr an dem Thema Armut interessiert. Das war nicht die Sensation, nach der sie suchten. Also musste ich mich umorientieren. Ich bin nach Sarajevo in den Krieg gefahren. Ich habe für den Stern fotografiert. Ich habe das Leben dokumentiert, wie es war. Ich habe ihnen dann die Bilder geschickt und die kamen prompt zurück.
1979 - Hanoi
1975 - Straße Hanoi, Ho Chi Minh-Stadt, Südvietnam
1977 - Beirut, Grundschule in einem Palästinenser-Lager
1979 - 30-Jahre-DDR-Parade auf Karl-Marx-Allee
1979, Heimfahrt der Raketen, nach der Parade zum 30. Jahrestag der DDR
1964 - Staudamm an der Ankara bei Bratsk, Sibirien
1967 - Edward Lee Hubbard, 29 Jahre alt, Hauptmann, 26 Einsätze gegen Nordvietnam, abgeschossen am 20.7.1966 im Gefangenenlager „Hilton Hanoi"
1967 - Hanoi „Hilton Hanoi“, Korvettenkapitän Richard Allen Stratton, abgeschossen 5.1.196
1968 - Hanoi, Geburtenklinik im Keller des Krankenhauses mit Notbunker
1968 - Großbaustelle Berlin Alexanderplatz
1969 - Libyen, Gadafi und der ägyptische Präsident Nasser
1972 - Regierungsbesuch Fidel Castro - Erich Honecker
1972 - Hon Gai, Felsen-Klinik nach Bombenangriff
1972 - Felsen-Klinik in Hong Gai nach Bombenangriff
1972 - Wu Hoang 5 Jahre alt, wurde am 4.10.72 von einer amerikanischen Rakete getötet
1975 - Hanoi Doang Trang, 4 Jahre alt, staunt über den großen Ausländer-Fotograf
1979 - bei Lang Son an der Grenze zu China gefangene chinesische Kämpfer im chinesischen-vietnamesischen Krieg
1979 - 30-Jahresfeier der DDR, Festessen im ZK der SED Brechniew und E. Honecker
1979 - SU-Kosmonaut besucht DDR und seinen Flugpartner Sigmund Jaehn
1962 - Westberlin an der Grenze zu Ostberlin
1987 - Ost-Berlin
1962 - Kosmonauten-Besuch in der DDR, Gagarin und Terischkowa
1961 - Zentrum Havanna, Fidel Castros stundenlange Rede am Marti-Denkmal
1988 - Kindergarten-Sauna Ost-Berlin