Fotograf Thomas Billhardt hat schon immer das gemacht, was nicht erlaubt war

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Fotograf Thomas Billhardt hat schon immer das gemacht, was nicht erlaubt war

Vietnamkrieg, Kuba, Beirut—durch seine ikonischen Fotos ist Billhardt nicht nur in der DDR berühmt geworden. Uns zeigt er seine Stasiakte und erzählt von sexuellen Lockangeboten.
10.7.14

Thomas Billhardt ist wohl der goldigste und entspannteste ältere Mann, den ich je getroffen habe. Ich besuchte ihn in seiner hübschen Wohnung nahe dem Berliner Wannsee, wo er zusammen mit seiner Frau und seinem schwarzen, aus einem Tierheim geholten Zwergpudel wohnt.

Billhardt wurde 1937 in Chemnitz geboren. Als erwachsener Mann hat er es immer irgendwie geschafft, dem Würgegriff der DDR-Regierung zu entkommen und trotzdem das zu tun, worauf er Lust hatte: reisen und fotografieren. Als einer von ganz wenigen Fotografen reiste er durch das isolierte Kuba, durch Chile und Kambodscha. Und er fotografierte mehrere Male im Vietnamkrieg.

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Ihm kam es auch nie in den Sinn, einfach in einem der exotischen Länder zu bleiben—er sah es als seine Pflicht als Fotograf an, die Bilder auch wieder nach Hause zu bringen. Die Fotos, die Billhardt von seinen Reisen zurückbrachte, liefern einen intimen Einblick in das Leben der Leute während des Kriegs, der Besetzung und des Kommunismus in der Ära des Kalten Krieges—Dinge, die man noch nie zuvor gesehen hatte und die ihn weltberühmt machten. So arbeitete er auch weiter, bis die Mauer fiel.

Wir sprachen über seine Arbeit als Fotojournalist in der DDR (und was sich nach dem Fall der Mauer geändert hat), er zeigte mir seine Stasi-Akte und er erzählte mir, wie es war, ausspioniert zu werden.

Foto: Gergana Petrova

VICE: Wie kam es zu Ihrem ersten Karrieredurchbruch als Fotograf?
Thomas Billhardt: Das ist ganz einfach. Ich bin nicht auf die Oberschule gekommen, weil ich zu schlecht war. Meine Mutter war der Meinung, dass ich, bevor ich in den Westen gehen würde, einen Beruf haben sollte.

Meine ersten praktischen Erfahrungen habe ich später als Werksfotograf in einem Braunkohlewerk sammeln können. Es war ziemlich hart dort. Wahnsinnig dreckig. Trotzdem habe ich mir dort ein Labor aufgebaut. Ich habe die Toten fotografiert, sehr grausam. Die Leute hatten einen sehr vulgären Ausdruck dort, er war rau und böse. Dies war auch der Ort, an dem ich lernte, dass die Welt nicht die behütete Welt war, die ich von zu Hause kannte, da war ich 20.

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Später wurde ich an der Hochschule in Leipzig angenommen. Ich hatte schon viel praktische Erfahrung gesammelt, deshalb war ich dort sehr unzufrieden. Ich wollte etwas Nützliches machen. Der VDJ [Verband der Journalisten der DDR] schickte mich für Aufträge nach West-Berlin. Irgendwie habe ich immer das gemacht, was nicht erlaubt war.

Den ersten wirklich großen Auftrag bekam ich 1961, als ich eine Anfrage des VDJs für eine Reise nach Kuba bekam. Kuba war damals ein relativ übliches Ziel für Künstler und ich hatte keine politische Meinung. Zu diesem Zeitpunkt habe ich immer noch gedacht: „Sobald ich meinen Abschluss habe, haue ich ab.“ Ich war sehr begeistert von Kuba: die Frauen, das Temperament der Menschen und das Klima.

Hätten Sie jemals Interesse daran gehabt, für die Westpresse zu arbeiten? 
Nein, nie. Ich wäre auch noch in Kuba geblieben. Auf meiner Rückreise— wir machten einen Zwischenstopp in Kanada—stand am Flughafen die Tür zu „Migrations“ offen, und ich wusste, dass es bei uns die Mauer gab. Ich hatte Bilder aus Kuba, die die gesamte Welt interessierten. Bilder, die niemand zuvor gemacht hatte. Ich hätte einfach durch diese Tür schreiten, die Bilder bei Life veröffentlichen und eine Karriere im Westen starten können.

Moralisch wäre das aber für mich nicht vertretbar gewesen. All das, was ich erlebt hatte, wollte ich mit zurück in die DDR bringen und dort zeigen. So habe ich an Glaubwürdigkeit gewonnen, und das, ohne Teil irgendeiner Ideologie oder Partei zu sein. Das öffnete mir den Weg zu Reisen. Für meine Reisefreiheit sprach außerdem, dass ich verheiratet war, was die Stasi meiner Akte entnehmen konnte und welche sie stetig überwachte.

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Von wem kamen die meisten Aufträge? 
Die kamen aus der Presse und viele habe ich mir selber gesucht. Es gab auch einige vom Kulturministerium, für Ausstellungen. Es gab aber keinen Auftrag vom Zentralkomitee, von der Stasi sowieso nicht. Mein großer Durchbruch waren die Bilder über die gefangenen Piloten aus Vietnam, die um die ganze Welt gingen.

1967 - Hanoi, Dewey Wayne Waddrel, amerikanischer Bomberpilot in nord-vietnamesischer Gefangenschaft

Wie war es in Vietnam während des Kriegs?
Ich war in Vietnam, um als Fotograf für einen Dokumentarfilm über die amerikanischen Piloten zu fotografieren. Als ich die armen Kerle gesehen habe, taten sie mir sehr leid.

Ich war mehr als 10 mal im Krieg in Vietnam und das mit großer Angst, denn ich musste immer nah dran sein und es erleben. Den Tod und den Schrecken des Krieges. Ich hatte die Aufgabe, den Menschen den Krieg zu zeigen. Trotz Ratten, Allergien, Schlangen, dem Tod und dem Gestank von Verwesung, eben all dem, was der Krieg so mit sich bringt, habe ich mich immer für die Opfer eingesetzt, und ich hatte eine Aufgabe, welche es war zu dokumentieren. Ich habe alles selber durchgemacht und war nah dran, deswegen sind meine Bilder auch so glaubhaft und gingen um die Welt. Ich würde auch jetzt wieder in den Krieg, aber jetzt wollen sie mich nicht mehr, jetzt bin ich ja ein alter Mann.

Wie war es, als Journalist in der DDR zu arbeiten?
Meiner Meinung nach war der Sozialismus auf jeden Fall besser. In der Theorie ist er auf jeden Fall besser als alles andere, aber in der Praxis leider doch nur Utopie. Für mich war das Gesicht des Stasichefs Erich Mielke ein Inbegriff des Bösen: einer der miesesten Typen der Menschheit. Ich hatte Angst von ihm und musste aufpassen.

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Wurden Sie ausspioniert? 
Ja.

Wussten Sie das? 
Ja, natürlich. Ich habe alle meine Akten gelesen. Sie haben drei bis vier Mal versucht, mich zu nehmen und anzugreifen.

Wie zum Beispiel?
Auf allen Wegen. Ich wurde einmal auf einer Party von einer jungen Frau ins Bett gelockt, das hat mir Spaß gemacht, und sie fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, abzuhauen, da ich schon so viel gereist bin [lacht]. Bei ihrem nächsten Trick wollten sie mir ihren Volkswagen verkaufen.

1998 - Berlin Mauer

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?
Ich bin erst zwei Tage später rüber in den Westen gefahren. Es war sehr komisch. Es standen alle da und kuckten. Sie waren elegant gekleidet in Handschuhen und Hut, und dann sind wir Ossis, die Affen, gekommen [lacht].

Natürlich habe ich auch da fotografiert. Irgendwie konnte ich mir schon denken, dass wir nicht wirklich beliebt sein würden mit unseren stinkigen Trabants oder ich mit meinem Wartburg. Ich bin trotzdem froh, dass ich nicht abgehauen bin. Ich will aber auch nicht, dass dieses System wieder zurückkommt.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert? 
Ich habe angefangen, Werbefotos zu machen, Bilder, nach denen keiner mehr gefragt hat … und für eine Zeit habe ich für UNICEF gearbeitet. Dort habe ich mich wieder gefunden.

Die großen Zeitungen, die sonst meine Bilder immer sofort genommen haben, waren nicht mehr an dem Thema Armut interessiert. Das war nicht die Sensation, nach der sie suchten. Also musste ich mich umorientieren. Ich bin nach Sarajevo in den Krieg gefahren. Ich habe für den Stern fotografiert. Ich habe das Leben dokumentiert, wie es war. Ich habe ihnen dann die Bilder geschickt und die kamen prompt zurück.

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Letztendlich kam die Reportage mit fast den gleichen Bildern, die ich gemacht habe, außer dass da eine Leiche lag. Ich habe diesen toten Körper aber nicht fotografiert, um die Sensationsgier zu befriedigen. Ich fotografiere, wenn es eine Beziehung gibt, in die man sich reinversetzen kann. Die Fotografen, die dort lebten, wollten das Foto machen, welches sofort das große Geld bringt. Sie hofften darauf, dass eine Rakete in der Nähe einschlägt, um dann die Leichenberge fotografieren können.

1979 - Hanoi

1975 - Straße Hanoi, Ho Chi Minh-Stadt, Südvietnam

1977 - Beirut, Grundschule in einem Palästinenser-Lager

1979 - 30-Jahre-DDR-Parade auf Karl-Marx-Allee

1979, Heimfahrt der Raketen, nach der Parade zum 30. Jahrestag der DDR

1964 - Staudamm an der Ankara bei Bratsk, Sibirien

1967 - Edward Lee Hubbard, 29 Jahre alt, Hauptmann, 26 Einsätze gegen Nordvietnam, abgeschossen am 20.7.1966 im Gefangenenlager „Hilton Hanoi"

1967 - Hanoi „Hilton Hanoi“, Korvettenkapitän Richard Allen Stratton, abgeschossen 5.1.196

1968 - Hanoi, Geburtenklinik im Keller des Krankenhauses mit Notbunker

1968 - Großbaustelle Berlin Alexanderplatz

1969 - Libyen, Gadafi und der ägyptische Präsident Nasser

1972 - Regierungsbesuch Fidel Castro - Erich Honecker

1972 - Hon Gai, Felsen-Klinik nach Bombenangriff

1972 - Felsen-Klinik in Hong Gai nach Bombenangriff

1972 - Wu Hoang 5 Jahre alt, wurde am 4.10.72 von einer amerikanischen Rakete getötet

1975 - Hanoi Doang Trang, 4 Jahre alt, staunt über den großen Ausländer-Fotograf

1979 - bei Lang Son an der Grenze zu China gefangene chinesische Kämpfer im chinesischen-vietnamesischen Krieg

1979 - 30-Jahresfeier der DDR, Festessen im ZK der SED Brechniew und E. Honecker

1979 - SU-Kosmonaut besucht DDR und seinen Flugpartner Sigmund Jaehn

1962 - Westberlin an der Grenze zu Ostberlin

1987 - Ost-Berlin

1962 - Kosmonauten-Besuch in der DDR, Gagarin und Terischkowa

1961 - Zentrum Havanna, Fidel Castros stundenlange Rede am Marti-Denkmal

1988 - Kindergarten-Sauna Ost-Berlin