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Mode

Wir haben Goths im Amazonasgebiet gefunden

Sie durchstreifen die Hauptstadt des Amazonas in schweren schwarzen Miedern, klobigen schwarzen Stiefeln und Unmengen von Eyeliner, womit sie die Sonne anziehen wie düstere Solarkollektoren.

von João Paulo Machado und Marie Declercq
16 Juli 2015, 4:00am

Alle Fotos von João Paulo Machado

Die Goths von Manaus leiden wirklich für ihre Kunst. Sie durchstreifen die Hauptstadt des Amazonas in schweren schwarzen Miedern, klobigen schwarzen Stiefeln und Unmengen von Eyeliner, womit sie die Sonne anziehen wie düstere Solarkollektoren. Ich war so fasziniert von ihrer Entschlossenheit, an einem Ort, an dem die Jahresdurchschnittstemperatur 26 Grad beträgt, Goth zu bleiben, dass ich ein paar von ihnen ausfindig gemacht habe.

Ich fand den 41-jährigen Tierpfleger Lúcio Ruiz, als er an einem erdrückend heißen Freitagabend im Parque dos Bilhares abhing. Ruiz entdeckte vor Jahren Head In The Door von The Cure. Fasziniert von Robert Smiths rotem Lippenstift, verwischtem Augenmakeup und zerzaustem Haarnest, fing er an, die Subkultur der Goths zu recherchieren.

„Ich habe diesen Song gehört und angefangen, mich zu fragen, worum es da ging. Wo hingen Leute wie Robert Smith ab? Dann sah ich mir Edward mit den Scherenhänden und Bram Stoker's Dracula an. Schließlich haben ich und ein paar andere Leute gewissermaßen unsere eigene Szene gestartet. Wir fingen an, uns Vincent van Goghs Kunst anzusehen, die Gedichte von Casimiro de Abreu zu lesen, und bevor wir uns versahen, wurden wir immer zahlreicher", sagte er. Ruiz betreibt heute auch „Bela Lugosi is Dead"—eines der wenigen Events in Manaus, das die Goth-Kultur feiert.

Lúcio Ruiz

Lúcio war in Begleitung seiner Frau, der 28-jährigen Cristiane Ruiz. Als sie einander kennenlernten, war sie eine traditionelle Forró-Tänzerin. Erst viel später verliebte sie sich in die Gothic-Mode und -Musik. „Ich dachte früher, das ist nichts für mich. Ich hielt es für zu traurig und ein bisschen zu dumm. Lúcio und ich haben uns früher deswegen viel gestritten, aber nach und nach fing ich an, es zu verstehen", sagte sie.

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Viele der Leute, die ich interviewt habe, sahen sich selbst nicht als hundertprozentige Goths, was mich zu dem Schluss brachte, dass das Goth-Sein wohl mit einer gewissen Portion Bescheidenheit einhergeht. „Es wäre ein bisschen zu viel, mich als Goth zu bezeichnen, aber ich unterstütze die Szene seit 2000. Ich kann nicht fassen, dass es schon 15 Jahre sind", fuhr Cristiane fort.

Luciana Silva und ihre Schwester (deren Namen wir nicht mitbekommen haben)

Die Goth-Szene von Manaus wird, genau wie ähnliche Szenen auf der ganzen Welt, von manchen mit Satanismus, Schwarzmagie, Drogen und Mord in Verbindung gebracht. Das könnte auch erklären, warum so viele zögern, sich selbst als Goths zu bezeichnen. Eine schnelle Internetsuche mit den Stichwörtern „Goth" und „Manaus" führt zu einer Reihe von Artikeln aus der Boulevardpresse, in denen die Subkultur mit Morden und seltsamen Ritualen in Verbindung gebracht wird. „Das hat innerhalb unserer Familien und auch in der gesamten Gemeinschaft zu Problemen geführt. In einer Stadt wie unserer, in einer Provinz, die sich noch in der Entwicklung befindet, haben die Leute gewisse Vorurteile", sagte Lúcio.

„Niemand scheint zu verstehen, dass man Goth sein und trotzdem seine Miete und seine Steuern rechtzeitig zahlen kann", ergänzte er. „Sie verstehen nicht, dass es Leute sein können, die Kinder großziehen, die arbeiten und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Wir sollten uns nicht mit solchen Vorurteilen plagen müssen."

Luciana Silva

Abgesehen von den Vorurteilen gibt es noch eine Sache, die den brasilianischen Goths das Leben in Düsternis schwermacht: die Luftfeuchtigkeit. Keine Frisur und kein Make-up-Look kann ihr standhalten.

Lúcio brauchte drei Jahre, um sich daran zu gewöhnen, im tropischen Klima von Manaus Gothic-Outfits zu tragen. „Die Hitze ist etwas, das unserer Philosophie und unserem Style entgegensteht, da beides aus kälteren Klimazonen stammt", sagte er. „Aber es gibt Mittel und Wege, mit der Hitze umzugehen. Man muss sehr viel Wasser trinken."

„Die meisten unserer Veranstaltungen finden nachts statt, wenn es ein bisschen kühler ist, sodass wir Kleidung tragen können, die ein bisschen aufwändiger ist", sagte seine Freundin Valéria Smith.

Eine weitere Goth namens Luciana Silva, mit einem Zylinder auf ihren sorgfältig geformten Locken, rief: „Die Hitze ist heftig, aber sie ist normal. Sie hält mich nicht davon ab, mich so zu kleiden, wie ich will."

Doch für Cristiane ist es nicht ganz so einfach: „Meine Mutter und meine Schwestern mögen das Ganze kein bisschen. Sie finden es seltsam, dass ich mich so anziehe, wenn es heiß ist."

Im Grunde fungiert das Klima der Stadt wie eine Art natürliche Auslese: Alle, die den Lebensstil nicht ernst nehmen, sind sofort wieder raus. „Es ist nur was für Leute, die unsere Kultur wirklich annehmen und die wirklich Goths sein wollen", sagte Lúcio.

Anders als in São Paulo, wo Goths in Geschäften wie Galeria do Rock einfachen Zugang zu Kleidung und Accessoires haben, müssen Goths in Manaus ihre eigenen Stylisten sein. Lúcio und Cristiane sehen sich in Second-Hand-Läden nach Sachen um oder passen Stücke selbst an.

Lucianas Schwester (deren Name uns entgangen ist), Luciana und Angel

Die 21-jährige Angel Lorrane ist ein großer Fan von DIY: „Ich kaufe manche meiner Sachen und andere mache ich selbst. Ich lebe nicht von Modedesign, aber ich erschaffe gerne meinen eigenen Stil."

Die Stadt hat nicht viele Events für Fans von EBM, Synth-Pop, Dark Wave oder Post-Punk, doch wenn mal eines stattfindet, dann kommen die Leute aus ihren Verstecken hervor. „Wir machen Events, die Leute aus den Punk-, Thrash-Metal- und Black-Metal-Szenen anlocken. Anfangs wirken sie zurückhaltend. Erst wenn sie jemanden sehen, den sie kennen, erlauben sie es sich, die Musik zu genießen, die gerade gespielt wird. Manaus muss musikalisch noch reifen—die Leute müssen verstehen, dass alle ihren eigenen Geschmack haben, und die Szenen der anderen respektieren", sagte Lúcio.

Luciana, Angel, Murilo, Cristiane, Val Smith und Lucianas Schwester

Es sieht so aus, als seien diese kleinen schwarzen Punkte fest entschlossen, weiter überall in Manaus aufzutauchen, und die gesellschaftlichen, klimatischen und territorialen Hindernisse zu überwinden. „Ich würde gerne mit einem Zitat von Lupicíno Rodriguez enden", sagte Lúcio am Schluss des Interviews. „‚Es gibt Menschen, die verlassen den Himmel, weil er dunkel ist, und so suchen sie das Licht in der Hölle.' Das Zitat ist sehr Goth, dabei stammt es aus einem Samba-Song aus den 1950ern. Es kommt immer darauf an, welche Interpretation der Kunst wir alle wählen."