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„Wir wissen genau, dass wir null Kontrolle über die Situation haben“

Nach dem Anschlag auf die iranische Botschaft gestern in Beirut fürchten viele Libanesen die Reaktion der Hisbollah. Nur die Christen des Landes sind zu kriegsmüde, um sich um die Eskalation zu kümmern.

von Matern Boeselager
20 November 2013, 5:25pm

Foto von Sam Tarling

Am Dienstag wurde die iranische Botschaft in Beirut von Selbstmordattentätern angegriffen, dabei starben mindestens 23 Menschen. Obwohl die iranische Regierung die „Zionisten und ihre Söldner” für den Angriff verantwortlich gemacht hat, ist deutlich wahrscheinlicher, dass der Angriff etwas mit der Rolle des Iran im syrischen Bürgerkrieg zu tun hat. Die Iraner unterstützen den syrischen Präsident Baschar al-Assad im Kampf gegen die meist sunnitischen Rebellen—dabei bedienen sie sich vor allem der Kämpfer der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah, die an mehreren entscheidenden Siegen gegen die Rebellen in Syrien beteiligt war. 

Mittlerweile hat sich auch ein libanesischer al-Qaida-Ableger namens Abdullah-Azzam-Brigaden auf Twitter zu dem Anschlag bekannt und den Abzug aller iranischen Kämpfer (also vor allem der Hisbollah) aus Syrien gefordert. Ich habe meinen Freund Jose angerufen, um herauszufinden, wie angespannt die Lage im Moment ist.

Hey Jose, wie ist die Stimmung in Beirut?

Gestern war verrückt. Es ist ja mitten in Beirut passiert, in Jnah, und jetzt sind 23 Menschen tot. Das waren zwei Selbstmordattentäter. Das ist das erste Mal seit Langem, dass wir hier Selbstmordattentäter sehen. Jetzt haben alle Angst, dass es hier öfter passiert und dass der Krieg in Syrien zu uns herüberkommt. Ich glaube, die Einzigen, die das gewesen sein können, sind syrische Rebellen. Das ist eine Vergeltungsmaßnahme gegen die Einmischung der Hisbollah im syrischen Krieg, auf der Seite des Regimes. 

Spekulieren die Leute darüber, wie die Hisbollah reagieren wird?

Alle haben jetzt Angst vor der Reaktion der Schiiten. Das letzte Mal war ihre Reaktion auf den Bombenanschlag in Dahiyeh [am 15. August starben 27 Menschen bei einem Anschlag in dem schiitisches Viertel und Hauptsitz der Hisbollah] ja auch viel heftiger als die Provokation. Die haben haben dann einen Anschlag in Tripoli gemacht, mit zwei Explosionen. Zwei Explosionen sind fies. Wenn du zwei machst, heißt das, dass du echt viele Menschen umbringen willst. 

Der Anschlag auf eine sunnitische Moschee in Tripoli fand am 23. August statt, kaum eine Woche nach dem in Dahiyeh. Bei den beiden Explosionen starben 40 Menschen. 

Wir wissen natürlich nicht, ob sie es wirklich waren, aber es ist schon ziemlich wahrscheinlich. Also haben wir Angst, dass das jetzt hier öfter passiert. Die Hisbollah ist bekannt dafür, dass sie nicht bellt. Die bellen nicht, sondern bleiben ruhig, bis sie wirklich zuschlagen wollen. Und dann passiert was Schlimmes. 

Was, glaubst du, wird jetzt passieren?

Na ja, das ist es ja. Keiner weiß es. Die Reaktion könnte verheerend sein, vielleicht unternehmen sie aber auch gar nichts, weil sie die Lage beruhigen wollen. Der Ball ist auf jedem Fall im Feld der Schiiten. 

Die andere Seite will Beirut zerstören, das ist offensichtlich. Jetzt müssen die Schiiten sagen, ob sie dem trotzen wollen, oder ob sie es eher vermeiden wollen. Vielleicht antworten sie auch nicht hier, sondern in Syrien. Die sind da ja immer noch stark. Wie gesagt, letztes Mal haben sie innerhalb einer Woche zurückgeschlagen. Wir wissen nicht, was jetzt passieren wird, und jetzt wird auch noch der Unabhängigkeitstag gefeiert … es ist ein einziges Chaos.

Was sagen denn deine Freunde dazu?

Ich habe noch nicht mit so vielen Leuten darüber geredet, aber auf Facebook habe ich was Interessantes gesehen. Ein Freund von mir hat gepostet, wie schockiert er über die Reaktion der Libanesen ist. Auf seinem Blog schreibt Gino das auch ganz gut:

„Heute war niemand überrascht, niemand empört, niemand bestürzt, niemand hatte Angst und niemand machte sich Sorgen … Heute sind nur die Verletzten, ihre Familien und die Familien der Toten wirklich betroffen … Der Rest der libanesischen Gesellschaft wird weitermachen wie immer, sogar in dem Viertel. Früher empfand ich genau das mal als positiv, etwas, das es den Libanesen erlaubte, weiterzumachen und trotz des täglichen Horrors durchzustehen. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Es kann nicht gesund für eine Gesellschaft sein, im Angesicht solchen Grauens so unbeeindruckt zu sein.“

Glaubst du, er hat recht? Sind die Libanesen wirklich so unbeeindruckt?

Ja, das stimmt schon. Er spricht auf jeden Fall für so circa die Hälfte der Christen hier.

Was sagen denn die Christen zu den Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten? Haben sie das Gefühl, dass es sie nichts angeht?

Um ehrlich zu sein, ja. Eigentlich redet da niemand wirklich drüber. Also, man sagt: „OK, schade, das ist wohl passiert.” Aber wir fühlen uns nicht mehr betroffen davon. Es ist nicht wie 2005, wo wir wirklich das Gefühl hatten, dass die Maroniten das Ziel waren. Im Moment fühlen wir uns nicht wirklich als Ziel. Gestern habe ich mit meinem Onkel kurz darüber geredet, und er meinte auch, dass uns das als Christen nicht wirklich was angeht. Also als Libanesen schon, aber als Christen nicht.

Aber trotzdem müssen die Christen sich doch auch über den Ausgang Sorgen machen.

Na ja, sie wissen, dass sie absolut keinen Einfluss haben über das, was passieren wird. Wir wissen genau, dass wir null Kontrolle über die Situation haben.

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