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Popkultur

Sexy trotz Schleier

Auch der Hidschab bietet keinen Schutz davor, zum Objekt degradiert zu werden. Einer Studie der UN zufolge, haben 99 Prozent der ägyptischen Frauen sexuelle Belästigungen erlebt, obwohl die meisten von ihnen ihren Kopf bedecken.

von Angelina Fanous
11 März 2014, 11:47pm

Foto von E. Hanazaki Photograp

Im Dezember veröffentlichte die Universität Michigan die Ergebnisse einer Umfrage, in der Frauen und Männer aus dem Nahen Osten u. a. danach gefragt wurden, welche Kleidung ihrer Ansicht nach für Frauen in der Öffentlichkeit angemessen sei. Die Teilnehmer der Umfrage konnten zwischen verschiedenen Formen muslimischer Kopfbedeckungen wie Burka, Tschador und Niqab wählen. Es zeigte sich, dass Leute aus konservativeren Ländern wie Saudi-Arabien und Pakistan im Allgemeinen den gesichtsverhüllenden Niqab bevorzugten, während die meisten Ägypter, Tunesier, Türken und Iraker sich für den traditionellen Hidschab entschieden, der nur das Haar bedeckt.

Die Ergebnisse sind keine große Überraschung, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Frauen und Männer zumeist die gleichen Präferenzen hatten. Obwohl muslimische Kopfbedeckungen im Westen häufig mit der Unterdrückung von Frauen gleichgesetzt werden, betrachten viele Musliminnen den Hidschab—ein Allgemeinbegriff für alle Arten von traditioneller Kopfbedeckung—als Ressource für Selbstbestimmung und Autonomie.

Shereen El Feki, Autorin von Sex und die Zitadelle: Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt, glaubt, dass junge muslimische Frauen sich verhüllen, um unabhängiger von ihren Eltern zu werden. „Sie meinen, dass ihre Eltern dann glauben, dass sie gute muslimische Mädchen sind. Sie dürfen vielleicht reisen, kommen herum und genießen möglicherweise mehr Mobilität.“

Einem weiteren Irrglauben zufolge werden Kopftücher stets aus sittlichen Gründen getragen. „Die Frauen mit Hidschabs, die ich für mein Buch interviewt habe, haben sexuelles Verlangen“, so Shereen. „Frauen tragen aus den verschiedensten Gründen Hidschab, nicht nur, um sich zu entsexualisieren.“

Natürlich bietet der Hidschab keinen Schutz davor, zum Objekt degradiert zu werden. Einer Studie der UN zufolge, die letzten Sommer im Internet kursierte, haben 99 Prozent der ägyptischen Frauen sexuelle Belästigungen erlebt, obwohl die meisten von ihnen ihren Kopf bedecken.

Shereen beschreibt in ihrem Buch junge Ägypterinnen, die gewöhnlich ihre Haare, den Hals und die Schultern bedecken, was sie jedoch nicht daran hindert, im Zentrum von Kairo auf Stöckelschuhen, mit Make-up und engen Jeans herumzulaufen. „Sie sind wie fantastische Paradiesvögel“, meinte sie. „Einerseits versuchen sie, sich an das zunehmend konservativer werdende Klima anzupassen, und andererseits möchten sie als junge Frauen attraktiv wirken.“

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fashion issue 2014
Jahrgang 10 Ausgabe 2