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Wie fühlt es sich wirklich an, mit einer Prostituierten Sex zu haben?

Der wohl bekannteste Rotlicht-Blogger der Welt erklärt euch, wie man Sex mit Prostituierten hat und welche Erfahrungen man im Bordell so sammeln kann.
18.3.14
Illustration eines Mannes, der gerade eine Prostituierte anspricht, um mit ihr Sex zu haben

Kürzlich habe ich eine Webseite namens The Amsterdam Diaries (Update: Die ursprüngliche Seite ist offline, hier gibt es eine Nachfolgeseite) gefunden. Anfangs wirkte sie wie die Chroniken der Rotlichtviertelbesuche eines gruseligen, einsilbigen Idiotens. Aber bei genauerem Lesen stellte ich fest, dass es mit der Seite mehr auf sich hat, als bei den vielen anderen im gleichen Stil. Der Autor wirkt politisch, seine Geschichten sind recherchiert und gleichzeitig ist der Stil voller Finesse.

Da der Autor des Blogs relativ wohlhabend ist und die schöneren Dinge des Lebens genießt, liest der Blog sich etwas wie American Psycho, wenn Bret Easton Ellis die Psychopathie abgemildert und Patrick Bateman seine Äxte abgenommen hätte. Zum Beispiel: „Jetzt, da ich bekleidet bin, fühle ich mich bereit. Beschuht und gut angezogen zu sein fühlt sich gut an. Es wird Magie sein, wenn ich eine Pussy finde, die mir so passt wie meine Schuhe. Ich habe ein Fick-Budget, das eine nievertrocknende Quelle ist. Ich bin körperlich sehr fit. Wenn ich noch fitter werde, wird mich die Regierung wahrscheinlich versteuern."

Der Blog zieht etwa 100.000 Besucher im Monat an und ist, in den Worten des Autors, „wahrscheinlich die am extensivsten dokumentierte Erforschung der Transaktion und Beziehung zwischen Prostituierten und Klienten."

Mit dieser Aussage im Hinterkopf kontaktierte ich den anonymen Autor, der—nach einigem gut zureden—zustimmt, sich mit mir zu treffen, solange ich nichts über seine Identität oder seinen Wohnort verrate, denn „wenn irgendwelche Klatschzeitungen oder feministische Journalisten mich finden, könnten und würden sie alles tun, um mein Leben verdammt mies zu machen". Um seines Lebens willen nennen wir ihn also Mister X.

Der Fakt, dass er ein guter Schriftsteller mit tiefgreifendem Interesse in seinem Feld ist, macht ihn natürlich zu keinem Heiligen. Aber für mich macht ihn das interessanter, als den durchschnittlichen Amsterdam-Touristen; diese Typen, die ihr ganzes Geld für Gras, hässliche Aschenbecher und Sex mit so vielen Frauen, wie ihre Heineken-gefüllten, halbohnmächtigen Penisse erlauben, ausgeben.

Hier ist eine gekürzte Version unseres Gesprächs.

VICE: Also, was kannst du mir über dich erzählen?
Mister X: Arbeiterklasse. Universität, Politik. Hochqualifizierter Job. Zu früh geheiratet. Geschieden.

Okay. Warum hast du angefangen, Sex-Arbeiter zu besuchen?
Keine logische Erklärung, kein Durchdenken der Sache, keine Planung, kein sexueller Appetit, der gestillt werden musste. Eines Abends an einem Strand fragte ich mich, „Was verdammt machst du hier draußen um acht Uhr in der Nacht vor Weinachten?" Ich mitten in einer Scheidung und nicht in der Laune für Weinachten. Dies führte zu dem Entschluss, dass ich die warme weibliche Nähe benötige, und wenn sie etwa 25, unfassbar schön und japanisch sein könnte—der Einfluss von Pornographie schätze ich—wäre das auch sehr gut. Ich rationalisierte, dass das wahrscheinlich nie passieren würde, außer, ich würde dafür bezahlen.

Also bist du nach Amsterdam gegangen.
Ja. Ich hatte verdammt viel Spaß in diesem Umfeld, als Mann, der für den größten Teil des Jahres keinen Sex hatte. In den nächsten sechs Wochen bin ich noch ein paar Mal dorthin zurückgekehrt. Die kurzen, direkten sexuellen Erfahrungen waren sehr angenehm, aber nicht das, wonach ich suchte. Ich wollte eine intimere Erfahrung als den trockenen Sex, den die Fenster anboten. Ich wollte gerade aufhören, als ich eine lebensverändernde Erfahrung machte. Ich besuchte eines Nachmittags ein dänisches Mädchen und hatte eine echte Girlfriend-Erfahrung.

Was ist das?
Der Sex passiert über eine längere Zeit, beinhaltet viele, sehr intime sexuelle Akte und, wichtig für mich, küssen. Eine echte Girlfriend-Erfahrung mit einer Prostituierten kann um einiges erregender sein, als mit manch einer echten Freundin. Ich machte es mir zum Ziel, diese Erfahrung so oft wie möglich wieder zu durchleben. Du kannst nicht einfach im Rotlichtbezirk Amsterdams auftauchen, ein Puff betreten und dasselbe erwarten, was ich gerade beschrieben habe. Aber es passiert. Manchmal muss ich ein Mädchen über mehrere Besuche verführen, bevor wir so eine Verbindung aufbauen können.

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Ist es schwer, nicht zu emotional involviert zu werden?
Ich fand es tatsächlich schwer, als ich damals anfing, das Rotlichtviertel zu besuchen; ich machte den Fehler, zu denken, sie würden mich für einen besonderen Kunden halten. Aber da bin ich rausgewachsen. Ich verliebe mich nicht. Logisches Denken diktiert, dass dies eine gute Umgebung für eine echte Girlfriend-Erfahrung ist, aber nicht, um eine Freundin zu finden.

Warum hast du angefangen, über deine Erfahrungen zu schreiben?
Ich schrieb über ein paar Jahre, bevor ich in Amsterdam ankam, ein detailliertes Tagebuch. Bis zur Scheidung. Ich benutzte es, um den emotionalen, chaotischen Sturm rauszulassen, der in meinem Kopf vorging. Als ich anfing, Bordelle zu besuchen, machte ich einfach weiter.

Kommen die Texte auf deiner Seite von dir oder eher von einem Charakter, den du kreiert hast? Die Texte wirken teils wie von Patrick Bateman geschrieben.
Naja, es ist eine Version von mir—ein erweiterter Charakter. Ich steuere absichtlich immer, wann ich kann, in Richtung Humor. Ein großer Teil davon ist gegen mich selbst gerichtet, denn ich weiß, das ich manchmal ein Idiot bin. American Psycho ist das einzige Buch, bei dem ich mich geschämt habe, es zu besitzen und gelesen zu haben. Ich hab es im Garten verbrannt.

Wirklich? Wieso?
Es ist eine Weile her, also erinnere ich mich nicht klar an den Inhalt—aber die Szene, in der eine Ratte durch die Vagina eines Mädchens geschickt wird, habe ich noch bildlich vor Augen. Im Endeffekt war aber gerade die Gewalt so extrem, dass ich nicht wollte, das jemand denkt, sie würde mich in irgendeiner Weise unterhalten; meine Kapazität, zu analysieren, wie die Dinge falsch laufen könnten, ist immens. Darauf folgend war es die beste Entscheidung, das Buch zu verbrennen. Dann kam es aber zu dem Problem, die Asche und die verbrannten Stellen auf dem Rasen zu erklären.

Was nimmst du aus diesen Erfahrungen mit, was du nicht auch bei Dates oder in Beziehungen bekommen kannst?
Ich habe keine Gelegenheit für Dates oder Beziehungen. Ich treffe keine Frauen, an denen ich interessiert bin; ich habe absolut kein Interesse an Frauen in meinem Alter. Es gibt diese Annahme, dass, wenn ein Paar in einer Beziehung ist, der Sex wunderbar laufen muss. Die Wahrheit ist, es gibt alle möglichen Arten sexueller Probleme in Langzeitbeziehungen. Ein Faktor ist, dass ein Mann eine Prostituierte nach Dingen fragen kann, die einen Schatten über jede Beziehung werfen würden, wenn der Partner nicht mitmachen will. Eine Prostituierte wird einfach ja oder nein sagen, und das ist das Ende der Geschichte.

Bist du sexsüchtig?
Natürlich nicht. Es ist unglaublich, wie oft diese Frage auftaucht, wenn es um Prostitution geht. Wenn ein Mann jede zweite oder dritte Nacht mit seiner Frau Sex hat, wird das als normal und gesund gesehen. Ein anderer Typ hat jede Nacht Sex mit seiner Frau und wird als Sexmaschine bezeichnet, aber immer noch als normal gesehen. Ein anderer Typ wieder besucht alle paar Wochen ein paar Prostituierte und ist dann plötzlich sexsüchtig.

Wie viel glaubst du, hast du für Sex ausgegeben?
Wenn ich alles zusammenzähle, ist es schmerzhaft. Insgesamt ist es echt viel Geld, bei den jeweiligen Besuchen aber kann ich es mir locker leisten—es ist Geld, das ich zum Ausgeben habe. Es gibt ein Mädchen, für das ich gerne 400 Euro für zwei Stunden ausgebe.

Da du ein regelmäßiger Besucher bist—hattest du jemals schlimme Erfahrungen im Rotlichtviertel?
Nein, aber ich würde es wohl eh nicht mitbekommen, denn es würde—theoretisch—hinter geschlossenen Vorhängen passieren. Manchmal stelle ich den Mädchen genau diese Frage, und die meisten Mädchen sagen einfach Nein. Die Mädchen haben sehr ausgefeilte Wege, mit Männern umzugehen, und ich gehe davon aus, das sie sich um die meisten Probleme schon kümmern können, bevor sie überhaupt passieren.

Ich glaube, ein Job im Öffentlichen Nahverkehr ist risikoreicher als als Fenstermädchen in Amsterdam. Sind dir jemals die vielen Schilder in Flughäfen, in Banken und in Jobcentern aufgefallen —„Aggressives Verhalten und Gewalt gegenüber unseren Mitarbeitern wird nicht toleriert"? Schlechte Dinge passieren in der Prostitution genau so wie in jedem anderen Job auch. Leider werden sie immer hochgespielt, um als Grund, die Prostitution zu stoppen, benutzt zu werden.

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Du sagst „feministische Ideologien versklaven den gesunden Menschenverstand und objektive Analyse", unterstützt aber auf anderen Teilen der Seite „positivem Feminismus". Kannst du deine Beziehung zum Feminismus erklären?
Was Gleichstellung der Geschlechter angeht, bin ich komplett dabei. Allerdings ist moderner Feminismus eine Litanei an Beschwerden, angefacht durch Beobachtung der Welt durch ein feministisches Prisma—und damit habe ich Probleme. Er ist außerdem beherrscht von Mittelklassenelitismus, bei dem eine kleine Anzahl an Frauen sich in Dinge reinsteigern, die nur einer kleinen Anzahl an Frauen etwas bedeuten. Die Ideologie verlangt, das Frauen bei jeder Gelegenheit als Opfer dargestellt werden. Sie werden immer gezwungen, unter Druck gesetzt oder verführt. Den Feministinnen nach sind Frauen unfähig, rational zu denken und objektiv Entscheidungen zu treffen. Und wenn keine weiblichen Opfer existieren, gehen die Feministinnen raus und kreieren sie.

Ich kann nicht anders, als junge Frauen, die Grund zum Aktivismus haben—wie Malala Yousafzai mit der Schulen für Mädchen in Pakistan, oder Fahma Mohamed mit weiblicher Genitalverstümmelung—mit Feministinnen vergleichen, die Kampagnen für ein Frauengesicht auf einem Geldschein oder gegen Brüste in Magazinen führen. Ich bin sehr deutlich damit, wer von den beiden die Welt zu einem besseren Ort machen will. Dann gibt es noch die irren Gruppen mit Paradeaussagen wie, „Prostitution ist Gewalt gegen Frauen," und „Prostitution ist ein Ausdruck des puren Hasses gegen Frauen." Dieser Kram ist aggressiver, giftiger Nonsens. Abgesehen davon, auszudrücken, wie sehr manche Frauen für oder gegen Prostitution sind, machen diese Aussagen keinen Sinn.

Was sagst du zu den Leuten, die sagen, Prostitution kann nicht ohne Menschenhandel existieren?
Ich fragte mich, wann die Halt-dich-da-raus Frage auftaucht. Das Problem ist, wie Prostitution mit Menschenschmuggel, Menschenhandel und Sexhandel vermischt wird, um eine Antiprostitutionsagenda zu unterstützen. Zuletzt stimmte die EU ab, den Mitgliedsstaaten zu empfehlen, das schwedische Modell anzunehmen, bei dem Prostitution als legal und der "Kauf" von Sex als illegal angesehen wird—obwohl interessanterweise die schwedische Regierung nicht beweisen kann, dass ihre Gesetze den gewollten Effekt haben.

Ich sollte mir hier wirklich auf die Zunge beißen, aber ich glaube, ich werfe eine Analogie rein. Schlechte Dinge passieren im Kontext der Prostitution, aber das macht Prostitution nicht schlecht. Schlechte Dinge passieren im Leben. Wenn es keine Autos gäbe, dann gäbe es auch keine Toten durch Autounfälle. Wenn es keine Messer auf der Welt geben würde, gäbe es auch keine Messerdelikte. Prostitution erhält eine Sonderbehandlung—nicht, weil es etwas besonderes ist, sondern weil es Leute gibt, die—auf moralischer, persönlicher Eben—mit Prostitution ein Problem haben.

Okay, Mister X. Vielen Dank, dass du mit mir geredet hast.

Illustrationen: Craig 'Questions' Scott