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Architecture-Porn: 25 Millionen Euro, damit St.Pauli urban bleibt

Der Bunker auf St. Pauli soll bebaut und bepflanzt werden, um Kulturinteressierte zu begeistern. Macht man hier aus dem Hamburger Lebensgefühl eine Marke und schenkt sie einem Investor und verhindert eine glatte Eye-Candy-Ästhetik das Nachdenken über...

Daniel Sigge

Daniel Sigge

Fotomontage: Planungsbüro Bunker

Hamburg und Investoren—diese Kombination hat in Hamburg eine lange Geschichte. Von dem Abriss der Esso-Tankstelle und der Bar Molotow für modernen Wohnungsbau auf der Reeperbahn über das Projekt, eine Seilbahn für Touristen über die Elbe zu bauen, bis zu dem Plan, Olympia in Hamburg stattfinden zu lassen—die Hamburger mussten in den letzten Jahren schwere Wege gehen. Viele haben viel protestiert und sich oft gegen einen neuen Tourismus-Magneten entschieden.

Im April steht neben der Versteigerung der Immobilie über dem Golden Pudel Club eine weitere Entscheidung an, die die alternative Stadtkultur Hamburgs verändern kann. Das anstehende Projekt ist jedoch komplexer zu betrachten als zum Beispiel der Abriss der Esso-Häuser. Seit über einem Jahr wird ein Umbau des Flakturms auf St. Pauli geplant, der den meisten als Bunker und Spielort des Uebel & Gefaehrlich bekannt ist. Momentan ragt das aus der Nazizeit zu Verteidigungszwecken gebaute heutige Denkmal noch mit über 30 Metern Höhe über den umliegenden Gebäuden.

Ein Dachgarten mit begrünter Zugangsrampe soll auf dem Bunker entstehen. Eine grüne Oase für alle gestressten Großstädter also. Das Beteiligungsprojekt Hilldegarden spricht auf seiner Website mit klarem Design und grüner Schrift den urbanen und modernen Stadtbewohner an. Eine Grafik zeigt Interessierten die Beteiligten und deren Rolle innerhalb des Projektes und in mehreren Veranstaltungen stellte sich das Planungsbüro Bunker und die Gruppe Hilldegarden den Fragen der Bürger und der Politik.

Hinter dem Dickicht aus frischem, aber noch digitalem Laub finden sich fünf geplante Stockwerke, die auf dem Bunker gebaut werden sollen. Im Inneren wartet unter anderem eine vor allem für Sportveranstaltungen gedachte Mehrzweckhalle mit bis zu 2.200 Plätzen, mehrere Gästezimmer, ein Fitnesstudio und Platz für Gastronomie. Aber ganz weit vorn steht der neue, begrünte Betondaumen Hamburgs.

Fotomontage: Planungsbüro Bunker

Die 3D-Modelle muten wie ein gewaltiges Rückeroberungsprojekt der Natur an: Ein grüner Großstadtdschungel in luftiger Höhe. Was das Ganze kosten soll? Nichts. Zumindest nicht die Stadt. Der Investor des Projekts ist der Unternehmer Thomas Matzen, der als Anleger in Hamburg viele Unternehmen unterstützt hat und das Gebäude schon zu dem gemacht hat, was es heute ist. Er möchte die geschätzten Kosten von rund 25 Millionen Euro selbst tragen—und die Stadt Hamburg kommt ihm entgegen. 2,56 Millionen Euro an neuer Pacht sollen ihm erlassen werden, damit er das Gebäude bis zum Jahr 2093 weiternutzen kann—unter der Bedingung, eben öffentliche Flächen zu schaffen.

Der Projektbeauftragte Robin Houcken erklärt VICE, dass das Gästezimmerkonzept und die Mehrzweckhalle das 200.000 Euro im Jahr kostende Grünprojekt mitfinanzieren soll. Immer wieder betont er, dass das Planungsbüro, auch im Sinne des Investors, vorsichtig agieren möchte. Sie kennen den Stadtteil und wissen um die traditionsbewussten Bürger, die sich von der Eventisierung Hamburgs durch den Dom, das Reeperbahn-Festival, den Schlagermove und weitere Feste gebeutelt fühlen.

Eine laut Planern Ende 2017 fertiggestellte Aussichts- und Abhängplattform für die Bewohner St. Paulis bei gleichzeitiger direkter Beteiligung an einem urbanen Gartenprojekt in babylonischen Höhen, das hört sich erstmal alles fein an. Doch die Bezirkspolitik diskutiert und auf St. Pauli hat sich Protest organisiert. Was wollen die ewig störrischen Hamburger denn jetzt schon wieder?

Wir haben mit Martin Stoll-Hafkus gesprochen, einem der Stadtteilaktivisten der Feldbunker-Initiative, die gegen die Aufstockung des Bunkers mobil machen. Er kritisiert vor allem, dass über das Marketing des Begrünungsprojekts das eigentliche Bauvorhaben in den Hintergrund gerückt wird.

Fotomontage: d-plan gmbh

Die Feldbunker-Initiative hat in Zusammenarbeit mit einem Stadtplaner eine eigene Fotomontage des zukünftigen Bunkers erstellen lassen, die die unbepflanzten Ausmaße des geplanten Bauwerkes darstellen soll. Statt der grünen Lunge zeigt sich eine große Panoramaglas-Fassade im Look einer Penthouse-Wohnung. „Das Bild soll das eigentliche Bauvorhaben für alle visuell offenlegen. Bei den angestrebten 60 Metern Höhe wachsen bei Hamburger Wetter eventuell Krüppelkiefern und Efeu, andere Pflanzen erscheinen uns unrealistisch." Der Leiter des Planungsbüros Houcken versicherte VICE, dass ein Begrünungs-Konzept beim zuständigen Bauamt vorliege, derzeit begutachtet werde und ein Verstoß gegen fehlende Begrünung von der Stadt mit Strafen sanktioniert werden könne.

Die Feldbunker-Initiative geht davon aus, dass der Bunker über kurz oder lang in jedem Reiseführer stehen wird. Stoll-Haftus sagt weiterhin „Der Hamburger Michel hat im Jahr über eine Millionen Besucher, davon besuchen die wenigsten Konzerte oder die Gottesdienste. Die Leute tapern da für den Ausblick hoch—und wenn es auf dem Bunker auch noch einen begrünten Rundlauf und Event-Gastronomie gibt, wozu sollen die Touristen dann noch auf den Michel. Der Bunker wird zur Standard-Must-Go-Location für jeden Hamburg-Besucher. Die Reisebusse stehen demnächst noch häufiger auf St.Pauli."

„Das wird kein öffentlicher Raum und die Anwohner werden davon nichts haben", prognostiziert Stoll-Hafkus konsterniert. „Laut Investor wird der Zugang zum Garten geregelt werden müssen—und da hat er Recht. Die Dombesucher, Touristen und das Feierpublikum kann man nicht in unbegrenzter Zahl dort hochlassen. Und für Anwohner bleibt da am Ende kein Platz."

Auf die Kritik reagiert das Planungsbüro reserviert. Man könne nicht absehen, wer das Projekt am Ende nutzt—gehe aber durch das Schaffen urbaner Gastronomie und Kultur davon aus, dass der gemeine Hafengeburtstag-Tourist kein gesteigertes Interesse habe. „Initiatoren und Eigentümer haben das Konzept auf eine Weiterentwicklung des Kultur- und Medienbunkers für die Bewohner des Stadtteils und kulturinteressierte Hamburger ausgelegt. Die den Dom und die Reeperbahn bevölkernden Event-Touristen, wie sie Stoll-Hafkus anspricht, werden den Blick von außen zwar suchen, den langen Aufstieg zum Dachpark aber eher scheuen", so Houcken.

Auch wenn es rechtlich gesehen kein öffentlicher Park ist, hat sich der Investor dazu verpflichtet, das Areal für jeden frei zugänglich zu machen. Eingeschränkt werden kann der Besuch durch die Kapazitätsgrenzen, die auch mit Brandschutzregeln zu tun haben: Maximal 900 Personen sollen sich gleichzeitig im Park aufhalten dürfen—wie genau der Einlass technisch reguliert werden soll, steht noch nicht fest.

Die Mehrzweckhalle nennt die Initiative Feldbunker unnötig, die Architekten nennen sie notwendig. Übel nehmen kann man beiden Parteien nichts, denn hier prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite stehen die Architekten, die ein Mammut-Projekt für ein weltoffenes Hamburg umsetzen möchten. Auf der anderen Seite steht ein Teil der Anwohner St. Paulis, die derartige Großprojekte als unnötig, überzogen und stadtteilschädigend empfinden.

Eine Alternative sieht die Initiative Feldbunker in der Begrünung anderer Plätze mit den 2,56 Millionen Euro, die die Stadt dem Investor erlassen möchte. „Dann hätte der Bürger zwar keine schicke Aussichtsplattform, aber den Garten dann auch in der Hand und den Denkmalschutz des Bunkers gesichert."

Die Organisatoren von Recht auf Stadt, einem Netzwerk aus 63 Hamburger Initiativen, zeigen sich kritisch gegenüber dem Stadtgarten, wollen sich aber noch nicht klar positionieren. „Wie kommerziell wird nachher das Innenleben unter dem grünen Aufbau? Ist das nicht am Ende ein Mäntelchen für kommerziellen Kultur- und Hotelbetrieb?" sind einige offen gestellte Fragen, die VICE per Mail erhalten hat.

Wie die visuellen Render-Ästhetiken von Architekturprojekten die Sinne überreizen können, beschreibt der Geograf Mark Minkjan auf The Creators Project am Beispiel des Hochhauses Ravel Plaza in Amsterdam, einem ebenso sehr grünen Bau-Vorhaben. Dort ist ein bepflanzter Tower aus der Vogelperspektive zu sehen, die glatte Eye-Candy-Ästhetik wurde in zahlreichen Architektur-Blogs geteilt. Doch die Fragen nach einer machbaren Umsetzung und deren Auswirkungen auf die Stadt wurden dort in den Hintergrund gerückt.

„Verkommt Architektur zur Augenwischerei und zum Make-up windiger Investorenprojekte?", fragt Minkjan in seinem Essay. Der Vergleich des Towers mit dem Bunker mag im direkten Vergleich etwas hinken, denn die Planer in Hamburg gehen transparenter an die Öffentlichkeit. Aber wie in Amsterdam sehen die Render-Bilder des St.-Pauli-Stadtgartens vor allem gut aus. Ästhetische, grüne Bilder verführen uns und lassen uns schnell vergessen, dass wir darüber nachdenken sollten, in welche Richtung so ein gigantisches Projekt die Stadtkultur führen kann.

Durch urbane Gastronomie, Gartenkultur und das Kulturangebot soll der Fokus auf den urbanen Kulturliebhaber gesetzt werden. Doch gerade alternativer Tourismus abseits von dem herkömmlichen Konzept, in einem Hotel abzusteigen, sich die Hauptattraktion anzusehen und die Stadt nach einem Essen in einem innenstadtnahen Restaurant wieder zu verlassen, wird durch AirBnB, Couchsurfing und Travelblogs immer attraktiver. Das Bunker-Projekt greift diesen Trend auf—mit 25 Millionen Euro und bis 2093.

Wenn alternativ anmutende Stadtteilprojekte von professionellen Planungsbüros zu Architecture-Porn aufgeblasen werden, sollte man sich selbst essentielle Fragen stellen: Welche Probleme herrschen in der Stadt und wie trägt das Gebäude zur Lösung dieser Probleme bei? Wer profitiert von dem Eingriff? Was gibt es für Alternativen? Und wer kann den Bau dann am Ende nutzen?

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