Tokios ‚superbehinderte‘ Profi-Wrestler wollen mit Vorurteilen aufräumen

Wir haben uns mit dem Regisseur einer neuen Doku über ‚Doglegs' unterhalten—eine Gruppe unterschiedlich behinderter Menschen in Japan, die sich gerne im Ring gegenseitig die Grütze aus dem Leib prügeln.

|
28 April 2015, 8:20am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Heath Cozens und Doglegs

Nur weil du mit Zerebralparese geboren bist, heißt das noch lange nicht, dass du nicht auch vor einer jubelnden Menge jemandem einen Bodyslam verpassen willst. OK, vielleicht kannst du die Person nicht hochheben und über deinem Kopf herumwirbeln, doch wenn dein Gegner doppelt beinamputiert ist, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass du ihn mit einem brutalen „Cobra Clutch" (das ist anscheinend eine Wrestling-Kampftechnik) zerlegen kannst.

VIDEO: Wütende junge Männer aus Großbritannien und USA gehen einander beim Bare-Knuckle-Boxen an den Kragen.

Die professionelle Behinderten-Wrestling-Liga von Tokio will mit den Vorurteilen aufräumen, die dazu führen, dass Menschen mit Behinderungen ständig von Sachen ausgeschlossen werden—Sachen wie verschwitztem, beinhartem Wrestling. Die Liga, die sich „Doglegs" nennt, heißt jeden im Ring willkommen, so lange derjenige eine Behinderung hat. Die Unterscheidung ist allerdings ein wenig vage: Behinderung kann hier alles von Multipler Sklerose bis Depression sein. Die Regeln werden vor dem Kampf festgelegt. Zum Beispiel werden einem Kämpfer, der weniger behindert ist als der Gegner, die Beine zusammengebunden, um es „fairer" zu machen. Je nachdem, wie die Wrestler sich einigen.

Filmemacher Heath Cozens dreht seit fünf Jahren einen Dokumentarfilm über die behinderten Profi-Wrestler von Tokio und betreibt im Moment eine Crowdfunding-Kampagne, um ihn fertigzustellen. Ich rief ihn an, um mit ihm über seine Doku und die Zukunft von Doglegs zu sprechen.

VICE: Hi, Heath. Erzähl mir ein wenig über die Geschichte von Doglegs.
Heath Cozens: Sie sind seit 1991 als Profi-Wrestling-Organisation tätig. Kitajima, der das Ganze organisiert, war früher eine Art Einsiedler. Er schloss sich während seiner Schulzeit ein Jahr lang in seinem Zimmer ein. Doch nachdem er im Fernsehen eine Sendung über behinderte Menschen sah, zog er daraus die Inspiration, sein Zimmer zu verlassen und einen Haufen junger Typen um sich zu versammeln, die behindert waren, aber sich in der Behinderten-Community nicht wohl fühlten.

Die Freiwilligengruppe wurde zu einer Profi-Wrestling-Liga, weil ein Typ namens Shintaro und ein weiteres Doglegs-Mitglied sich in eine freiwillige Helferin von einer Universität vor Ort verliebt hatten. Sie riefen die Arme jeweils 20 Mal am Tag an. Schließlich hatte sie einen Nervenzusammenbruch und kam nicht mehr. [Der Streit der zwei Männer kochte über und sie kämpften.] Das war die Entstehung von Doglegs, denn es fühlte sich für die beiden an wie ein Erwachen. Ihnen wurde klar, dass sie tun konnten, was auch immer sie wollten. Es war ungewöhnlich, dass behinderte Typen ihre Hemden ausziehen und kämpfen. Sie fühlten sich dadurch irgendwie befreit.

Warum hast du dich dazu entschieden, die Doku zu drehen?
Ich und ein befreundeter Journalist schlugen dem Wall Street Journal neue Nachrichtenvideos vor, doch als er eine Profi-Wrestling-Liga für Behinderte in Tokio erwähnte, hörte sich das für mich mehr nach einer Doku an. Diese Wörter werfen so viele Konnotationen und Fragen auf.

Warum, glaubst du, ist eine Wrestling-Liga für behinderte Menschen noch nicht im Mainstream angekommen, oder zum Beispiel bei den Paralympics?
Wrestling ist etwas, das man als Darbietung und zur Unterhaltung macht, stimmt's? Ich schätze, die Vorstellung, dass man sich von Dingen, die behinderte Menschen tun, unterhalten lässt, hat für viele einen Beigeschmack von „Freakshows" und sie haben Angst, dass es ausbeuterisch sein könnte.

Hältst du es für ausbeuterisch oder aufbauend?
Ich finde, das ist eine gute Frage, und ich hoffe, die Zuschauer, die sich meinen Film ansehen, denken auch darüber nach. Ich halte es für aufbauend, weil es ihre eigene Entscheidung ist. Niemand verdient daran Geld.

Man muss sich, glaube ich, ansehen, wo diese Frage—„Ist es Ausbeutung?"—überhaupt herkommt. Als ich sie mir selbst gestellt habe, wurde mir klar, dass da einige Annahmen dranhängen. Vielleicht wäre es besser zu fragen: „Warum steigst du in den Ring?", statt anzunehmen, dass jemand keine Macht über seine eigenen Handlungen hat.

Warum, glaubst du, steigen die Leute in den Ring?
Jeder ist aus individuellen Gründen dort und ich kann für niemanden sprechen, doch ich konnte sehen, dass Shintaro gerne auf der Bühne steht—er ist gerne der Star. Für Nakajima, der schwere Depressionen hat, sind die Gründe komplexer. Er will Anerkennung. Kämpfen ist ein Weg zu zeigen, dass er gegen eine Behinderung ankämpft, die im Inneren liegt. Natürlich gibt es darauf unterschiedliche Reaktionen.

Was zählt deiner Meinung nach als „Behinderung"? Denn die Vorstellung, dass ein Problem mit der geistigen Gesundheit dazuzählt, werden viele kontrovers finden.
Ich glaube, auf diese Frage gibt es keine richtige Antwort. Shintaro sagte mir, dass alle eine Behinderung haben, sogar die Nichtbehinderten, und ich glaube, er hat recht. Niemand kann alles.

Da die Doglegs eine so vielfältige Gruppe sind, wie stellen die Organisatoren sicher, dass ein Kampf fair ist?
Nun, es gibt vier Klassen: Leute, die in Rückenlage kämpfen, Leute, die im Sitzen kämpfen, Leute, die im Stehen kämpfen, und dann gibt es eine offene Klasse, die gemischt ist. In der offenen Klasse werden jemandem vielleicht die Beine zusammengebunden oder sie verpassen einander einfach Kopfstöße. Manchmal kümmern sie sich auch nicht zu sehr darum, dass es ausgeglichen ist.

Der Ringansager sagte: „Es gibt keine besonderen Regeln—die Regeln richten sich nach dem Stolz des Kämpfers", also ergibt das schon Sinn.
Jeder Kampf ist so angelegt, dass er eine bestimmte Wirkung hat und dem Publikum gewisse Dinge vermittelt. Es ist also Unterhaltung, aber es ist auch etwas sehr Befreiendes für die Teilnehmer. Da steckt eine politische Botschaft drin. Behinderte Menschen wollen sich nicht an die Vorurteile der Menschen anpassen müssen. Sie können tun, was auch immer sie wollen.



Gibt es deiner Meinung nach immer noch die Tendenz, Menschen mit Behinderungen mit Samthandschuhen anzufassen?
Definitiv. Doch wenn wir wirklich alle eine Behinderung haben, dann ist die einzig klare Trennlinie, ob jemand sich für behindert hält, oder nicht. Wenn du also jemanden siehst, von dem du glaubst, dass er eine Behinderung hat, dann zwängst du ihm deine eigenen einschränkenden Ansichten auf, wo die Menschen doch eigentlich selber die Grenzen ihres Handelns festlegen können sollten.

Wie sieht ein typischer Zuschauer bei einer Doglegs-Veranstaltung aus?
Die Shows ziehen einen Haufen Stammzuschauer an. Meist handelt es sich dabei um Menschen, die in der Behinderten-Community arbeiten, wie Pflegerinnen und Pfleger, Freunde und Familie. Es kommen auch andere Menschen mit Behinderung.

Siehst du eine große Zukunft für behindertes Profi-Wrestling?
Es gibt bereits zwei Ableger in Japan, die sich von Doglegs inspirieren ließen, und eine Liste von etwa 40 Aktiven. Es wäre cool, wenn das Ganze im Mainstream ankäme, doch ich glaube nicht unbedingt, dass das passiert.

Viele gehen hin und probieren es aus, doch ob sie als regelmäßige Teilnehmer dabeibleiben, hängt davon ab, wie interessant und wie gut im Unterhalten sie sind. Es gab vor Kurzem eine junge Studentin, die mit behinderten Menschen kämpfen wollte. Sie wollte eine Verbindung herstellen und ihren Respekt zollen, denke ich. Mit jemandem kämpfen kann ein Zeichen von Respekt sein, und das ist es, worum es bei Doglegs überhaupt geht.

Danke, Heath.

Mehr VICE
VICE-Kanäle