Ich war bei einer Tantra-Massage und habe Sexualität abseits von Klischees kennengelernt

Die Yoni-Massage kann dich zum Orgasmus bringen und ist trotzdem kein Gegenstück zum Happy-End-Gefummel. Sie kann heilsam sein, therapeutisch angewendet werden oder einfach dein Sexleben verbessern.

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Sep. 9 2015, 8:00am

Titebild: Jean-Pierra Dalbéra

Nicht die Autorin, wahrscheinlich auch keine Tantra-Massage | Foto: Juanedc.com | Flickr | CC BY 2.0

Letzte Woche war ich bei der Tantra-Massage. Hätte mir jemand diesen Ausflug zwischen die Laken des Dakinis in Zürich prognostiziert, so hätte ich ihm noch vor Kurzem noch den Vogel gezeigt. Erstens hatte ich keine Ahnung von Tantra und zweitens hätte ich mich niemals in fremde Hände begeben, die für erotisches Wohlbefinden sorgen sollen.

Ich würde mich mit Sicherheit niemals so weit entspannen und gehen lassen können, dass ich auch nur ansatzweise Lust empfinden, geschweige denn einen Orgasmus haben könnte. Falsch gedacht: Auch heute habe ich—ausgenommen die Erfahrung und persönlichen Empfindungen, die ich durch die Massage erlebt habe—keinen Plan von Tantra. Ich würde aber sofort wieder eine Tantramassage beanspruchen.

Sex ist wichtig. Doch auch in diesem Themenbereich wird rezitiert, was sich gut anhört oder was der Diskurs einen zwingt, gut zu finden. Sex ist dann gut, wenn die Frau Laute von sich gibt wie eine angeschossene Hirschkuh. Oder der Mann grundsätzlich ein Stück Asphalt vor sich aufreißt. Schon klar, Sexklischees eben. Diese Klischees entstehen in einer Branche, die unser Verständnis von Sex prägt. Und schlussendlich deshalb zur Frustration führt, wenn einem beim Nachstellen des letzten Pornhub-Filmchens plötzlich bewusst wird, dass man nur noch die Sekunden zählt, bis es endlich vorbei ist.

Die Tantra-Massage erschien mir als ein guter Weg, um herauszufinden, was Frau wirklich gut findet—abseits ebendieser Sex-Klischees. Ich war daher ziemlich neugierig, als ich auf der Internetseite von Dakini las: „Es ist ungewohnt für Frauen, sich ein sinnliches Erlebnis zu gönnen, dass das sexuelle Empfinden mit einschließt. Erst allmählich wird die Tantra-Massage von Frauen entdeckt: Sich fallen zu lassen ohne den männlichen Blick."

Ich verabredete also einen Termin und versuchte, mich mental auf das vorzubereiten, was mir bevorstand: Eine Ganzkörpermassage inklusive Yoni-Massage, also die äußere und innere Massage der Vagina. Am Telefon hatte man mich gefragt, ob ich lieber von einem Mann, einer Frau oder gleich zwei Frauen massiert werden wollte.

Ich wählte eine Frau, um mich nicht von Beginn an komplett zu überfordern. Ich hatte echt ein bisschen Schiss, je näher der Tag rückte. Ich hatte Schiss, das Ganze sehr unangenehm zu finden. Schiss, dass der ganze Tantra-Aspekt nur als Codewort diente und ich mich zur schmuddeligen Happy-End-Massage für die Frau gemeldet hatte.

Alle Fotos von Dakini

Das Haus war ein ganz unauffälliges Büro-Gebäude und ich vergewisserte mich an der Tür gleich zweimal, ob ich wirklich richtig war.

Ich klingelte und versuchte, meinen Puls zu senken. Gleich darauf öffnete eine äußerst attraktive, blonde Frau in einem schwarzen Kleid die Tür und strahlte mich mit einem herzlichen Lächeln an. Sie stellte sich als Desirée vor, mit ihr hatte ich den Termin und sie hatte soeben zusammen mit ihrem Geschäftspartner Renato das Tantra-Institut übernommen.

Nach einem kurzen Vorgespräch, in dem es um meine Erwartungen, Vorstellungen und den möglichen Ablauf ging, verließ Desirée den Raum, damit ich mich aus meinen Kleidern schälen und in den bereitgelegten Kimono schlüpfen konnte. Dann trat sie wieder ein und wir stellten uns gegenüber voneinander auf eine dünne Matratze und Desirée reichte mir ihre Hände. Es folgte ein Begrüßungsritual, beginnend mit tiefen Atemzügen. Während des Rituals schloss ich die Augen und spürte also nur, wie Desirée mir den Kimono vom Körper streifte.

Auch die Masseurin ist während der Massage nackt, was es einem immens erleichtert, sich wohl zu fühlen und auf den tranceähnlichen Zustand einzulassen, der sich während der langen Ganzkörpermassage langsam einstellt. Jeder Zentimeter der Haut wird gleich behandelt und man wird von Kopf bis Fuß mit Öl eingerieben.

Der einzige Unterschied zur herkömmlichen Massage besteht darin, dass erogene Zonen nicht absichtlich ausgespart werden. Es wird kein Schwerpunkt auf diese Zonen gelegt, ganz im Gegenteil—es ist eine wunderbare Erfahrung, wie beiläufig die Bereiche des Körpers, die sonst nur bei sexueller Erregung Aufmerksamkeit bekommen, hier in den Ablauf eingebunden werden.

Erst nachdem mein ganzer Körper ausgiebig massiert worden war, nahm die Massage eine deutlich sexuellere Wendung. Die Yoni-Massage stand an. Meine sexuelle Erregung war mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht besonders bewusst, da ich weiter in diesem tiefenentspannten Zustand verblieb.

Ich war ausschließlich auf die momentane Empfindung fokussiert, so dass keine Fragen in meinem Kopf auftauchten, dass kaum Unsicherheiten aufkamen. Und trotzdem geht es bei Tantra-Massagen nicht um den Orgasmus. Es gibt generell kein Ziel, das erreicht werden soll. Die Berührungen schärfen das Körperbewusstsein, man ist plötzlich ganz nah an sich selbst dran und spürt Emotionen in sich aufsteigen, die man erst einmal überdenken und einordnen muss.

Renato, der Mitinhaber des Dakiri, erklärt mir, dass das Potential der Tantra-Massagen deshalb auch therapeutisch genutzt wird: „Eine Tantra-Massage kann lösend wirken. Wir erleben immer wieder, wie befreiend und wohltuend eine solche Massage sein kann. Unsere Vision ist, dass wir Menschen mit zum Beispiel Missbrauchshintergrund Räume schaffen, in welchen sich diese Situationen zeigen dürfen und Themen losgelassen werden können. Eine Tantra-Massage hat jedoch niemals ein Ziel und es passiert einfach das, was sich im jeweiligen Zeitpunkt zeigen will."

Ob zur Verarbeitung von sexuellem Missbrauch oder einfach zur Erkundung der eigenen Sexualität: Bei der Tantra-Massage ist der Sex Nebensache und ermöglicht so erst wieder einen neuen, unbedarften Zugang zum Thema. Es geht um Empfindungen, Emotionen und Intimität, die nur dir gehört und unabhängig von einem Partner funktioniert. Aber natürlich auch mit ihm zusammen.


Titelbild: Jean-Pierra Dalbéra | Flickr | CC BY 2.0

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