Wie sich New Yorks Gang-Kultur verändert

Die Gewalt in New York wird zunehmend von kleinen Lokalbanden verübt, doch „Super-Gangs" wie die Bloods und Crips gibt es auch weiterhin.

|
Aug. 21 2015, 4:00am

Die Gang-Landschaft der modernen amerikanischen Städte kann ein wenig schwer zu verstehen sein. Die meisten von uns haben von den Bloods und den Crips gehört, doch diese beiden Gangs haben jede Menge Fraktionen und Rivalen.

In New York City schreibt die Polizei einen Großteil der verbleibenden Waffengewalt einer relativ kleinen Gruppe von Männern zu, die in lokale Bandenaktivitäten verwickelt ist, wie die New York Times letzten Monat berichtete. Als dieses Jahr die Gewalt in von Touristen besuchte Gebiete überschwappte, reagierte die Stadt mit von ehemaligen Bandenmitgliedern angeführten Initiativen. Wie VICE berichtet hat, hat das NYPD inzwischen mit seinen Bemühungen über die Stränge geschlagen und sogar Tanz-Teams ins Visier genommen.

Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie real die Gefahren sind, hat VICE sich mit dem renommierten Bandenexperten für den Bundesstaat New York Ron „Cook" Barrett in Verbindung gesetzt, der in Albany als Gang-Präventionsspezialist tätig war, und Kevin Deutsch, dem preisgekrönten Verbrechensreporter von Newsday und Autor von The Triangle: A Year on the Ground with New York's Bloods and Crips.

Und das hatten die beiden zu sagen:

VICE: Welches sind momentan die größten Gangs in New York und warum sind sie am prominentesten?
Ron „Cook" Barrett: Die größten Gangs in New York sind offensichtlich von der Justizvollzugsbehörde Department of Corrections (DOC) beeinflusst und filtern dann auf die Straßen. Traditionell haben die Bloods seit 1993 innerhalb [des Gefängniskomplexes] Rikers Island und in vielen anderen Justizvollzugsanstalten des Bundesstaats das Sagen. Sets [Untergruppen] wie die Mac Ballers, G Shine, Brims und Gorilla Brims sind schon länger aktiv und kämpfen durchgehend um die Kontrolle über die Einrichtungen. Sie sind zahlreicher als viele ihrer Rivalen. Außer ihnen sind noch Sets der Crips, Latin Kings, Trinitarios, Gangster Disciples, MS-13 und andere aktiv.

Jede Nationalität ist in der Gang-Kultur vertreten ... und da die afroamerikanischen Insassen in den Gefängnissen des Bundesstaats New York die zahlreichsten sind, spiegeln die Banden das wider. In Kalifornien kommen die mächtigsten Gruppen aus der mexikanischen Mafia (Sureños, Nuestra Familia), weil es so eine große mexikanische Bevölkerung gibt. Da die Hispanic-Bevölkerung im Staat New York wächst, werden diese Gruppen hier langsam auch sichtbarer. Die größte ethnische Gruppe in einem Gebiet gibt vor, welche Art von Banden man sieht.

Die Langlebigkeit vieler lokaler Bloods-Gruppen—trotz Dutzender Durchgriffe gegen Banden in den letzten Jahren—ist erstaunlich.

Der größte Trend im Staat New York ist der Einfluss der Hybrid-Banden—diese Gruppen sind nur in ihren eigenen Städten präsent und bekannt ... Sie repräsentieren verschiedene Wohnsiedlungen, Parks, Blocks oder Straßen. Buffalo, Syracuse, Albany, Newburg, Poughkeepsie und die Bezirke von New York City haben alle eine starke Präsenz lokaler, territorialer Hybrid-Banden, mit nicht-traditionellen Namen wie Wave Gang, 4 Block, YGz ... Ob Brooklyn, Queens, die Bronx, Mount Vernon, Washington Heights, überall gibt es immer mehr Hybrid-Banden, die nicht mit den traditionellen „Super-Gangs" (Bloods, Crips, Kings, etc.) in Verbindung stehen.

Kevin Deutsch: Während meiner Zeit als Journalist in New York City und Umgebung habe ich festgestellt, dass die Bloods und die Crips wahrscheinlich die größten Gangs der Region sind; beide hatten Dutzende Sets in den fünf Bezirken und auf Long Island. Die Bloods scheinen mehr Mitglieder zu haben, vor allem wegen des hohen Prozentsatzes an Mitgliedern in Sozialbausiedlungen in der Bronx, Brooklyn und Queens sowie auf Rikers Island. Die Bloods haben hauptsächlich deswegen so viele Mitglieder, weil sie seit Jahrzehnten in verarmten Gebieten der Stadt präsent sind—und zwar in Gegenden, die mehrere Gentrifizierungswellen überdauert haben. Die Langlebigkeit vieler lokaler Bloods-Gruppen—trotz Dutzender Durchgriffe gegen Banden in den letzten Jahren—ist erstaunlich. Insgesamt sind die jungen Männer, die zu unabhängigen Cliquen und Crews gehören, noch zahlreicher als die Bloods und Crips. Sie sind so zahlreich und die Region ist so dicht mit ihnen besiedelt, dass es schwer ist, eine Aussage darüber zu treffen, welche die meisten Mitglieder hat.

Wie wirken sich die Banden auf die Viertel, die Schulen und die anderen Einrichtungen aus, in denen sie aktiv sind?
Barrett: Banden bieten Schutz, Zugehörigkeit und Respekt. Sie haben die traditionelle Familie ersetzt. Sie regieren mithilfe von Einschüchterung und Angst. Jugendliche glauben heute daran, dass man in der Gruppe stärker ist, und haben zwei Optionen: einer mächtigen Gruppe beitreten oder eine eigene Gruppe gründen, die gegen die mächtige Gruppe vorgeht. Was die Viertel angeht, steigt die Zahl der Graffitis mit Bandenbezug und die Grundstückswerte sinken. Armut spielt eine Schlüsselrolle bei der Gründung von Banden und die Viertel spiegeln diese Armut wider: vernachlässigte Häuser, verbarrikadierte Gebäude, etc. Schulen werden gewalttätiger, Metalldetektoren werden zur Norm, zusätzliche Sicherheitskräfte und Kämpfe zwischen Schülern wirken sich auf die Gemeinde aus.

NOISEY: Rapper Tiny Doo sitzt im Gefängnis, weil sein Mixtape etwas mit den Bloods zu tun haben soll

Deutsch: Die Auswirkungen einer Bande auf ein Viertel können sich extrem voneinander unterscheiden, doch Anwohner sagen meist, dass es sich bei den Auswirkungen um hauptsächlich negative handelt. Mitglieder lokaler Banden profitieren von Drogengeschäften und anderen illegalen Rackets in diesen Gemeinden, während Leute, die nicht mit der Bande in Verbindung stehen, meist aufgrund der Bandenpräsenz weniger wirtschaftliche Möglichkeiten haben. Drogenmärkte auf offener Straße—das Fundament der urbanen Unterwelt-Ökonomie von New York—vertreiben gesetzestreue Kleinunternehmen und Geschäftsleute, die nach neuen Grundstücken suchen. Sie schaden auch den bereits existierenden Geschäften in dem Viertel und belasten somit die Lokalökonomie extrem. Je erfolgreicher das Drogengeschäft einer Bande ist, desto mehr leidet meist die legale Wirtschaft in ihrer Umgebung. Die Schulen in der Gemeinde leiden auch, denn die Banden sehen sie als Rekrutierungsorte. In meiner journalistischen Arbeit habe ich festgestellt, dass mit einer größeren Bandenpräsenz eine geringere Abschlussrate an den lokalen Schulen einhergeht.

Inwieweit sind diese Banden in den Drogenhandel verwickelt und wie laufen ihre Operationen ab?
Barrett: Aufgrund der genannten sozialen Probleme sind Einnahmen vom Drogenverkauf die führende Einkommensquelle für Banden. Heroin hat Crack als beliebteste Droge ersetzt, Marihuana hoher Qualität verkauft sich inzwischen für 20 Dollar das Gramm, MDMA, Crack ... alle sind verbreitet und bringen gutes Geld. [Drogen werden verpackt in] Gras- oder Crackhäusern ... Fußsoldaten gehen auf die Straße, Geld filtert die Nahrungskette hinauf, alles wie gehabt.

Wenn eine territoriale Grenze überschritten wird, wird die verantwortliche Gang oft mit Drive-By-Schießereien und „Walk-up"-Morden heimgesucht.

Offensichtlich haben Feuerwaffen das Feld geebnet und die Morde und Schießereien in den urbanen Gemeinden spiegeln das wider. Gemeinschaftswaffen werden unter Veranden, in Briefkästen, usw. versteckt und weitergereicht. Ein großer Prozentsatz der Schießereien in Städten rührt daher, dass Banden einander bekämpfen, wobei es sehr oft um Territorien geht. Gefängnisbanden wie die Sureños [mexikanische Mafia] kontrollieren immer noch die Drogenversorgung auf den Straßen und verlangen von Dealern, die in ihrem eigenen Viertel verkaufen wollen, Steuern. Die Fußsoldaten schicken die Einnahmen zurück in die Gefängnisse ... Kalifornien ist voll davon.

Deutsch: Die Banden von New York City kontrollieren generell den Drogenmarkt unter freiem Himmel sowie in bestimmten anderen Lokalitäten [Fixerstuben, Crackhäuser, etc.] in Gegenden mit vielen Heroin- und Kokainsüchtigen. Ein Set der Bloods, das ich in Queens recherchiert habe, betreibt zum Beispiel Drogenmärkte in mehreren Sozialbausiedlungen auf der Rockaway-Halbinsel in Queens, indem sie Drogenkuriere, Wachposten und Verkäufer an gewissen Straßenecken oder in der Nähe von Gebäuden einsetzen, in denen sie größere Mengen Drogen verstecken. Sie betreiben ihr Geschäft wie ein legales Unternehmen, geben ihren besten Kunden Rabatte, bieten Sonderangebote wie zwei Röhrchen oder Tüten zum Preis von einem, um ihr Tagesgeschäft zu verbessern oder Neukunden anzulocken, und setzen Mundpropaganda ein, um die Potenz ihres Produkts zu bewerben. Sie setzen Gewalt—und Gewaltandrohungen—ein, um rivalisierende Banden und neue Crews aus ihrem Gebiet fernzuhalten.

Wenn eine territoriale Grenze überschritten wird, wird die verantwortliche Gang oft mit Drive-By-Schießereien und „Walk-up"-Morden, bei denen ein Mörder einfach zu Fuß auf das Opfer zugeht, heimgesucht. In meiner Arbeit habe ich herausgefunden, dass dieses Bloods-Set und andere Sets Vergewaltigung als Waffe einsetzen, um die Zivilbevölkerung in ihren Territorien unter Kontrolle zu halten, ganz wie Besatzerarmeen. Sie verüben sexuelle Übergriffe gegen die Freundin oder Schwester eines rivalisierenden Bandenmitglieds oder vergewaltigen die Nichte eines möglichen Verräters, um eine Botschaft an alle zu senden, die gegen die Bande arbeiten oder es in Erwägung ziehen.

Wer trifft in diesen Organisationen die Entscheidungen?
Deutsch: Die meisten Bloods- und Crips-Anführer, die ich in New York interviewt habe, hatten ein erhebliches Maß an Kontrolle über ihre jeweiligen Sets. Die Banden ähneln paramilitärischen Organisationen, was die hierarchische Struktur angeht. Manche sind vielleicht weniger rigide als andere, wenn es um die Befehlskette geht, doch jüngere Mitglieder kriegen meist Befehle von Soldaten mittleren Rangs, die wiederum direkt von den hochrangigen Mitgliedern/Anführern befehligt werden. Diese Art von Befehlsstruktur schirmt die Anführer meist gegen gesetzliche Folgen ab, weil jüngere Mitglieder auf der Straße Schießereien, Angriffe, Drogendeals und andere Bandenaktivitäten auf ihren Befehl hin durchführen. Natürlich waren die Anführer auch einmal neue Mitglieder ohne nennenswerten Rang. Die jüngeren Mitglieder heutiger Banden sehen ihre Set-Anführer meist mit Respekt oder sogar Ehrfurcht und streben danach, eines Tages ebenfalls einen solchen Einfluss auf andere Gangster zu haben.

Barrett: Traditionelle, mächtige Super-Gangs wie MS13 oder die Sureños haben immer noch diese Einstellung und die militärische Struktur ... Soldat, Leutnant, General. Doch das ändert sich mit dem Aufstieg der Hybrid-Banden. Diese Kids arbeiten nach Gefühl, und wenn ein Mitglied ihrer Gruppe erschossen wird, dann heißt es „Auge um Auge". Sie mussten sich früher für Vergeltungsschläge eine Erlaubnis holen, doch heute ist das anders. Es ist wie der wilde Westen. Diese Jugendlichen sind furchtlos und die Älteren sehen das ... Ihnen ist völlig egal, welchen Status jemand hat. Die Feuerwaffen haben es möglich gemacht, dass ein 13-Jähriger einen 25-Jährigen niederstreckt.

Außerdem werden jetzt RICO-Anklagen auf Bundesebene gegen die Straßenbanden in der Hood gebracht, und diese Dynamik beeinflusst ihr Handeln. Loyalität ist nichts weiter als ein Tattoo! Die loser gestrickten Banden sind jetzt hier. Manche Gangs haben immer noch Tonangeber, Big Homies, OGs, die das tägliche Geschäft überwachen. Das ist innerhalb des Gefängnissystems noch häufiger so, weil dort jeder Rechenschaft ablegen muss. Die meisten Hybrid-Gruppen haben keine formelle Hierarchie und manchmal sind es einfach die verrücktesten Individuen, die am meisten respektiert werden.



Titelfoto: Hrag Vartanian | Flickr.com

Mehr VICE
VICE-Kanäle