Sex

​Dinge, die ihr beim Pärchen-Urlaub bedenken solltet

Während dem dreiwöchigen Urlaub mit meiner Freundin habe ich einiges gelernt.

von Josef Zorn
17 September 2015, 10:00am

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Der Urlaub zu zweit kann paradiesisch sein, eine Katharsis in Gang setzen und aus superverliebten Strandmomenten bestehen. Er kann aber auch eine harte Hürde für die Beziehung sein, bei deren Überwindung man einiges über den Lebenspartner und sich selbst erfährt. Meistens ist er beides und ihr solltet euch am besten jetzt schon aufs nächste Jahr vorbereiten.

Im Urlaub findet ihr euch in der konzentriertesten Form eurer Beziehung wieder, ohne geografische Ausweichmöglichkeiten und die Auskotz-Abende mit den Freunden. Plötzlich ist man Teil einer zweiköpfigen Reisegruppe, die permanent funktionieren muss.

Und man verändert sich im Urlaub. Man ist nicht mehr man selbst, sondern eine Genuss einfordernde, pseudoentspannte Idealversion von sich selbst—so wie man sich vorstellt, im Urlaub sein zu müssen. Dass diese „Reise-Avatare" nicht gleich kompatibel sind wie die zwei Herzblätter, die daheim auf der Couch herum schmusen, ist dabei hoffentlich auch allen klar. Hinzukommen dann noch Flugkomplikationen, Unterkunftenttäuschungen und andere nicht erfüllte Erwartungen.

Ich war über drei Wochen auf Urlaub mit meiner Liebsten. Wir hatten viele Reisestopps. Im Zuge dessen habe ich extreme emotionale Tiefs, Streite auf Grundschulniveau sowie neues unerschütterliches Vertrauen in meine Beziehung erfahren.

Hier ein paar Gedanken, die man sich vor der Reise mit dem Partner vielleicht machen sollte, noch bevor man zu zweit in den Flieger für ein Monat Backpacking durch Indien oder Argentinien springt.

Eure Beziehung wird definitiv auf die Probe gestellt

Tatsächlich hatte ich meine Beziehung in ein, zwei Momenten während des Urlaubs beinahe komplett abgeschrieben: „Da hilft nicht mal noch Paartherapie. Das ging ja schnell! Was mache ich denn jetzt ohne sie?!" Gut, ich hatte auch hohes Fieber und eine Stunde darauf sahen meine Gedanken auch wieder komplett anders aus—aber trotzdem waren sie da.

Das Problem ist eigentlich, dass man sich in so einem intimen Urlaub rückentwickelt zum vertrauteren Familienreiseverhalten—eine Beziehung ist ja eigentlich auch die Protofamilie, nur dass man eben nicht mehr das Kind ist.

Der männliche Teil des Paares mit einem Affen. Alle Bilder wurden vom glücklichen Pärchen geschossen.

Trotzdem mault man sich gegenseitig an, wie das lästige Touristenbalg am Nebentisch, gerade wenn etwas zu Fuß weiter ist als erwartet oder man nicht genau das eine gezuckerte Teigröllchen bekommt, das man wollte.

Niemand sollte blauäugig denken, dass ein Pärchenurlaub reibungslos ablaufen wird. Findet euch einfach mit dem Gedanken ab und versucht, die eigenen zynischen Arschlochmeldungen auf ein Minimum zu reduzieren. „Warum hast du eigentlich nicht ,Gesundheit' gesagt, als ich vorhin geniest habe? Und ich wollte sehr wohl ein Eis, auch wenn ich das Gegenteil gesagt habe."

Diese beziehungsfatalistischen Horrorphasen sind immer schnell vorbei—außer du hast aus irgendeinem sadomasochistischen Beweggrund entschieden, gerade im Urlaub Schluss zu machen und willst den kleinen Streit über einen unnötigen Souvenir-Einkauf bis ganz zum Ende reiten.

Die letzten Tabus werden fallen

Ja, du oder deine große Liebe haben auch mal Durchfall! Und der andere ist dann meist in akustischer Nähe des Klos, das du gerade lautstark mit Fäkalien einsprühst. Man drückt sich plötzlich gegenseitig Pickel aus, streichelt den anderen an unrasierten Stellen oder muss aus unsinniger Hypochondrie den Ausschlag am Hintern herzeigen.

Die bediente irrationale Angst vor Spinnen kann in exotischen Ländern plötzlich nicht nur Launen, sondern auch ganze Tagespläne versauen. Ganz abgesehen von meinen erwähnten stinkig verschwitzten Fieberschüben, in denen ich schluchzend angefangen habe, mein Erbe aufzuteilen.

In diesen grauslichen Situationen heißt es durchbeißen, und wenn ihr nur ein bisschen seid wie ich, lassen ein sexy pralles Strand-Outfit oder plötzliche Schmuseattacken am staubigen Straßenrand alle TMI-Momente völlig verblassen.

Ihr werdet um Kleingeld streiten und das Teilen ist vorbei

„Ich hab' jetzt Urlaub" ist nachvollziehbar die Grundeinstellung unseres Empathiezentrums, wenn man sich in fremden Ländern erholt. So kann es schon passieren, dass man sich einfach den Fensterplatz krallt, sich den letzten Shrimp gönnt oder allgemein auf die Wünsche und Vorlieben der oder des Liebsten vergisst.

Wenn ihr aber am Ende des Tages, nach kindischen Tobsuchtsanfällen und Schmolleinheiten wegen pedantisch eingeforderten Kleingeldbeträgen, einander immer noch Meeresfrüchte und Bussis füttert, ist die Beziehung wohl echt was Dauerhaftes. Sex, am besten täglich, ist auch ein gutes Ventil, um den Streit um das einzige Badezimmerhandtuch zu schlichten.

Ihr verlernt zu sprechen

Ich meine jetzt nicht nur im Sinne der zwischenmenschlichen Notwendigkeit, richtig zu kommunizieren. Tatsächlich stellt sich nach den ersten zwei Wochen ständigen Zusammenseins eine Art von verbaler Kiefernsperre ein, und anstatt klarer Antworten oder Aussagen, hört man nur noch Grunzen, hirnfaule Kurzbemerkungen, ewig langgezogene „Äh"s und nicht zum Ende gebrachte Nebensätze.

Wenn du nicht sofort das Arschloch der Reisegruppe identifizieren kannst, bist du es mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit selber.

Meine Freundin hat auf dem Weg zu einer Steinfestung überraschend lange mit einer kleinen Rentnerin aus England geplaudert, da sie überzeugt war, dass ich es sei—und das nur wegen des unmodischen Huts, den Miss Marple und ich gemeinsam hatten. Derart eingespielt war meine Wortkargheit also schon!

Als mich zum Ende des Urlaubs hin meine Freundin ohne Erklärung für 20 Minuten in einem Cafe sitzen ließ, nur um im unteren Stock Gewürze zu suchen, und ich sie dann supergrantig nirgends mehr finden konnte, dachte ich NATÜRLICH, dass sie von der Sexsklavenmafia entführt worden sei, so à la Taken. Das sind alles Vorfälle, die durch ein paar wenige, gut platzierte Worte vermieden hätten werden können.

Einfach nur abhauen

Die vorhergehende Punkt bedingt auch, dass ihr ziemlich apathisch und überreizt durch fremde Straßen vorbei an Millionen von neuen Eindrücken schlurfen werdet. Und wie man es auch bei jungen Eltern in Bezug auf ihre nervtötenden Kinder immer wieder hört, will man plötzlich einfach konfrontationslos alles, den Urlaub, die Beziehung, hinter sich lassen.

Dieser unterbewusste Drang wird deutlich, wenn man wie hypnotisiert weiterspaziert, während der Partner vielleicht noch Fotos macht oder in einem Shop stöbert. Es ist ein bisschen wie bei Forrest Gump: „Was, wenn ich einfach weiterlaufe?" Wenn die Pärchen-Power derart am Ende ist, sollte man vielleicht einfach zusammen auf einen Snack einkehren. Essen ist die Lösung für so gut wie alles und Unterzuckerung Grund für die meisten Beziehungsstreite.

Noisey: Manchmal sind auch Bands wie Beziehungen—und mindestens so schwierig.

Es darf niemals ein Wettkampf werden

Allgemein kann man sagen, egal wie spontan und flexibel du glaubst zu sein, dein Urlaubsbegleiter, der vielleicht entweder permanent in Reiseführern schmökert, um wirklich jeden Tempel der Region zu besuchen, oder nichts anderes als Surfen und Tiger Prawns im Kopf hat, wird dich immer in eine Entscheidungsecke drängen, in du dich nie drängen lassen wolltest.

Sobald Urlaub—oder überhaupt die Beziehung—eine Competition wird, haben beide verloren. Wer kann seinen Willen öfter durchsetzen, wer kann am längsten beleidigt bleiben oder wer hat öfter Recht bei der Einschätzung des Wetters. Mit so einer Denke—auch das habe ich schon erlebt—lebt man sich gerade auf engem Boden schnell auseinander und das Beziehungsaus ist vorprogrammiert.

Glaubt mir, meistens sind die Sachen, die der andere vorhat, eh lustig. Und wenn nicht, dann denk dran, dass deine Idee mit dem nächtlichen Spaziergang zu einem See in der „näheren" Umgebung, bei dem ihr euch fast zwischen nachtaktiven Schlangen und Krokodilen verlaufen habt, auch nicht so super war.

Ihr werdet euch selbst erkennen

Abschließend gebe ich zu, und vielleicht hat man es schon herausgelesen, dass ich ein ziemlich anstrengender Reisebegleiter bin. Engste Freunde haben meine Freundin schon gewarnt und sich auch mir gegenüber beschwert, wie launisch, jähzornig und scheiße ich im Urlaub sein kann.

Ich dachte immer, die nervigen Eigenheiten würden sich bei allen Reiseteilnehmern die Waage halten, aber wenn ich mich ohne Egofilter zurückerinnere, muss ich mir wohl wirklich einiges eingestehen. Auch wenn meine Freundin dazu diplomatisch meint, dass doch immer zwei nötig seien, um beschissen zueinander zu sein, gilt: Wenn du nicht sofort das Arschloch der Reisegruppe identifizieren kannst, bist es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit du selber. Happy Travels!

Josef auf Twitter: @theZeffo