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Sex

Mein Besuch in einem Berliner Flatrate-Puff

Wegen seinem „All you can fuck"-Modell können Prostituierte im „King George" noch richtig Kohle machen.

von Conor Creighton
16 Juli 2014, 3:45pm

Das Berliner Bordell „King George“ öffnet jeden Tag um vier Uhr nachmittags (Weihnachtsfeiertage ausgeschlossen). Für 99 Euro kannst du dann so lange dort bleiben, bis an nächsten Morgen wieder die ersten Kehrmaschinen vorbei fahren. Dabei darfst du so viel trinken, wie du willst, und so oft Sex haben, wie du kannst. Hierfür stehen dir Klaudia, Katja, Petronella, Alina, Barby oder welche der 27 Angestellten auch immer gerade auf den Samtstühlen oder Ledercouches unter den vielen roten Lichtern neben der Bar sitzt, zur Auswahl. 

Das „King George“ ist Deutschlands erstes Flatrate-Bordell. Es ist die Antwort der Sexindustrie auf die weltweite Rezession. In Berlin gibt es knapp ein Dutzend solcher Etablissements. Die Bordelle selbst bevorzugen den Begriff „all-inclusive“. Der Besitzer Sascha Erben sagt es so: „Es geht hier immerhin um Sex und nicht um Textnachrichten oder Ferngespräche.“

Alina arbeitet am Einlass. Sie trägt eines dieser pinken Schlauchkleider. Es bedeckt ihren Körper so wie ein Brötchen ein Hotdog-Würstchen bedeckt. Wenn sie aufsteht, dann rutscht das Kleid hoch und über ihren Arsch, bis sie es mit ihren Fingern wieder runter zieht. Die restlichen Frauen tragen das Gleiche, bloß in verschiedenen Pinktönen—fast wie eine Art Uniform. Wenn sie herumlaufen, dann rutschen die Kleider immer wieder hoch und runter und legen so den bloßen Hintern und ein wenig Schritt frei. Die Stöckelschuhe, auf denen die Frauen laufen, lassen sie wie diese Fischerhütten auf Holzpflöcken aussehen—die Hütten, die keinem Sturm oder Ölteppich standhalten. Alle rauchen Marlboros oder Chesterfields, die Warnhinweise der Verpackungen sind in kyrillischer Schrift aufgedruckt. Und alles in diesem Bordell—vom Drink in deiner Hand bis zu dem Stuhl, an den du dich anlehnst—riecht nach Zuckerwatte.

Als ich den Frauen erzähle, dass ich nur eine Story schreiben will, spielen sie gleich mit ihren Handys rum, essen Pizza und entfernen vereinzelte Haare aus ihrer Bikinizone. Ich denke, dass sie vermutlich das Gleiche machen würden, wenn ich sage, ich bin schwul.

Der Aufbau des Gebäudes ist eine Hommage an den Penis selbst: Eine lange, enge Bar führt zu mehreren eng zusammenliegenden Räumen mit sauber gewischten Betten, Duschen und einer Beleuchtung, bei der du niemals ein Buch lesen könntest. Aus den kleinen, in der Decke versteckten Lautsprechern erklingt Europop. Ich war bis jetzt noch nie in einem Club in Dubai, aber ich könnte mir vorstellen, dass neben den ganzen verspiegelten Tanzflächen, den Swarowski-Gläsern und den Tischreservierungen für 5000 Euro der DJ aus der gleichen schlechten Musiksammlung schöpft wie das „King George“. 

„Gefällt dir die Musik?“, frage ich Alina.

„Welche Musik?“, sagt sie. 

Die meisten der Frauen kommen aus Osteuropa. Klaudia kommt aus Österreich und ist in Berlin schon so etwas wie eine Berühmtheit. Manche Männer zahlen für sie 200 Euro pro Stunde. Alina sagt, dass sie aus Neapel kommt und das Meer und ihr Zuhause vermisst. Aber ihr Akzent verrät mir, dass sie wohl eher aus Rumänien und nicht aus Italien stammt. Dasselbe gilt für die Frauen, die Spanisch sprechen, zum Beispiel Petronella und Barby. Sie lernen die Sprache, wenn sie beim Großwerden in Rumänien spanische Telenovelas schauen, und sie sprechen sie, weil es laut ihnen Spaß macht. Vorzugeben, eine Spanierin zu sein, ist vielleicht witzig, aber in Deutschland ist es auch ganz klug, denn hier haben Rumänen keinen wirklich hohen Stand.

Natürlich schummeln sie auch bei ihrem Alter. Eine Frau, die wie Mitte 40 aussieht, ist angeblich Mitte 30. Und die 30-Jährigen sind natürlich alle 19. Aber ich glaube, das ist einfach nur ein Anzeichen der ganzen Unehrlichkeiten, auf die Bordelle aufgebaut sind. Die Frauen tun so, als seien die Männer interessant und begehrenswert und die Männer reden sich ein, dass sie das auch wirklich sind. 

Die ersten Kunden kommen, als in den Fabriken und Läden Feierabend gemacht wird. Sie haben auch alle das Gleiche an: Stiefel mit Stahlkappen, Arbeitshosen von Snickers und ein graues Shirt, das so in den Hosenbund gesteckt wird, dass der runde Bauch gut zur Geltung kommt.

Erben kennt das Klientel gut. „Wir versorgen Taxifahrer und Arbeitslose—Typen, die nicht viel mehr als 1500 Euro im Monat machen.“

Erben hat das „King George“ vor über sechs Jahren gekauft. Davor war es ein Stripclub. Er ist in Ostdeutschland aufgewachsen, wo er zum ersten Mal mit dem ältesten Gewerbe der Welt in Berührung kam, als er für einen Freund der Familie stundenweise Apartments vermietete. Als die Mauer fiel, zog Erben in den Süden nach Bayern, kehrte dann aber wieder zurück nach Berlin. „Bei einer Prostituierten ist ein Lächeln das Wichtigste“, sagt er. „Sie müssen nicht unbedingt hübsch sein, es ist tatsächlich oft besser, wenn sie das nicht sind. Du willst diese Art Frau, die auch nach zwölf Stunden ohne Beschäftigung noch bezaubernd sein kann.“

Erben kommt als ziemlich umgänglicher Typ rüber. Seine Angestellten bestätigen das. Klaudia erzählt mir, dass er sehr nett ist und den Frauen Geld leiht. Ihr hat er eine Handtasche für 300 Euro gekauft. Das dürfen ihre Kolleginnen aber nicht erfahren.

Aber hat er auch mit ihnen Sex? „Nein“, sagt Erben. „Sobald du das machst, respektierst du sie nicht mehr als Angestellte. Und es sorgt auch für Spannungen unter den Frauen.“

Aber mit wem fickt er dann? „Ich habe eine Freundin. Wenn man meinen Beruf bedenkt, ist es ziemlich schwer, eine Partnerin zu finden, mit der ich eine Familie gründen kann.“

Die Frauen haben allerdings Familie, Klaudias Tochter ist 17 Jahre alt. Diese holt sie nachts nach der Arbeit ab und sie essen dann zusammen einen Döner. Klaudia ist auch Krankenpflegerin. Im Bordell ist sie nützlich, aber in der echten Welt nicht ganz so sehr, dort verdient sie nur 1300 Euro im Monat. Bei einer guten Nacht im „King George“ kommen für sie schon mal 600 Euro zusammen. Das ist OK für eine Prostituierte. Im Sommer macht sie in Ibiza Urlaub, im Winter in den Alpen.

„Viel von dem Geld verdiene ich gar nicht mit Sex. Manche Männer wollen einfach nur reden oder sich mit mir eine Flasche Champagner teilen“, sagt sie. „Oft sitze ich mit drei Männern auf einmal im Whirlpool und wir lachen zusammen.“

Es geht auch nicht nur um Sex. Erben hat alles gut durchgeplant. Der durchschnittliche Flatrate-Kunde fickt mit 2,7 Frauen. Den Rest der Zeit verbringt er an der Bar, füttert den Poker-Automaten mit Münzen und legt sich vielleicht sogar kurz für ein Nickerchen alleine in eines der Zimmer.

„In traditionellen Bordellen“, erklärt Erben, „fühlen sich viele Männer nicht wohl. Alles muss schnell gehen, dabei werden viele Typen nervös und kriegen keinen hoch. Hier kann sich der Kunde wie in seiner Stammkneipe fühlen und hat Zeit, sich mit den Frauen zu unterhalten.“

Das „King George“ ist sieben Tage die Woche geöffnet, aber die Angestellten dürfen maximal fünf Tage pro Woche arbeiten. „Um sich mental und körperlich zu erholen“, sagt Erben. 

Hier hat eine Frau in einer Nacht bis zu 20 Mal Sex. Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, wie man sich davon mental erholen soll.

Die Prostituierten gehen und kommen wieder. Katja ist Ungarin, zweifache Mutter und gelernte Pflegerin—sie findet gerade keine Arbeit, also ist sie übergangsweise wieder im „King George“ tätig.

Ich frage, ob es ihr gefällt. „Manchmal, sonst jedoch nicht wirklich. Aber Arbeit soll ja auch nicht gefallen“, sagt sie. 

Erben hat kein Problem damit, neue Angestellte zu finden. An manchen Tagen stehen die Bewerberinnen sogar Schlange. „In anderen Bordellen machen die Frauen vielleicht nicht mal genug Geld, um ihr Taxi zu bezahlen“, sagt er. 

Im „King George“ gibt es mehr rote Lichter als auf allen deutschen Kreuzungen. An einem schlechten Abend macht man dort immer noch 100 Euro pro Kopf. Von jedem Euro, den ein Kunde ausgibt, fallen 50 Cent auf die Frauen ab. Extras wie Blowjobs ohne Kondom, Analsex und Küssen bringen auch Extra-Geld. Da hierzulande Prostitution nicht illegal ist, bezahlen sie auch Steuern und ihre Abgaben werden dazu genutzt, Schulen, Krankenhäuser und Brücken zu bauen oder Stiefel für die Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Hydra, eine Organisation zur Stärkung der Rechte der Prostituierten in Deutschland, schätzt, dass es hier in diesem Land fast eine halbe Million Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen gibt. Zwei Drittel davon sind nicht deutsch. Klaudia ist als Österreicherin aber schon ganz nah dran. Auf ihrer Schulter hat sie ein ausgeblichenes Tattoo. Es war ihr Erstes und zeigt ein Herz, auf dem „Love“ steht.

„Ziemlich dumm“, sagt sie. 

„Liebe?“, frage ich.

„Nein, nur das Tattoo.“