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DIE WALL STREET ISSUE

Gefallene Männer: Wie die Mafia sich an der Rezession gesundstößt

Kriminalität ist einer der wenigen Wirtschaftszweige, die in Zeiten der finanziellen Misere florieren.

von Roberto Saviano
03 Januar 2015, 10:40pm

Die Mafia hat schon immer von Wirtschafts­krisen profitiert. Rezessionen füllen die Geld­säcke und erhöhen ihr gesellschaftliches Ansehen.

Tatsächlich ist Kriminalität einer der wenigen Wirtschaftszweige, der in Zeiten der finanziellen Misere floriert. Blicken wir nur mal auf das letzte Jahrzehnt zurück: In den Vereinigten Staaten brach der Immobilienmarkt zusammen, Italien schlitterte an der Zahlungsunfähigkeit vorbei und Griechenland, Spanien und Portugal standen kurz vor dem Staatsbankrott. Während dieser gesamten Zeit erfreute sich der Drogenhandel nie dagewesener Umsatzhöhen.

So war es immer. Während der Großen Depression blühten die Geschäfte des italo-amerikanischen Mobs, der bereits von der Prohibition profitiert hatte. Der Konsum von Alkohol und Drogen nahm zu, da sich die Menschen aufgrund unsicherer Zukunftsaussichten in den Rausch flüchteten, die Verarmten und Mittellosen wandten sich noch häufiger an Kredithaie, und die allgemeine Perspektivlosigkeit begünstigte den Zuwachs von mafiös organisiertem Glücksspiel, Sportwetten und illegalen Lotterien.

Und damit nicht genug. Die Mafia nutzt solche Momente der Unsicherheit stets, um ihren Organisationen ein besseres Image zu verschaffen. Nach dem Börsenkrach von 1929 beschloss Al Capone, seine Restaurants und Bekleidungsgeschäfte in Chicago für die Speisung und Kleidung der Armen zu mobilisieren. (In den 1980er Jahren benutzte Pablo Escobar dieselbe Demagogie, als er anbot, Kolumbiens Staatsschulden aus eigener Tasche zu bezahlen.)

Während Politiker und die Presse sich Gedanken machten, wie man der Wirtschaftskrise beikommen könnte, stießen sich die italo-amerikanischen Mafiabosse daran gesund und nutzten sie als Gelegenheit, ihre illegalen Unternehmungen umzustrukturieren und wieder in Schwung zu bringen. In genau dieser Zeit konsolidierte sich auch das sogenannte Chicago Outfit. Ende der 1920er Jahre entdeckte Lucky Luciano die Bedeutung des Heroinhandels. Und als 1931 in Nevada das Glücksspiel legalisiert wurde, eroberten die Mafiabosse Las Vegas.

Erst in den frühen 1930er Jahren, als für Amerika langsam ein Ausweg aus der Krise sichtbar wurde, begannen die US-Institutionen sich ernsthaft auf den Kampf gegen die Mafia zu konzentrieren. Damals kam es zu den ersten Verhaftungen: Luciano und Al Capone endeten hinter Gittern, hatten es aber in der Krise geschafft, sich so gut aufzustellen, dass sie all ihre Geschäfte vom Gefängnis aus erfolgreich weiterführen konnten. Die italo-amerikanischen Mafiabosse waren so mächtig, dass der amerikanische Geheimdienst während des Zweiten Weltkriegs im Tausch gegen niedrigere Gefängnisstrafen oder gar Straffreiheit ihre Mithilfe in Anspruch nahm.

Obwohl uns die Geschichte lehrt, dass wir uns in Krisenzeiten vor Gangstern und Erpressern in Acht nehmen sollten, neigen Institutionen dazu, gerade in diesen Perioden ihre Schilde herunterzufahren und dem organisierten Verbrechen Blankovollmachten auszustellen. Daran hat sich nichts geändert.

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Im Dezember 2009 gab der geschäftsführende Direktor des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, Antonio Maria Costa, eine schockierende Erklärung ab: Er enthüllte, dass während der Finanzkrise von 2008 das einzige flüssige Kapital, das einigen Banken zur Verfügung gestanden hatte, um sich vor dem Zusammenbruch zu retten, aus den Einnahmen krimineller Organisationen stammte.

Wie hatte es soweit kommen können? Laut des internationalen Währungsfonds verloren Banken in den Vereinigten Staaten und Europa zwischen 2007 und 2009 mehr als 1 Billion Dollar durch faule Wertpapiere und Kredite. Viele große Kreditinstitutionen scheiterten oder mussten zeitweise Insolvenz anmelden. Und im zweiten Halbjahr 2008 war der Kapitalfluss für die meisten Bankensysteme zu einem zentralen Problem geworden. Die zurückhaltende Kreditvergabe der Banken hatte das System praktisch lahmgelegt, und nun kamen die kriminellen Organisationen ins Spiel, die enorme Geldsummen für Investitionen zur Verfügung hatten—bzw. diese waschen mussten.

Eine kürzlich von den kolumbianischen Wirtschaftswissenschaftlern Alejandro Gaviria und Daniel Mejía an der Universität von Bogota vorgestellte Studie brachte ans Licht, dass 97,4 Prozent aller kolumbianischen Drogeneinnahmen mittels verschiedener Finanztransaktionen regelmäßig in amerikanischen und europäischen Banken gewaschen werden. Wir reden hier von Hunderten von Milliarden Dollar. Die Geldwäsche findet über ein System von Aktienpaketen statt, die wie russische Matrijoschkapuppen funktionieren: Bargeld wird in elektronisches Geld umgewandelt und von einem Land ins nächste überwiesen, bis es irgendwann einen neuen Kontinent erreicht und kaum noch zurückverfolgbar ist. So kam es, dass Interbankkredite systematisch mit Geld aus dem Drogenhandel oder anderen illegalen Geschäften finanziert wurden. Ein paar Banken haben sich für ihre Rettung auf dieses Geld gestützt. Folglich ging ein Großteil der 352 Milliarden Dollar aus dem Drogenhandel frisch gewaschen ins legale Wirtschaftssystem über.

Am 26. Oktober 2001 unterzeichnete George W. Bush im Zuge der Ereignisse des 11. Septembers den Patriot Act. Auf der Grundlage dieses Gesetzes sollten internationale Geldwäsche und die Finanzierung von Terrorismus verhindert, erkannt und verfolgt werden. Danach darf das US-Finanzministerium bei Verdacht auf Geldwäsche nationale Finanzinstitutionen anweisen, eine Reihe von Maßnahmen in Bezug auf Zuständigkeiten, Geldinstitute oder ausländische Bankkonten zu unternehmen.

Dennoch brachte die letzte Finanzkrise trotz aller harten Maßnahmen seitens der amerikanischen Regierung, selbst amerikanische Banken dazu, die Augen vor illegalen Geschäften zu verschließen und Gesetze zu umgehen. Im Februar 2012 erklärte Jennifer Shasky Calvery, damalige Chefin der Abteilung für staatliche Beschlagnahmung und Geldwäsche im US-Justizministerium: „Unter dem Deckmantel des täglichen Transfers von Billionenbeträgen zwischen verschiedenen Banken werden US-Banken dazu missbraucht, riesige illegale Geldbeträge durchzuschleusen." Gewissermaßen ein Eingeständnis, dass der Patriot Act nicht ausreichte, um schmutzige Geldströme von der amerikanischen Wirtschaft und ihrem Finanzsektor fernzuhalten.

Die Verbindung zwischen Drogenhandel und Banken ist nicht neu. Wie Costa dem Observer gegenüber erklärte: „Die Verbindung zwischen dem organisierten Verbrechen und den Finanz­institutionen besteht seit den späten 1970er, frühen 1980er Jahren, als die Mafia global zu arbeiten began." Vorher zirkulierte das Geld von Verbrecherorganisationen vor allem als Bargeld. Mit der Globalisierung der Mafia wurde es einfacher und bequemer, Geld elektronisch von einem Teil der Welt in einen anderen zu transferieren. Laut dem Observer nahm die Aufmerksamkeit der Behörden in Bezug auf Geldwäsche in den Banken Ende der 1980er Jahre jedoch wieder zu, und die Verbrecherorganisationen mussten erneut auf Bargeld umstellen.

Allerdings hatten die Anti-Geldwäsche-Behörden nicht mit der Finanzkrise gerechnet, die sich Anfang der 2000er Jahre über die ganze Welt ausbreitete und von Russland bis in die USA zu einer

Knappheit an flüssigem Kapital führte. Diese Knappheit sollte die Banken nicht nur in die Knie zwingen, sie öffnete auch erneut Tür und Tor für die enormen Finanzmittel krimineller Organisationen. Die Schlagzeilen der letzten Jahre, die auch einige der größten global agierenden Banken betrafen, veranschaulichen dies sehr gut.

Laut Aussage einiger Experten gehören die finanziellen Machtzentren London und New York nun zu den größten Wäschereien für schmutziges Geld. Dieser Titel gebührt also nicht länger Steuerparadiese wie den Cayman Islands oder der Isle of Man, sondern der Lombard Street und der Wall Street.