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Eine kurze Geschichte der rektalen Fütterung

Wo hat die CIA eigentlich die Idee her, Menschen durch den Anus zu ernähren?
12 Dezember 2014, 8:05am
Eine afrikanische Holzplastik, die einen aus einer Tierblase gefertigten Druckklistier zeigt. Foto: Wikimedia

​ Natürlich hat niemand geglaubt, dass ​die Foltermethoden, die die CIA bei Terrorverdächtigen anwendete, einem vergnüglichen Spaziergang über einen Mittelaltermarkt gleichen. Uns war schon immer klar, dass es da ziemlich brutal zugeht. Natürlich lassen Ausdrücke wie „Waterboarding" oder „Verhaltenskontrolle" dich jetzt nicht sofort zusammenzucken oder zum nächsten Eimer greifen. Das ist mehr psychologischer Terror als irgendetwas anderes. Damit soll der Wille einer Person gebrochen werden, damit sie die genauen Details ihrer Anschlagspläne preisgibt. Die ​entsetzlichen Einzelheiten des vor Kurzem veröffentlichten ​Folterbericht​s des US-Senats klingen jedoch nicht wirklich wie Verhörtechniken, sondern eher wie Szenen aus ​The Huma​n Centipede.

Eine der besagten Foltermethoden bestand daraus, das Opfer rektal zu „füttern". Das Konzept, jemandem gegen seinen Willen Essen und Trinken in den Arsch einzuführen, kommt so plump und idiotisch daher, dass es eher wie eine Art schiefgegangener Studentenstreich anmutet. Meiner Meinung nach ist es nicht zu weit hergeholt, Amerikas aktuelles Abenteuer im Nahen Osten als eine Art sadomasochistische Sex-Party zu bezeichnen—wie eine Fortsetzung von Die Rache der Eierköpfe, in der ​Ogre zum Präsidenten des griechischen Rats gewählt wurde und alle unliebsamen Studenten dazu zwingt, sich Kiefernnadeln in ihre Penisöffnung zu stecken. Wir dachten zwar, dass die Geschehnisse in ​Abu Ghuraib schon schlimm waren, aber sie stellten auch nur einen Abschnitt des Snuff-Films dar, den wie Krieg nennen.

Rektale Fütterung war jedoch nicht immer nur für den „Erhalt von Informationen" gedacht. Ein Artikel des ​British Medical Journals vom Juni 1913 beschreibt die praktischen Vorteile der Anus-Nährstoffaufnahme. Darin wird behauptet, dass die rektale Fütterung im Mittelalter sehr beliebt war und man 1872 Experimente mit Hunden durchführte (dabei wurde den Tieren eine 500-Kalorien-Mahlzeit aus „Hackfleisch und Pankreas" eingeflößt). Es gibt sogar eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert, in der eine Frau allein durch diese Art der Behandlung 70 Tage lang am Leben gehalten wurde. Ein vor Kurzem erschienener ​Artikel von Motherboard erläutert, dass die rektale Fütterung in den Zeiten vor der intravenösen Infusion bei Patienten eingesetzt wurde, die—aus welchen Gründen auch immer—keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen konnten. Das British Medical Journal geht bezüglich dessen, was als ein erfolgreiches Rektal-Fütterungs-Experiment angesehen wurde, noch ein wenig mehr ins Detail:

Sieben junge Frauen, die an Magengeschwüren leiden, wurden sechs oder sieben Tag lang allein mit Nährstoff-Einläufen ernährt. Sie mussten im Bett bleiben und wurden vor und nach dem Experiment gewogen. Alles wurde mit großer Genauigkeit durchgeführt. Die Einläufe wurden im Sechs-Stunden-Takt verabreicht und bestanden aus zwei Eiern oder 200 ccm Milch und Eier, Dextrose, isotonischer Kochsalzlösung und in einem Fall Lebertran. Das Ganze wurde dann 20 Minuten lang vom Körper verarbeitet. Jeden Tag wurde der Darm gesäubert und der Inhalt untersucht.

Diese ganze Prozedur setzte sich nicht wirklich als Wunderernährung oder als Ersatz für den mühseligen Kauprozess durch. Jedoch schaffte man es so, den US-Präsidenten James Garfield noch 80 weitere Tage am Leben zu erhalten, nachdem er 1881 von Charles J. Guiteau angeschossen wurde. Laut dem Medizinhistoriker Dr. ​Ira Rutkow glaubten Garfields Ärzte, dass eine der Kugeln seinen Darm verletzt hätte. Deswegen hielten sie es für unklug, ihrem Patienten feste Nahrung zu verabreichen, und ernährten ihn stattdessen durch sein Hintertürchen mit Rinderbouillon, Eigelb, Milch, Whisky und etwas Opium. Zwar starb Garfield trotzdem, aber ohne das ganze Zeug, das in seinen Arsch gepumpt wurde, hätte er nicht annähernd so lange durchgehalten.

Als die intravenöse Verabreichung von Nährstoffen in der Medizin immer beliebter wurde, spielten die rektale Fütterung und Vorrichtungen wie der sogenannte ​„Murphy Drip" bald keine Rolle mehr. Eigentlich ist nur noch South Park ​immer wieder vom ​analen Einführen von Essen fasziniert, ansonsten ist die ganze Prozedur im Mülleimer der komischen Behandlungsmethoden gelandet und fristet dort ihr Dasein neben solch bizarren Dingen wie ​Aderlass und ​dem Bohren von Löchern in deinen Schädel.

Natürlich sind es wieder die Amerikaner, die in Nostalgie verfallen und etwas komplett Irrelevantes für schändliche Zwecke wieder hervorkramen müssen. Hier eine Liste von Dingen, die so in den letzten Jahren wieder zurückgebracht wurden: Angst vor einem russischen Angriff, rassistische Gewalt, ​Keuchhusten, polizeiliche Übergriffe, ​Unterdrückung der Wähler und Hillary Clinton. Was ist wohl als nächstes dran? Autos ohne Anschnallgurte? Bleihaltige Farbe? Polka-Musik? Gott steh uns bei.

Titelfoto: Eine afrikanische Holzplastik, die einen aus einer Tierblase gefertigten Druckklistier zeigt. Foto: ​Dr. med. M. Tschannen | ​Wikimedia |  Gemeinfrei