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Ich bin schwul und behindert, aber keine Pointe

Mit drei Jahren wurde bei mir eine rheumatische Autoimmunerkrankung festgestellt. In der Gay Community macht es das nicht unbedingt einfacher.
14.11.14

​Vergangenes Jahr im Sommer nahm ich an einer Diskussionsrunde teil, in der es darum ging, wie das so ist als Schwuler bzw. Lesbe und dem Älterwerden. Ich war in der Runde der junge Hüpfer—an alle schwulen Leser: Ja, das kann man auch mit 27 sein!—und sprach davon, wie es ist, sich trotz jungen Alters schon alt zu fühlen. Nicht wegen der kommenden großen Drei, sondern deshalb, wie einem in der Gay Szene manchmal begegnet wird und auch wegen dem eigenen Selbstbild.

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Im Rahmen der Diskussion war immer wieder von anderen jungen Hüpfern die Rede, die ausgelassen auf der Wiese herumtollen, vier Stunden im Fitnesscenter ihre Körper stählen oder eine Drei-Tages-Wanderung unternehmen. Dinge, die junge Leute eben unternehmen, weil sie jung sind und mitten in ihrem Saft stehen. Im Publikum war auch ein junger (schwuler) Rollstuhlfahrer. Als ich an der Reihe war, konnte ich nicht anders, als anzumerken, dass es sehr wohl auch junge Menschen gibt, die nicht auf der Wiese herumtollen, sich nicht im Fitnesscenter verausgaben oder nicht ­­auf den höchsten Berg raufkraxeln, obwohl sie es vielleicht gerne tun würden, und dass man das nicht vergessen sollte. Der Rollstuhlfahrer applaudierte. Wir sahen uns an. Ich nickte.

Nein, ich sitze nicht im Rollstuhl. Ich habe auch keinen Körperteil amputiert bekommen oder muss mit einer Beatmungsmaschine leben. Aber ja, auch ich bin behindert. Um es kurz zu machen, weil ich euch nicht mit medizinischen Details langweilen will: Mit drei Jahren wurde bei mir eine rheumatische Autoimmunerkrankung festgestellt. Als Kind war ich schwer krank, heute lebe ich mit den Folgen. Die sind: Muskelschwäche beziehungsweise -schwund und eben die Auswirkungen, die man im Alltag davon so spürt. Meine Beine und besonders meine Arme sind sehr dünn (vielleicht auch dürr) und manche würden sagen, ich „gehe komisch" (was ich hier einfach unkommentiert lasse). Und die psychischen Auswirkungen? Ich sag's mal so: Angestarrt zu werden und so manch blöde Sprüche von so manch blöden Halbstarken können einem ganz schön den Tag versauen.

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Wenn Schwule sich unverstanden fühlen in der heteronormativen Welt, wenn sie das Gefühl haben, es gäbe keinen, der so ist wie sie—ja, das passiert auch heute noch—, dann haben sie immer noch die Gay Community, die zumindest in manchen Lebensphasen zu einem Mikrokosmos wird, der dafür sorgt, dass man sich verstanden und vor allem nicht alleine fühlt. Als schwuler Behinderter oder behinderter Schwuler hingegen ist das gesamte Leben geprägt von einer endlosen Reihe an Coming-Outs, nach denen einen kein schützender Mikrokosmos auffängt: Unter den Heten outet man sich als schwul (und behindert), bei den Schwulen outet man sich gleich noch mal (und jedes Mal wieder), und zwar als behindert.

Foto: Keoni Cabral via photopin cc

Es gibt keinen Lebensbereich, in dem man sich nicht outen muss, nicht mal in der Gay Szene, die sich für Schwule nicht zuletzt dadurch auszeichnet, dass hier endlich der Druck des Outings wegfällt. Man hat immer das Gefühl, ein Geheimnis mit sich rum zu schleppen und sich erklären zu müssen, obwohl man manchmal dem Gegenüber einfach nur ein wütendes „Fuck off!" ins Gesicht schreien möchte.

Online-Dates, die sich in der schwulen Kultur sehr, SEHR großer Beliebtheit erfreuen, sind an sich schon keine unkomplizierte Sache—aber wenn man dann auch noch mit seinem imperfekten Körper (und hier spreche ich nicht von einer großen Nase oder ein paar Kilos Übergewicht) rausrückt, wird es tatsächlich sehr schwierig, einen Partner zu finden. Ich möchte hier kein Gay-Bashing betreiben—vor allem, weil dieses nicht okayer wird, nur weil man selber schwul ist—, aber das eine oder andere Klischee kommt eben auch nicht von irgendwoher: Ja, in der schwulen Welt herrscht ein ausgeprägter Körperkult.

Nach einem Schwanz-Pic zu fragen, ist genauso selbstverständlich wie ein freundliches Hallo—und vielleicht sogar ein bisschen alltäglicher.

Nach einem Schwanz-Pic zu fragen, ist genauso selbstverständlich wie ein freundliches Hallo—und vielleicht sogar ein bisschen alltäglicher. Auf Gayromeo oder Gayboy (in dessen Dating-Kategorien man offiziell ab 25 als „reif" gilt) kann man User explizit nicht nur nach Schwanzgrößen, sondern auch nach Körperbehaarung, Tattoos und Piercings auswählen. In schwulen Kreisen ist es schon ein kleines Drama, wenn man eine Brille trägt—was ich zu allem Überfluss übrigens auch noch tue—, und Glatzenträger bin ich noch dazu. Ihr könnt euch also meine Erfolgsquote vorstellen (und es ist nicht angenehm, diese Worte zu schreiben). Wenn ein Typ mal nett ist und über Brille und Glatze hinwegsieht (was dann doch einige sind), dann kommt meine Behinderung ins Spiel. Sehr oft wird's spätestens dann kompliziert.

Um die Frage, die wahrscheinlich gerade in euren Köpfen herumschwirrt, vorwegzunehmen: Nein, ich bin keine Jungfrau mehr. Weiß Gott nicht. Ich habe Sexdates—wahrscheinlich um einiges weniger als viele meiner schwulen Bekannten, vielleicht aber mehr als der eine oder andere (heterosexuelle?) Single da draußen. Im Augenblick der Wahrheit sind die Blicke auf meine dürren Armen und die zahlreichen Narben auf meinem Körper aber unausweichlich. Irritation schwingt beim Anderen immer mit, manchmal auch Enttäuschung. Bei mir eigentlich immer. Was Sex nicht gerade einfacher macht—und eine Beziehung sowieso nicht. Mit 29 Jahren hatte ich noch nie eine feste Beziehung. Zwei Typen bisher hätten mit der Behinderung umgehen können, aber da hab ich's dann auf andere Weise verbockt.

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Wie ich erst in Chatforen und auf Online-Datingplattformen gelernt habe, gibt's zwar auch einen sexuellen Behinderten-Fetisch, aber das finde ich dann doch etwas creepy und stelle es mir nicht gerade prickelnd vor, als Vorspiel meine Narben fetischieren zu lassen. Wo wir eigentlich schon bei einem weiteren wichtigen Punkt wären: Ich bin mehr als nur eine Behinderung, mehr als mein Aussehen.

Foto: Homo Erectus | flickr | cc by 2.0

Etwas, was viele in der oberflächlichen (schwulen) Sexdate-Kultur nicht begreifen oder begreifen wollen. Andererseits möchte ich hier auch nicht als Moralprediger auftreten und mit Vorwürfen um mich schmeißen. Beurteile ich selbst andere nach äußerlichen Kriterien? Natürlich. Bin ich auf den blauen Seiten oft genug selbst viel zu oberflächlich, weil ich mir denke: „Wenn das andere bei mir dürfen, darf ich das auch!"? Leider ja. Bin ich stolz drauf? Nein, im Gegenteil.

Ich verstehe es gut, wenn die Behinderung des Gegenübers ein Problem für einen selbst darstellt. Meiner persönlichen Erfahrung nach ist es für Schwule viel zu oft besonders wichtig, wie sie nach außen hin wirken. Hat man dann endlich einen Partner gefunden, wird man als „schwules Paar" weiterhin marginalisiert, muss sich rechtfertigen oder wird auf der Straße immer wieder zumindest schief angeschaut. Da will man sich einfach nicht noch mehr ins Aus stellen—oder auch nur in die Auslage—, indem man einen behinderten Freund hat. Will nicht gegen noch mehr Windmühlen kämpfen und erst recht kein „zweites Coming-Out" aufbürden.

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Ich weiß noch, als ich mit 12 oder 13 Jahren (da bemerkte ich das erste Mal, wie sexy Männer sind) heulend im Bett lag und betete, nicht schwul zu sein. Nicht des Schwul-Seins wegen (damit hatte ich nie ein Problem), sondern weil ich nicht „doppelt anders" sein wollte als alle anderen. Ich habe eine sehr gute Freundin, für die es eine große Beleidigung ist, würde man ihr sagen, sie wäre „wie alle anderen". Ich habe nie so gedacht. Ich wäre eigentlich ziemlich glücklich, wenn ich wie alle anderen (oder zumindest wie alle anderen Schwulen) sein könnte.

Spätestens an dieser Stelle werdet ihr euch vielleicht denken, dass ein Empowerment-Artikel anders aussieht. Stimmt. Aber auch Schwule müssen nicht immer in allem Motivationstrainer spielen.

Spätestens an dieser Stelle werdet ihr euch vielleicht denken, dass ein Empowerment-Artikel anders aussieht. Stimmt. Aber auch Schwule müssen nicht immer in allem Motivationstrainer spielen. Ich möchte hier auch nicht die allumfassende Weisheit predigen, sondern stattdessen vor allem ehrlich sein, meine ganz eigene Wahrheit erzählen. Und zu dieser Wahrheit zählt auch, dass ich mich immer öfter zu fragen beginne: Kann man am Ende selbst mit der Behinderung schlechter umgehen als das Gegenüber? Vielleicht blockt man absichtlich ab, baut Mauern auf, weil man die Wahrheit gar nicht so genau wissen will—und bemerkt dann gar nicht, wenn das Glück tatsächlich am Herz oder Schwanz anklopft.

Natürlich ist aber trotzdem nicht alles scheiße. Erstens kann man manche Dinge sowieso nicht ändern und muss sie als gegeben hinnehmen. Zweitens weiß ich nicht, ob gewisse Aspekte in meinem Leben ohne mein (schwules) Behinderten-Dasein so positiv verlaufen wären. Ich hätte vielleicht nicht so wunderbare Menschen in meinem Leben. Ich wäre vielleicht nie zum Schreiben gekommen, wenn ich stattdessen auf dem Feld einem Ball nachgerannt wäre. Ich hätte wahrscheinlich niemals diese Zeilen hier verfasst.

Entscheidend ist für mich, das Thema „Schwul und behindert" zu enttabuisieren, in der heterosexuellen Gesellschaft genauso wie in der Gay Community und nicht zuletzt in schwulen Medien. Letztere nämlich geht diesem Thema gerne aus dem Weg. Schließlich kann man hier nicht so herziehen wie über die homophobe Kirche und außerdem glaubt man, hier penibel politisch-korrekt sein zu müssen, weil es ja ein sensibles Thema ist. Behindert sind schließlich nicht soooo viele Menschen—und schwul und behindert schon gar nicht. Dass aber auch andere gesellschaftliche Minderheiten ein Recht auf ein mediales Sprachrohr haben, vergessen selbst Schwule manchmal gerne.

Ich sage: Lasst uns in schwulen Kreisen etwas mehr toleranter agieren und leben wir genau jene Toleranz, die wir von anderen so gerne einfordern. Nein, wir Schwulen müssen nicht alle perfekt sein. Behindert ist man erst, wenn man sich behindern lässt. Und übrigens: Auch mit einem imperfekten Körper kann man geilen Sex haben. Der sexy Südländer von letzter Nacht kann's bestätigen.


Titelbild: Fotocollage VICE Media