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Warum MDMA für Frauen gefährlicher und tödlicher sein könnte

Ecstasy-Konsum ist ein viel komplizierteres Thema, als man vielleicht denkt—vor allem, wenn es von einer Frau genommen wird.

von Kate Lloyd
13 Oktober 2015, 4:00am


Dieser Artikel ist zuerst bei Broadly erschienen.

Stunden, nachdem sie etwas Ecstasy genommen hat, liegt eine Teenagerin bewusstlos in einem Krankenhaus der englischen Stadt Essex. Ihr Mund ist dabei weit geöffnet und eine ganze Reihe an Schläuchen der Maschinen, die sie am Leben erhalten, schlängeln sich um ihren Hals. „Da draußen läuft ein Drogendealer herum, der Gift verkauft", meint ein Polizist gegenüber der Presse. „Er muss aufgehalten werden, bevor ein weiterer Mensch im Krankenhaus landet oder gar stirbt."

Im November jährt sich der Tod der englischen Teenagerin Leah Betts zum zwanzigsten Mal. Nachdem sie an ihrem 18. Geburtstag eine Pille geschluckt hatte, kollabierte die junge Frau und verkrampfte. Nach einem fünftägigen Koma wurden die lebenserhaltenden Maßnahmen schließlich eingestellt. Seitdem hat sich ihr Bild mit den Schläuchen und dem offen stehenden Mund im kollektiven Gehirn der Briten eingebrannt. In den Monaten nach Leahs Tod wurde sie zum Aushängeschild der Anti-Drogen-Kampagnen. Ihr Bild wurde in Zeitungen abgedruckt, in Klassenzimmern ausgehängt und auf Plakatwänden mit Text versehen: „Sorted—just one ecstasy tablet took Leah Betts." Bis heute gehört die junge Frau zu den bekanntesten Ecstasy-Todesopfern aller Zeiten.

Damals in den 90ern konnte es die Öffentlichkeit kaum fassen, dass ein hübsches Mädchen aus einem Vorort nach dem Konsum von Ecstasy gestorben ist. Heutzutage singt quasi jedes Pop-Sternchen darüber, ein paar Pillen zu schmeißen. Allein dieses Jahr hat es jedoch wieder eine ganze Reihe an weiblichen Todesopfern gegeben, deren Ableben mit Ecstasy zusammenhängt: In Washington D.C. starb eine 19-Jährige beim Feiern ihres Geburtstags, eine 18-Jährige aus Colorado Springs kostete der Konsum von mit Opiaten gestrecktem E das Leben und für eine schottische Teenagerin endete der Partyurlaub auf Ibiza tödlich. In der Global Drugs Survey von 2015 wurde herausgefunden, dass das Risiko für Frauen, nach dem Konsum von MDMA im Krankenhaus zu landen, letztes Jahr doppelt so hoch war wie für Männer. 23.000 Ecstasy-Konsumenten aus 25 verschiedenen Ländern nahmen an der Online-Umfrage teil und zeigten, dass sich 1,3 Prozent aller Frauen nach der Einnahme der Droge medizinisch behandeln ließen—bei den Männern lag der Prozentsatz nur bei 0,7. Frauen berichteten auch häufiger von Stimmungsschwankungen, Paranoia und Halluzinationen.

Trotz der womöglich erhöhten Gefahr für Frauen gibt es bis jetzt nur wenig Forschung im Bezug darauf, welchen Einfluss das Geschlecht auf den Ecstasy-Konsum hat. Zwanzig Jahre nach Leah Betts Tod fangen wir gerade erstmal damit an, zu begreifen, wie sich E auf Frauen auswirkt. Geschlechtsspezifische Studien haben nur einen kleinen Stichprobenumfang und während nicht alle Wissenschaftler davon reden, dass Frauen und Männer unterschiedlich auf die Droge reagieren, gibt es doch überzeugende Beweise, die suggerieren, dass das von einem chemischen Standpunkt aus betrachtet eben doch der Fall ist.

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Ecstasy—dessen wichtigster Bestandteil in seiner Pulverform auch unter dem Namen MDMA bekannt ist—verändert deine Stimmung, indem es die Ausschüttung der drei Gute-Laune-Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin anregt. Dein Körper gibt normalerweise Dopamin frei, um positive Handlungen wie Sport oder Nahrungsaufnahme zu belohnen. Währenddessen ist Serotonin dafür verantwortlich, deine Stimmung auf einem gleichbleibenden Level zu halten. Ecstasy verursacht ein solches Glücksgefühl, weil das Gehirn mit allen drei Neurotransmittern auf einmal versorgt wird. Irgendwann gehen diese Level jedoch auch wieder zurück und das ist dann auch der Zeitpunkt, an dem du dich einen Tag später mit Tränen in den Augen durch die Kelly-Clarkson-Diskographie hörst und wieder runterkommst.

In einer Studie aus dem Jahr 2013, an der Männer und Frauen teilnahmen, die in ihrem Leben schon mindestens 25 mal Ecstasy konsumiert hatten, wurde herausgefunden, dass der Rückgang der Serotonin-Level die Stimmung der Frauen mehr beeinflusst hat als die der Männer. In der Studie heißt es: „Poly-Ecstasy-Konsumentinnen [Frauen, die gleichzeitig zwei oder mehr Drogen konsumieren] scheinen auf die Auswirkungen von niedrigen Serotonin-Leveln empfindlicher zu reagieren als Männer. Wenn der Konsum von Ecstasy alleine oder der Konsum von Ecstasy in Verbindung mit anderen Drogen die Serotonin-Neuronen dauerhaft beschädigt, dann sind Poly-Ecstasy-Konsumentinnen möglicherweise anfällig für klinische Depressionen."

Foto: Vera Lair | Stocksy

Auf diese Ergebnisse kommen auch andere Studien, bei denen Drogenkonsumenten darum gebeten wurden, ihre Erfahrungen zu beschreiben. 2012 verteilten australische Wissenschaftler Flyer in Sydney und Melbourne und schalteten im Magazin Beat sowie im Internet Anzeigen, denn sie wollten mit Menschen reden, die regelmäßig Ecstasy konsumieren. So fanden sich auch 268 Leute und während der Interviews wurde festgestellt, dass Frauen nach der Einnahme von Ecstasy im Vergleich zu Männern von schlechterem Schlaf berichteten und auch auf im Bezug auf die geistige Gesundheit schlechter abschnitten. 2002 fand die Wissenschaftlerin Suzanne Verheyden heraus, dass Frauen nach dem MDMA-Konsum unter der Woche an schlimmeren Depressionen leiden, und im Jahr 2000 sprach Matthias Leichti davon, dass Frauen auf der Droge anfälliger für Angstzustände und Halluzinationen sind.

„Frauen scheinen die psychoaktiven Auswirkungen von MDMA stärker zu spüren als Männer. Außerdem sind bei ihnen im Drogenrausch mehr negative Folgen wie etwa Angstzustände, Depressionen, Schwindelgefühl oder Taubheit festzustellen", sagte Gilbender Bedi, ein Assistenzprofessor der klinischen Psychologie an der Columbia University. „Außerdem scheint bei Frauen im Gegensatz zu Männern der Puls und die Körpertemperatur nach oben zu gehen. Genau andersherum verhält es sich jedoch beim Blutdruck."

2013 verabreichte eine Gruppe Wissenschaftler 32 Probanden eine Dosis MDMA (im Verhältnis zu deren Körpergewicht) und fand so heraus, dass die Droge bei Frauen und Männern unterschiedlich anschlug. Während Empathie-Tests fanden es nur die Frauen unter MDMA-Einfluss schwieriger, traurige Gesichter zu erkennen—genauso verhielt es sich bei angsterfüllten Gesichtern. Bei den Männern war hingegen ein Anstieg des Mitgefühls zu verzeichnen, aber dieses erhöhte Mitgefühl befand sich dann auch nur auf dem Level der Frauen, denen nur Placebos verabreicht wurden. Na sieh mal einer an.

Aber was genau könnte für diese Unterschiede verantwortlich sein? Es gibt eine ganze Reihe an Faktoren, die beeinflussen, wie du auf Drogen reagierst—zum Beispiel das Körpergewicht, die Art und Anzahl der Drogen, ob zusätzlich Alkohol im Spiel ist oder ob man sich in einer warmen Umgebung befindet. Einige Wissenschaftler vermuten zusätzlich, dass Frauen einfach besser erkennen können, wenn sie sich emotional und körperlich verändern. Es gibt jedoch auch Anzeichen dafür, dass die fluktuierenden Hormone des weiblichen Fortpflanzungssystems ebenfalls eine Rolle spielen könnten. In anderen Worten: Deine Periode könnte unter Umständen deinen Rausch, das Abklingen der Wirkung und die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, dass du nach dem MDMA-Konsum ins Krankenhaus musst.

Sich verändernde Östrogen- und Progesteron-Werte, die bei menstruierenden Frauen festgestellt werden können, haben wohl einen Einfluss auf Neurotransmitter-Systeme wie eben das Serotonin-System. Dieses Jahr haben Wissenschaftler die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, bei der sie männlichen, weiblichen sowie männlichen und weiblichen Ratten ohne Fortpflanzungsorgane MDMA verabreichten. Dabei wurde herausgefunden, dass die Droge bei den weiblichen Ratten mit intakten Fortpflanzungsorganen die stärkste Wirkung zeigte—daraus schloss man, dass „die erhöhte Empfindlichkeit der Weibchen durch eine erhöhte Reaktivität des Serotonin-Systems—verursacht durch die Wirkung der Ovarialhormone—hervorgerufen wurde." Forschungsergebnisse haben auch gezeigt, dass die Wirkung anderer Stimulanzien wie Kokain bei Frauen unterschiedlich ausfällt, weil während des Menstruationszyklus auch andere Hormonwerte herrschen. So reagierst du als Frau kurz vor dem Eisprung zum Beispiel möglicherweise empfindlicher auf Amphetamine. Das würde bedeuten, dass Frauen nicht nur im Vergleich zu Männern anders auf Drogen reagieren, sondern das Ganze zusätzlich auch noch davon abhängt, ob sie gerade ihre Tage haben oder nicht.

Deine Periode könnte unter Umständen deinen Rausch, das Abklingen der Wirkung und die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, dass du nach dem MDMA-Konsum ins Krankenhaus musst.

Leider ist die Forschung zu genau diesem Thema relativ begrenzt. Das liegt zum Teil an den strengen Vorgaben im Bezug auf Drogenstudien mit menschlichen Probanden, aber auch an dem Grund, warum Frauen vielleicht überhaupt erst anders auf MDMA reagieren: die Periode. Laut David Erritzøe, einem Arzt und Forscher am Londoner Imperial College, werden Frauen bei Drogenstudien mit molekularer Bildgebung (die einzige Möglichkeit, die Neurotransmitter-Systeme in einem lebenden menschlichen Hirn zu erreichen) aus zwei Gründen außen vor gelassen.

Zum einen ist das eine Schwangerschaft, weil bei den Studien Radioaktivität eingesetzt wird und somit ein ‚geringes Risiko' für das ungeborene Kind besteht. Zum anderen besteht die Möglichkeit, dass die sich verändernden Hormonwerte der Frauen die Ergebnisse verfälschen könnten. „Studien kosten eine Menge Geld und deswegen versucht man, das Ganze so einfach wie möglich zu halten. Wenn man jedoch Frauen untersuchen will, dann muss man auch noch zusätzliche Wissenschaftler involvieren, um herauszufinden, was durch die jeweiligen Stadien des Menstruationszyklus verursacht wird", meinte er. „Das bedeutet, dass sich Studien oft nur auf Männer konzentrieren. Ich habe mir vor Kurzem mal verschiedene Daten zu den Themen Drogen, Alkohol und Dopamin-System angesehen und dabei ist mir aufgefallen, dass bei den Studien zehn Mal mehr Männer als Frauen teilgenommen haben."

Diese Beobachtung wird durch eine Arbeit untermauert, die die Neurowissenschaftlerin Kelly Allott 2006 veröffentlichte. Im Grunde handelte es sich dabei um ein Best-Of der 38 bis dahin veröffentlichten geschlechtsspezifischen Ecstasy-Studien. In dieser Arbeit erklärt Allott auch das Hauptproblem der fehlenden auf Frauen bezogenen Forschungen. „Die Ergebnisse von vornehmlich männlichen Probanden werden einfach so auf Frauen übertragen. Das ist problematisch, wenn man bedenkt, dass es zwischen Männern und Frauen sowohl pharmakokinetische als auch pharmakodynamische Unterschiede gibt."

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Frauen werden bei den Forschungen außen vor gelassen, weil deren Hormonwerte die Ergebnisse verfälschen. Allerdings kann man so nur schwer mit absoluter Sicherheit sagen, dass dem wirklich so ist. Wenn Frauen und Männer nun wirklich anders auf Drogen reagieren, dann bedeutet das auch, dass die Ratschläge, die uns derzeit zum Drogenkonsum gegeben werden, auf Daten und Forschungsergebnissen beruhen, die nicht zwangsläufig auf Frauen zutreffen.

Dieser Umstand ist vor allem wichtig, wenn man sich erneut mit dem Fall von Leah Betts beschäftigt. Sie erlag einer Hyponatriämie—einem Symptom, das MDMA-Konsumenten betrifft, weil die Droge zum einen ein extremes Durstgefühl auslöst und zum anderen die Absonderung des antidiuretischen Hormons AVP anregt, wodurch man nicht mehr pinkeln muss.

In den 90er Jahren war über die Gefahr von durch MDMA verursachte Hyponatriämie noch nicht viel bekannt und deshalb wies man die Ecstasy-Konsumenten damals an, viel zu trinken. An dem Abend, an dem sie starb, hatte Betts mehr als drei Liter Wasser getrunken. Ihr Natriumspiegel im Blut war gefährlich niedrig und ihre Zellen sogen sich mit Wasser voll. Innerhalb weniger Stunden war ihr Gehirn stark angeschwollen und drückte von innen gegen ihren Schädel—dieser Umstand führte schließlich zum Tod. Der Toxikologie-Experte Professor John Henry war bei der Ursachenforschung im Bezug auf Leahs Ableben dabei. Als er 2005 auf den Fall zurückblickte, meinte er gegenüber BBC: „Damals wurde empfohlen, beim Ecstasy-Konsum viel Wasser zu trinken. Diese Anweisung war tödlich."

Wenn Frauen bei Drogenstudien weiterhin außen vor gelassen werden, dann machen die Forscher die Gefahren von MDMA nicht nur zu einem wissenschaftlichen, sondern auch zu einem sexistischen Problem.

Wie sich herausstellt, kommt Hyponatriämie bei E-Konsumentinnen häufiger vor als bei E-Konsumenten. Bei 90 Prozent der durch Ecstasy verursachten Hyponatriämie-Fälle, die über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg an das California Poison Control System weitergeleitet wurden, waren die Opfer weiblich. Eine Studie aus dem Jahr 2011 zeigte ebenfalls, dass MDMA die AVP-Hormon-Level bei Frauen erheblich ansteigen lässt, bei Männern jedoch nicht. Als Wissenschaftler die Blutkonzentration der Raver des niederländischen Awakenings Festivals untersuchten, stellte sich heraus, dass bei 27,3 Prozent der untersuchten Frauen das Blut so verdünnt war, dass man schon von einer leichten Hyponatriämie sprechen konnte (bei den Männern lag dieser Wert nur bei drei Prozent). Die Forscher schreiben, dass das womöglich daran liegen könnte, dass AVP vom Östrogen reguliert wird: „Unterschiede in MDMA-Metabolismen oder in der pituitären Empfindlichkeit bei der AVP-absondernden Wirkung von MDMA (vielleicht im Zusammenhang mit der Phase des Menstruationszyklus) könnten die jeweilige Tendenz der Frauen zur Hyponatriämie erklären, wenn sie keine zu hohe Dosis MDMA eingenommen haben."

Falls für Frauen wirklich ein potenzielles Risiko besteht, durch den MDMA-Konsum körperlich oder psychisch krank zu werden und falls dieses Risiko dazu noch mit der Phase des Menstruationszyklus zusammenhängt, dann ist das ein Thema, das man erforschen muss. Wenn Frauen bei Drogenstudien jedoch weiterhin außen vor gelassen werden, dann machen die Forscher die Gefahren von MDMA nicht nur zu einem wissenschaftlichen, sondern auch zu einem sexistischen Problem.

Bis dahin kannst du selbst mal darauf achten, ob es dir während deiner Periode nach dem Ecstasy-Konsum beim Runterkommen wirklich viel schlechter geht oder nicht.

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